Londoner Schnäppchen

Der typische Londoner Freitag Abend: Essen beim Inder, Heimweg, Schaufensterbummel. Nicht alle Auslagen natürlich, nur die lustigen: Der Herrenausstatter in der Jermin Street zum Beispiel, der über hundert verschiedene Rasierpinsel im Angebot hat (selbstredend nur Naturhaar) und ebenso viele Schuhanzieher-Modelle. Oder die Londoner Konditoren in der Carnaby Street in Soho mit ihren vielstöckigen, üppig verzierten Hochzeitstorten, bei dessen Anblick das Kauwerk in übler Ahnung zu schmerzen beginnt.

Die schönsten Schaufenster allerdings unterhalten die hiesigen Immobilienvermittler. Nicht aus ästhetischen Gründen freilich – Aufsteller, Fotos und Dramaturgie der beschreibenden Texte sind von großer Sachlichkeit und stilistischer Zurückhaltung geprägt – sondern wegen des Unterhaltungswertes ihres Inhaltes, oder sagen wir besser: der Bepreisung des selbigen. Beim abendlichen Verdauungsspaziergang sorgen die beworbenen Studios, Wohnungen und Häuser bei uns inzwischen regelmäßig für ausgelassene Heiterkeit und gesteigertes Amusement.

So ließen wir unsere Blicke kürzlich über die Auslage eines einschlägig bekannten Wohnstätten-Krämers schweifen und entdeckten folgendes Angebot.

Die (vermutliche) Empfangshalle macht einen durchaus geräumigen Eindruck, wahrscheinlich ist das Haus auch sonst nicht eben beengt – nähere Angaben blieb das Angebot schuldig. Allein der Mietpreis aber veranlasste uns mehrfach, die Zahl der Ziffern zu überprüfen und ein mögliches Verrutschen der Interpunktion zu erörtern. Aber nein: 10.384 Pfund (und 64 Pence, das wollen wir hier nicht unterschlagen)! Und der Mietpreis ist wie hier üblich a) nicht pro Monat sondern pro Woche und b) kalt ohne Nebenkosten, wobei hier auch die Kommunalsteuer gesondert vom Mieter zu tragen sind. Aber immerhin möbliert, die Hütte! Na dann…

Entdeckungen wie diese sind hier jederzeit möglich: Vor einigen Wochen waren wir in Kensington unterwegs – zugegeben, neben Chelsea eine der teuersten Wohngegenden Londons. Aber das Verkaufs-Angebot einer Doppelhaushälfte mit Gartenmitbenutzung für 10,5 Millionen Pfund fanden wir doch einigermaßen atemberaubend. Dabei hatten wir geglaubt, dass wir uns an die hiesigen Preise mittlerweile gewöhnt hätten. Unser eigenes Drei-Zimmer-Heim in Acton (ein Stadtteil im Westen, in das bis vor einem Jahrzehnt Taxifahrer des Nachts den Transport verweigerten) könnten wir in der Kölner Innenstadt für die Hälfte bis ein Drittel des hiesigen Monatsabschlages mieten. Aber Köln ist ja auch bekannt für seine moderaten Mietpreise…

Und so sieht man auch beim Spaziergang durch weniger betuchte Wohngegenden vor den kleinen Reihenhäusern, die andernorts von Vertretern der Arbeiter- oder unteren →Mittel-Klasse bewohnt würden, vom ortsüblichen →Chelsey-Truck bis zu Bentley Lamborghini alles an Nobelkarossen geparkt, was Geld kaufen kann. Ein frei stehendes Haus, womöglich noch mit eigenem Garten – das kann sich nur derjenige leisten, den man selbst hier ohne jeden Vorbehalt als „seriously rich“ bezeichnen darf.

Bisweilen verschlägt es angesichts der hiesigen Immobilienpreise sogar den Londonern die Sprache. Die Annonce für ein „Studio“ in Soho schaffte es bis in den „Evening Standard“: Für einen fensterlosen Hinterhof-Schuppen von der Größe eines Ziegenstalls, dessen einzige natürliche Lichtquellen zwei Dachluken waren, verlangte der Verkäufer verträumte 650.000 Pfund. Das schlimme dabei ist nicht, dass irgend jemand glaubt, diesen Preis aufrufen zu können, ohne dafür wahlweise in den Knast oder die Klapse zu kommen. Das schlimme ist: Er hat recht! Irgend jemand wird ihm das Geld geben, irgend ein Einkommensmillionär wird seinem Töchterchen den Verschlag als Künstleratelier ersteigern, damit sie dort für die versammelten Hippster von Soho Schlüsselanhänger aus Filz fertigen kann oder etwas ähnlich Einträgliches. Denn Soho ist schließlich nach wie vor das Viertel der Coolen und Kreativen. Und, wie der Brite sagt, bei der Wohnungssuche zählt nur eins: „location, location, location“.

Übrigens ist nicht nur bei Wohnungsmiete und Hauskauf die Preis-Skala nach oben offen, auch der Zutritt zu Gesangsdarbietungen und sportlichem Wettstreit ist der Wahnsinn zwar grenzenlos aber durchaus bezifferbar. Mehr dazu demnächst in diesem Theater.

2 Gedanken zu „Londoner Schnäppchen

  1. Hier sieht man, warum London als vermutlich teurste Metropole der Welt diesen Rang Tokyo streitig gemacht hat.
    Viele Banker o.ä. zieht es ja nach Westen in Richtung New Forest. Man wohnt im Grünen, und mit dem Zug ist man in ca. 30 – 40 min in London City.
    Da werden alte unsiloierte Bauernhäuser schon mal schnell 7-stellig. Kein Wunder, daß die Jugend der alteingessenen Familien das Weite sucht.

    Was ist übrigens gegen Pasierpinsel einzuwenden?😉 Natürlich Nur mit Silberspitze, dem besten Haar am Dachsrücken! In Verbindung mit einem guten Stück Rasierseife und einem Rasiermesser das Rasurerlebnis überhaupt! Wie sagt ein englisches Forum, welches sich mit der Messerrasur beschäftigt? „If you are a real man, than shave like one“

    In diesem Sinne alles Gute aus Heidelberg für ein schönes Wochenende

    • Nichts ist gegen Rasierpinsel einzuwenden, ebenso gegen Schuhanzieher. Und ich verspreche Dir, wenn Du nach L. kommst, lassen wir keinen Gentleman’s Grooming-Shop in der Jermin Street aus🙂

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s