Londoner Schnäppchen, Teil 2

Die Tage von Bobbele und Steffi sind längst Geschichte, aber das jährliche Hochamt des Tennissports wird immer noch in Wimbledon gefeiert. In einer Woche geht‘s wieder los und Tickets dafür gibt‘s auch, wie man einer Anzeige in der Daily Mail entnehmen kann (nicht eben das Hausblatt der finanzstarken Schichten):

Gewiss ist Wimbledon ein hübsches Städtchen am südlichen Rand Londons und sicher einen Besuch wert. Aber 800 Pfund für ein Tennis-Match? (Dabei sind, wie ich soeben der Financial Times entnehme, die Preise für Tickets in diesem Jahr um 20 Prozent gefallen! – Montag, 25.6.2012)

Bemerkenswert sind dabei nicht nur die lächerlich hohen Preise und das, was man dafür zu sehen bekommt: Männer in kurzen Hosen und Tennissocken (wehe, wenn das deutsche Touris tragen…) und ebenso kurz berockte Damen, die stundenlang kleine grüne Filzbällchen über das grobmaschige Netz prügeln.

Interessant sind vor allem die Abstufungen zwischen den Geschlechtern: Für die 795 Pfund bekommt man zwar Männlein wie Weiblein zu sehen, allerdings nur in den Vorrunden. Ab dem Viertelfinale teilt es sich, und zwar kräftig, so dass man für das Herrenfinale auf dem Centre Court 3.695 Pfund auf den Tennis-Tresen legen muss, während man schon für 995 Pfund zusehen darf, wie sich die Damen zum Sieg stöhnen. Gerecht?

Jedenfalls war das kürzlich angebotene Sting-Konzert im Vergleich wohl tatsächlich ein Schnäppchen: Für seinen Auftritt im Hammersmith Apollo (quasi das hiesige E-Werk) habe ich mich um Karten bemüht: Um jemanden von diesem Kaliber in einem verhältnismäßig so kleinen Laden zu sehen und zu hören, hätte ich durchaus ein paar Pfund mehr ausgegeben.

Um es kurz zu machen: Ich ließ es sein. Zwar gab es Karten ab 68 Pfund, die aber nicht nur im zweiten Rang hinten, sondern „mit Sichtbehinderung“. Die Ticketpreise sprangen dann mit zunehmender Nähe zur Bühne munter nach oben, so dass ein Platz in der ersten Reihe nicht 200, nicht 500, nein, 853 Pfund kostete. Vorverkaufsgebühr inklusive, immerhin.

Nun werden solche Preise in der Regel nicht vom Veranstalter aufgerufen, sondern von dubiosen Ticket-Agenturen, meist online verhökert: Die Agenturen sichern sich über irgendwelche dunklen Wege Kontingente, die es offiziell nicht gibt und gegen darf, warten nach Vorverkaufsbeginn ein paar Stunden ab, bis alle regulären Karten weg sind, und beginnen dann mit ihrer ganz eigenen Preisgestaltung aus dem Hause Wolkenkuckucksheim. Das Überraschende ist auch hier wieder nicht, dass diese Krämerseelen es versuchen, sondern dass die Tickets tatsächlich für diese Preise über den virtuellen Ladentisch gehen.

Natürlich ist das auch bei Olympia so und als vergangene Woche noch einmal ein Schwung Tickets freigegeben wurde, hatten die meisten mal wieder das Nachsehen (im Vorfeld hatte es massive Proteste von zehntausenden Engländern gegeben, weil sie trotz frühzeitiger Versuche keine Chance bekommen hatten, die Spiele im eigenen Land live mitzuerleben. Scheint sich nicht viel geändert zu haben). Ein Kollege vom Daily Telegraph berichtete nach einem Selbstversuch seufzend, dass 86 Pfund für die Vorrunde im Tischtennis nicht ganz seinen Vorstellungen entsprachen, aber als er noch einen Moment überlegte, sei der Preis ums das Dreifache nach oben geschnellt. Das Finale im Weitsprung der Damen für 675 Pfund wiederum fand nicht die Zustimmung seiner Gattin.

Da wird‘s doch das Sofa vor dem Fernseher werden, wie für die meisten. Die Atmosphäre mag nicht ganz so aufregend sein, wie vom Rang – aber die bessere Sicht hat er da allemal. Und der Rest der Londoner wird eh versuchen, sich so weit wie möglich von allem fern zu halten, was mit den Olympischen Spielen zu tun hat. Die Online-Agenturen nehmen noch Wetten an, ob der Verkehr nur teilweise oder ganz zusammenbrechen wird, aber das ist wieder ein anderes Thema…

Nachtrag: Tausende Olympia-Tickets sollen von Mitarbeitern des Internationalen Olympischen Komittees auf dem Schwarzmarkt verkauft worden sein.  Wie der Sunday Telegraph gestern (17.6.) meldet, sind Untersuchungen zu diesem Vorwurf angelaufen. Bei den Eintrittskarten soll es sich um die besten Plätze im Olympischen Stadion handeln, einige davon sollen zum 10-fachen des normalen Preises losgeschlagen worden sein: 6000 Pfund Sterling.

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