Cappuccino? Macchiato? – Alles kalter Kaffee!

Kaffee! Der einzige klare Gedanke, der sich im wattierten Hirn formen will beim Ausstellen des iPhone-Wecktons (furchtbares Geräusch – und nicht mal draufhauen darf man wie auf die alten mechanischen Rappeldinger). Ja, Kaffee! Also: Wasser aufsetzen, Filter… halt! Erst Katzen füttern. Filter? Puh, der letzte! Ommas guter Porzellan-Trichter (irgendwann klebe ich auch den Henkel wieder dran, bestimmt), Thermos-Kanne, heißes Wasser druff, fertig.

Ja, ich gestehe hier, ohne Zwang und vor aller Welt: Bei mir gibt‘s Filterkaffee. Handaufguss. Schon immer. Der ist nicht großartig, aber ordentlich.

Geht – ja – gaaar – nicht!! Im Sinne von: Willst Du mich vergiften? Nein, will ich nicht, aber den Hype um den ganzen durch die Bohne geschossenen Kaffeequatsch habe ich nie verstehen können. Guter gepresster Kaffee ist gut, schlechter gepresster Kaffee leider hunds-miserabel. Und um auf diese Weise richtig guten Kaffee zu machen, braucht es nicht nur die Schrankkoffer große Edelmetall-Maschine italienischer Provenienz mit eigenem Wasseranschluss zum Preis eines Kleinwagens, sondern auch eine mehrjährige Ausbildung zum Barista, denn Kaffeesorte und -Körnung, sowie je nach Härtegrad Wassertemperatur und -Druck wollen wohl gewählt sein – abgesehen von der täglichen kompletten Reinigung des detailreichen Innenlebens des Espresso-Generators. Ganz ehrlich: Ich weiß eine gute Tasse Kaffee zu schätzen, aber…puh!

Dem Autoren sind Leser dieses Blogs bekannt, die darüber hinaus auch eine Röstmaschine ihr Eigen nennen und in wochenlangen Experimenten Kaffeesorten, Röstintervalle und Mahlgrade verfeinern. Ich bin bereits in den Genuss sowohl des fertigen Heißgetränkes gekommen, wie auch in den Besitz von Kaffeebohnen aus eben jenem Röstvorgang (jede einzelne in Gold aufzuwiegen scheint mir nicht übertrieben). Hochachtung vor solcher Mühsal, Respekt und immerwährende Ehrfurcht. Hat aber wenig mit dem zu tun, was in den meisten Haushalten passiert zwischen Senseo, Nespresso, DeLonghi und Lavazza.

Dummerweise ist die notwendige Liebe zum Detail gepaart mit anschließender Reinlichkeit auch nicht jedem Café-Betreiber eingeboren, was zu bisweilen bestürzenden Ergebnissen führt. Dem Bohei um Capuccino und Co. tat das nie Abbruch, was dazu geführt hat, dass die Preise für ein(e) Tasse/Becher/Eimer Bohnenbrühe massiv gestiegen sind, proportional dazu die Qualität allerdings nicht mithalten konnte.

Ist das der Grund, oder doch nur die Notwendigkeit, mal wieder eine neue Sau durch‘s Dorf zu jagen – jedenfalls war ich zunächst reichlich überrascht, dann übermäßig erfreut, und schließlich amüsiert, als ich vor einiger Zeit zum ersten Mal meine Schritte von der Tube-Station Warren Street um die Ecke zum ARD-Studio lenkte. Durch die große Glasscheibe des auf eben jener Ecke ansässigen Coffee-Shop No. 114 entdeckte ich den Barista bei seiner Arbeit.

Großbritannien hat sich in den vergangenen Jahren vom Tee- zum Kaffeeland gewandelt. Das Nubische Schwarzwasser wird mittlerweile nicht nur mehr getrunken, es hat auch ein höheres gesellschaftliches Ansehen. So schießen überall Kaffee-Ketten-Plagen aus dem Boden wie Starbuck‘s, Costa‘s, Nero, aber auch gemütliche kleine Cafés mit netter Bedienung und tatsächlich gutem Kaffee. Und eins der trendigsten dieser Trendcafés ist eben jener Coffee-Shop No. 114.

Denn neben dem handelsüblichen Espresso-Monster reihen sich dort vier Porzellan-Trichter, erhoben auf zwei parallel laufenden Kupferrohren, von denen tief schwarzes Bohnenfiltrat in die darunter bereit stehenden Tassen tropft, während am oberen Ende der Apparatur ein junger Mann behutsam heißes Wasser aus einer Designer-Kanne auf das Pulver – nein, nicht gießt: es benetzt! (nachdem er den Filter bereits in unbefülltem Zustand angefeuchtet hat). Immer wieder hält er ein, begutachtet den Kaffeesatz, stochert vorsichtig mit einem Holzlöffel darin, schenkt noch einmal vorsichtig nach, so lange, bis er sieht, dass es gut ist.

Das Ganze ist natürlich keine Allerweltshandlung, nein, es hat etwas von einer Kunstform, Performance, Zeremonie – und von einer Form praktizierten Glaubens. Ja, doch, es scheint etwas von einem Hochamt durch, dieses Filterkaffee-Ritual. Hier wird nicht Wasser in Wein verwandelt, aber immerhin Wasser in schwarzes Wasser. Jedenfalls umflort jenen jungen Mann etwas sehr Würde-, fast Weihevolles.

6-7 Minuten dauert die heilige Handlung, verrät mir Luke, der freundliche Filter-Fachmann, und freut sich offenbar, dass jemand für die Details der Kaffeebereitung Interesse zeigt. Kenntnisreich spricht er vom V60-Kaffeetrichter, der das Herzstück der Prozedur ist, von Columbia Finca Santuario und Heliconias Red Bourbon, den beiden Kaffeesorten, die sie hier für das Kaffeefiltrat benutzen, und davon, wie das Wasser hier noch Zeit hat, das ganze Aroma aus dem Pulver zu lösen. Im Café No. 114 waren sie die ersten in London, die so etwas angeboten haben, sagt Luke. Inzwischen gebe es auch einige andere Cafés, aber immer noch sei es für die Londoner eine neue Erfahrung, ein Trend, der erst langsam anfange, Fahrt aufzunehmen. Aber: Er kommt!

Jawoll, meine Herren: Wer heute Filterkaffee bestellt, ist ganz vorn dabei! Espresso? Macchiato? So was von Nullerjahre!

Ich wußte es: Irgendwann bin ich Trendsetter. Allen voraus. Uneinholbar. – Naja, vielleicht bin ich auch nur soweit zurück gefallen, dass irgendwann von hinten die Retrowelle heran schwappen musste.

Was aber mag der nächste Trend sein? Vielleicht Türkischer Kaffee, so ohne Filter und mit Bodensatz? Vielleicht sollte man mal die Anschaffung einer Espressomaschine in Erwägung ziehen, die Preise dürften bald angenehm fallen…

2 Gedanken zu „Cappuccino? Macchiato? – Alles kalter Kaffee!

  1. Sehr gut! Da die gute alte Saeco den Geist aufgegeben hat, bin ich auch zu Filterkaffee zurückgekehrt ! (und: erstaunlich wie gut der mithalten kann- hatte man glatt vergessen)

  2. Pingback: Things to do (when in London) – In der Cabbie-Bud… | Mind the Gap!

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