Zweierlei Maß…

Es regnet. Schon seit dem Wochenende. Ununterbrochen. Der Blick schweift vom Arbeitsplatz am Fenster über die mittlerweile seeartigen Pfützen, die sich knöcheltief in den Mulden der topografisch kreativ verlegten Gehwegplatten ausbreiten. Wie viel Wasser mag sich in einer solchen Pfütze wohl sammeln? Und wie misst man das? Also, in welcher Einheit? Denn: Wir leben in zwei Welten, und zwar messbar, nicht nur gefühlt.

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Im Daily Telegraph entspann sich anlässlich des trüben Wetters kürzlich ein regelrechter Grabenkrieg um die Frage, ob Niederschlag in Millimetern oder in Inch (also Zoll) angegeben werden solle. Eine Umfrage unter den Lesern ergab ein durchaus gespaltenes Bild, von: „Überall auf der Welt wird der Niederschlag metrisch angegeben, warum nicht auch bei uns?“ bis zu: „Kein Zoll breit werden wir weichen vor diesem schändlichen Versuch kontinentaleuropäischer Subversion!“ – Eine Dame versuchte die ideologische Kriegsführung mittels eines scheinbar rationalen Argumentes zu entschärfen, indem sie schrieb, dass sie sich unter einem Tausendstel Meter nichts vorstellen könne. Das ursprüngliche Maß für ein Zoll aber sei die Daumenbreite gewesen, und das sei doch sehr plastisch. Ob sie sich für die Angaben: 1/8, 1/16 und 1/32 Zoll an entsprechender Stelle Markierungen in den Daumen kerbt, ließ sie leider offen.

Metrisches oder „imperiales“ Maß – das ist hier ein Frage jenseits aller Praktikabilität der sonst doch so pragmatischen Engländer. Die wenigsten Insulaner haben bislang ihren Frieden mit dem metrischen Maß gemacht, nicht nur weil der Urmeter in Paris liegt, und alles Französische mit Argwohn betrachtet wird (es sei denn, es handelt sich um Ess- oder Trinkbares). „Und wenn die ganze Welt Meter und Kilogramm benutzt, werden wir uns diesem Diktat niemals beugen!“ Die anderweitig immer gern bemühte Devise „whatever works“ hat in dieser Domäne keine absolute Gültigkeit.

Aber die Front ist nicht mehr einheitlich, wie die hausinternen Recherchen der Telegraph-Reporterin zeigen: Die Meteorologen neigen offenbar dazu, den internationalen Standard Millimeter anzugeben, die Redakteure in ihrem bekannt grenzenlosen Verlangen nach Schlagzeilen fordern auch die Zollangabe – und setzen dann munter diejenige Einheit, die nach mehr Wasser klingt, wenn mal wieder die berühmten „sintflutartigen Regenfälle“ zu beschwören sind, oder eben die Einheit, die scheinbar  weniger Wasser vermeldet („Dürre!“). Gleiches Spiel mit den Temperaturen: -4 Celsius klingt gleich viel frostiger als 25 Fahrenheit. Während 25 Celsius eher lau wirken gegenüber: Puh! 77 Fahrenheit! (Die Gradangabe wird gern geschludert)

So ist es ein lustiges Durch-, Mit und Nebeneinander von Meilen und Kilometern (Zum Glück verfügt unser Auto über eine Tachoscheibe mit beiden Einheiten), Yards und Metern, Füßen und Zentimetern, Short Tons (USA), Long Tons (GB) und metrischen Tonnen. Hinzu kommen noch ein paar amerikanische Maße, wie das Pfund (0,45359237 Kilogramm) und die Unze oder Ounce (0,028349523 Kilogramm – nicht zu verwechseln mit der fluid Ounce = 29,57353 Milliliter).

