Vom Spielfeldrand…

John war mal wieder da. John ist unser Hausverwalter und Europa-Hasser. John ist sehr nett.

Diesmal hatte er Frank dabei, der für John die Wartung unserer Gastherme besorgt („Vaillant – a really reliable German product“). Und während Frank wartete, gerieten John und ich aneinander. Das passiert jedes mal. In der Küche spielen wir dann den britisch-kontinentaleuropäischen Disput nach, so eine Art Reenactment der großen Politik mit unzulänglichen Mitteln. John reibt mir die mangelnde demokratische Legitimation der Eurokraten in Brüssel unter die Nase, und ich lache ihn aus, weil dieses Argument nicht gerade überzeugend ist vom Vertreter eines Landes, dessen Oberhaupt sich auf Erbfolge und Gottesgnadentum beruft.

Nun je, John jedenfalls ist mit jeder Faser gegen Europa und noch viel mehr gegen den Euro. „Jede Nation für sich,“ sagt er, „das hat jahrhundertelang prima funktioniert, und Deutschland wäre mit der Mark auch viel besser dran.“ Das ist eine Sicht, die hier oft zu hören ist. Viel Sympathie übrigens auch für die Deutschen, dass die keine Lust haben, den Rest Europas auf ewig mit zu finanzieren. Die Frage für die Meisten hier – so mein Eindruck – ist nicht ob, sondern nur wann der Euro auseinanderbricht, und das wird auch nicht als Desaster betrachtet, sondern als Befreiung. Das Desaster, so die allgemeine Auffassung, ist der Euro selbst.

Das Interessante ist, dass die britische Regierung momentan die exakt entgegengesetzte Sicht vertritt. Nicht, dass sie plötzlich den Euro toll fände, um Himmel Willen! Nur, wo er jetzt schon mal da ist, müsse man ihn unbedingt retten. Und Deutschland natürlich voran. Vor einigen Wochen bereits trommelte der Historiker und Euro-Kritiker Niall Ferguson dafür massiv in der Times.

Eine aus kontinentaler Sicht kuriose Volte: Die traditionell äußerst euro-skeptischen Briten verlangen mehr Europa! Gestern legte Schatzkanzler George Osborne nach, mit einem Artikel im Sunday Telegraph, in dem er über die Finanzkrise sinnierte, die Zukunft des Euros und die Rolle Großbritanniens in dem Spiel. Der liberale Vizepremier beschwor darin einen „Moment der Wahrheit für die Eurozone“ und forderte die Europäer auf, näher zusammenzurücken, die europäische Integration durch eine echte Finanz- und Banken-Union zu vertiefen, und rief die Deutschen dazu auf, für den Schlamassel die Rechnung zu übernehmen.

Die Argumentation, die seit geraumer Zeit hier Allgemeingut geworden ist, läuft in etwa so: „Wir hatten Recht, dass wir mit dem Euro von Anfang an nichts zu tun haben wollten und draußen geblieben sind. Aber Ihr musstet ihn ja unbedingt haben, also geht den Weg nun, bitteschön, bis zu Ende. Sonst rutscht nicht nur Ihr in eine „verlorene Dekade“ der Dauerrezession, sondern – was noch viel schlimmer ist – Großbritannien gleich mit. Denn dass wir jetzt schon in der Rezession sitzen, ist ausschließlich dem schwächelnden Kontinent zu verdanken, in den fast die Hälfte aller unserer Exporte gehen. Also, macht jetzt mal voran, während wir uns vornehm zurück halten, vor allem mit Finanzhilfen, denn Ihr habt Euch da ja selbst reingeritten.“ – Jaja, vom Spielfeldrand ruft es sich immer sehr kommod ins Geviert…

Der wohlfeile Aufsatz Osbornes zeigt sehr hübsch, wie man zugleich Recht haben und trotzdem völlig daneben liegen kann: Natürlich muss die Integration auf dem Finanzsektor vertieft werden, wenn es eine Zukunft für den Euro in der jetzigen Form und Ausdehnung geben soll, ansonsten werden „die Märkte“ (wer-oder-was-auch-immer das sein soll) den Euro-Ländern eine Achterbahnfahrt erster Kajüte bescheren, bis der Euro irgendwann doch auseinander bricht. Und Deutschland wird im Laufe des Prozesses den Löwenanteil der Kosten übernehmen müssen, auch klar. Interessant ist aber, dass der Schatzkanzler just bei dieser Frage für sein eigenes Land nicht gelten lässt, was er Deutschland selbstverständlich aufbürden möchte: Die Rechnung dafür zu übernehmen, dass man von einem funktionierenden einheitlichen Markt wunderbar profitiert hat und auch wieder profitieren möchte: Die Deutschen haben am meisten vom florierenden Euro, also sollen sie selbstverständlich zahlen. Großbritannien schwächelt aufgrund des schwächelnden Euros, also seht zu, wie Ihr die Sache allein wieder ans Rollen bringt – und selbstverständlich zahlen wir nicht!

Diese selbstgefällige Verlogenheit könnte man ja noch durchgehen lassen, stimmte denn die Analyse, dass Großbritanniens Wirtschaft nur deshalb in die Knie geht, weil die Europäer nicht in die Hufe kommen.