Ein besonderer Spaß ist es, den Spritverbrauch hiesiger Autos zu berechnen. Glücklich derjenige, der in der Schule beim Dreisatz aufgepasst hat. Die Angabe kommt nämlich nicht in Liter pro 100 Kilometer, sondern in Kilometer pro Gallone, und die fasst 4,54609 Liter – sofern es sich um eine britische Gallone handelt. Amerikanische Gallonen sind erstaunlicherweise kleiner dimensioniert: 3,7854118 Liter. Unser Volvo macht zum Beispiel 41,32 Meilen pro Gallone (GB), und das sind… na, naaaaa? Die Antwort lautet: Wird schon ganz ok sein.

In ähnlicher Weise ergeben sich für den frisch zugezogenen Kontinentaleuropäer zahlreiche Fragen um‘s rechte Maß: Muss ich eine Jacke mitnehmen, wenn der Wetterfritze 32 Fahrenheit ankündigt (ja), wie groß ist jemand, der 4 Fuß 10 misst (klein? groß? so mittel? eher Zwerg), werde ich von einem Quarterpounder in der Bulettenbraterei mit dem großen M satt (Yep)? Und vor allem: Wie viel ist ein Pint? Ja sicher, ein Pint ist ein ordentliches Glas →Bier  (nicht zu verwechseln mit einem Glas ordentlichen Biers, doch davon mehr an anderer Stelle). Aber wie viel ist das wirklich, ein Pint, also in Echt jetzt? Nun, die Milchflasche gibt Aufschluss: Die wirbt nämlich damit, dass sie ganze 4 Pints fasst: 2,272 Liter verkündet das Etikett. Das macht dann für das einzelne Pint… Moment, hab‘s gleich… so: 0,568 Liter – also schon ein ganz ordentlicher Humpen.

Für den Normalverbraucher sind diese verschrobenen Angaben amüsant (selten) bis lästig (in allen anderen Fällen). Ärgerlich wird es nur dann, sollte man auf die Idee verfallen, ein vom kontinentaleuropäischen Festland mitgebrachtes Stück Sanitärinstallation mit der hiesigen Wasserwelt zusammenbringen zu wollen, und sei es nur der Gardena Gartenschlauch mit dem Wasserhahn auf der Terrasse. Man ist schon geneigt, Boshaftigkeit dahinter zu vermuten, dass die Gewinde immer gerade nicht passen. Ich habe allerdings den Versuch gar nicht erst gemacht, klingen mir doch aus meiner Kindheit immer noch die vielfarbigen und immer wiederkehrenden Flüche meines verehrten Herrn Vater in den Ohren, wenn er regelmäßig frustriert nach Hause kam und davon berichtete, wie er, der gelernte Konstrukteur, mal wieder versucht hatte, ein aus dem Vereinigten Königreich geliefertes Maschinenteil mit den Gerät aus heimischer Produktion zu verheiraten, und ebenso regelmäßig daran scheiterte, oder nur mit viel Trickserei eine provisorische Lösung zusammen schustern konnte (und als deutscher Ingenieur hasst er Provisorien).

Bevor ich mich nun aber maßlos verzettele oder das rechte Maß für die Länge eines Blogeintrages völlig verloren geht, werde ich mich mäßigen und diesen Artikel nunmehr beenden…

3 Gedanken zu „Zweierlei Maß…

  1. „Ein ordentliches Glas Bier ist nicht zu verwechseln mit einem Glas ordentlichen Biers“. Indeed it isn’t! So mind the gap!🙂 Cheers, brilliant blog, and and here’s to the next couple of pints in Londontown, Chistian

  2. Super Blog!Hast es auf den Punkt gebracht! Kaum ist man auf der Insel (der Unglückseligen),wird man zum überzeugten Kontinentaleuropäer.Ein bisschen mehr Einheitlichkeit ist eben doch schön-und sei es nur bei der Gartenschlauchmontage!Alles Gute bei deiner weiteren Entdeckungsreise!

  3. Pingback: Things to do (when in London) – Teil 1: Rund um Trafalgar Square | Mind the Gap!

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