Hier ist es aufschlussreich, sich mal eine Kennzahl für die Entwicklung der britischen Wirtschaft anzusehen (keine Angst, es bleibt die einzige): Der Anteil der hiesigen an der weltweiten Exportwirtschaft ist von 4,4 Prozent zur Jahrtausendwende auf 3 Prozent gefallen, ein Rückgang um ein Drittel (!) innerhalb eines Jahrzehnts, begonnen weit vor der Eurokrise und sicher nicht allein den steigenden Exporten der aufstrebenden Bric-Staaten zuzurechnen.

Großbritannien hat schlicht nichts mehr zu exportieren, wie der Guardian am Wochenende augenfällig darstellte. Titel: Little Britain. Analyse: Seit Jahrzehnten hat Großbritannien konsequent den Produktionssektor vernachlässigt. Der Ausverkauf der einst dominierenden Autoindustrie (mit 250.000 Beschäftigten war die Autofabrik Longbridge bei Birmingham in den 60ern die weltweit größte) und der Niedergang der Computer-Branche (vergangene Woche verkündete die „Times“, dass der letzte namhafte Computer-Hersteller Britanniens in ausländische Hände gewechselt ist) sind nur die herausragenden Großbeispiele für die Tatsache, dass auf der Insel nichts mehr hergestellt wird, was irgend wo auf der Welt wertgeschätzt wird. Oder kann irgend jemand ein Produkt Made in Britain nennen, das weltweit begehrt ist und wertgeschätzt wird (abgesehen von der Queen und Billig-Pralinen á la „Quality Street“)?

Selbst in der Pop-Musik ist es mit Welt-Exporten so eine Sache, wie beim Diamond Jubilee Concert vor dem Buckingham Palace zu besichtigen war: Die Top-Acts des Abends waren die Veteranen Elton John, Tom Jones und Paul McCartney, alle drei schon vor Jahrzehnten von der Queen für ihre Verdienste um die Populärmusik zum Sir geadelt, während Jessie J., Kylie Minogue und, ach, den gibt‘s auch noch? Robbie Williams ins Vorprogramm verbannt waren. Aber das nur nebenbei.

Die Guardian-Autoren sehen Großbritannien im Jahr 2014 auf das Niveau eines Drittweltstaates abstürzen. So weit wird es vielleicht  nicht kommen, aber offenbar macht sich in der Bevölkerung eine häßliche Ahnung breit. Ist es erwachende Erkenntnis, Einsicht in den Bedeutungs-Verlust oder nur das Pfeifen im Walde, wenn allenthalben Ausstellungen die Massen anziehen wie das viel gerühmte „British Design 1948-2012“ im A&V Museum, das eine Zeit feiert, in der sich der Wandel von „Rule Britannia“ zu „Cool Britannia“ vollzog? Dummerweise gibt die Ausstellung keine Auskunft darüber, was danach kommt (jedenfalls hoffentlich nicht „Fool Britannia“).

Erste Anzeichen für einen Sinneswandel sind zu beobachten: Auf Channel 4 lief neulich eine Serie um eine Unternehmerin, die tatsächlich versuchte, eine Unterwäschemarke zu etablieren, die komplett auf der Insel produziert wird. Ausgerechnet in der Textilindustrie, der Ikone einstmaliger Größe der britischen Industrie und anschließend Symbol ihres Niedergangs! Man wird sehen, ob sie eine Chance hat.

Sollen solche Unternehmungen keine Einzelfälle bleiben, muss Großbritannien politisch einen ganz anderen Weg einschlagen als den, den es in den vergangenen drei Jahrzehnten gegangen ist: „Großbritannien darf nicht allein auf den Finanzmarkt starren!“, sagte Frank, als er mit der Wartung unserer Gastherme fertig war. Bis dahin hatte er zugehört, wie John und ich uns die Köpfe heiß geredet hatten. „Wir müssen wieder anfangen, Dinge zu produzieren, Artikel von guter Qualität. Billig können die in Asien besser.“ – Das klingt vernünftig, deutlich vernünftiger als die Sündenbock-Einlassungen des Vizekanzlers. Weg vom Fetisch Hochfinanz, von der Monokultur des flüchtigen Geldes, hin zu hochwertiger Qualität und nachhaltiger Produktion durch qualifizierte Fachkräfte. Sexy klingt das natürlich nicht. Und für solch einen Kurswechsel fehlen Kraft und Wille in der britischen Politik.

Da ist es doch deutlich bequemer, vom Straßenrand aus auf den Esel Europa zu zeigen und gute Ratschläge zu erteilen, wie man das bockige Huftier wieder auf Trab bringt. Die Ironie der Geschichte könnte allerdings sein, dass dieser Plan am Ende gelingt, Europa durch die Krise nicht nur zusammenrückt, sondern auch noch politisch gestärkt aus ihr hervorgeht. Sollte das wider Erwarten passieren, dann kenne ich schon jemanden, der sich lauthals darüber beklagen wird, dass er in der EU nichts mehr zu melden hat…

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