Wort der Woche: Über

Am Wochenende auf dem Weg zum Fischrestaurant über den Borough Market gelaufen. War als Abkürzung gedacht. Fehler! Sollte man nicht tun, nicht an einem Samstag Mittag. Unter der Woche ist der Markt auf der Southbank eine tolle Gelegenheit, sich von einem Stand zum nächsten durchzufressen, aber ab Freitag Mittag meiden! Das Gewimmel von Ständen unter den Gleisen gleich an der London Bridge ist wunderschön, natürlich völlig überteuert und quillt über von Touristen. Von jedem Stand steigt ein anderer Geruch in die Nüstern (Hunger!), aber das Prinzip Sardine–Dose lädt leider nicht ein zum Verweilen und Lustwandeln, nein, die endlosen Schlangen vor den Fress-Ständen lassen den knurrenden Magen doch durchhalten bis zum geplanten Reiseziel.

Am Stand des freundlichen Brownie-Verkäufers aber musste ich doch innehalten und die Knipskiste zücken, um eine Mode zu dokumentieren, von der ich nicht ganz genau weiß, wie lang es sie schon gibt: Die UBER-Mode.

Als Nabelschau-Geschädigter Deutscher lebt man ja gern in dem Glauben, die heimische Muttersprache sei alles mögliche, aber sicher nicht cool (wie das Wort schon andeutet), und die Übernahme von Fremdwörtern aus dem Englischen, um eben jene Coolness zu erreichen, sei eine Einbahnstraße. Mitnichten! Das Englische hat nicht nur eine Reihe von → deutschen Fremdwörtern übernommen, wie Weltschmerz und Angst, von denen der Angelsachse glaubt, sie entsprängen der besonderen Tiefgründigkeit der deutschen Seele.

Darüber hinaus hat es zumindest ein Wort – oder korrekt: eine Präposition – in den aktiven Wortschatz eines jeden Briten geschafft, der etwas zu verkaufen hat, oder meint, dass die englische Sprache kein Wort bereit hält, um den eigenen Ausdruck des Erstaunens oder der Begeisterung unendlich zu steigern: über das Sagbare hinaus. Ins Unermessliche. Nicht von dieser Welt stammende.

Über lautet dieser Wortbestandteil – gern ohne Ü-Punkte geschrieben, weil deren phonetische Funktion eh niemanden interessiert (und vermutlich wichtiger: weil kein Mensch weiß, wo man diese Sonderzeichen auf einer QWERTY- Tastatur findet).

So las ich also auf dem Schild jenes freundlichen Brownie-Verkäufers von „UBER“-Chocolate. Und weil die Präposition nicht reicht, wurde auch gleich noch ein Substantiv daraus: Dark, Rich and full of ‚Uberness‘ stand da zu lesen – was das im Einzelnen auch genau heißen mag.

Aber vielleicht ist das auch das Geheimnis: das Ungefähre, nicht Eindeutige, das der Fantasie Platz lässt. Denn natürlich könnte der freundliche Brownie-Verkäufer auch das englische Pendant benutzen: Over chocolate funktioniert genauso (oder genauso wenig) – klingt aber vielleicht doch zu schnöde und vor allem: nach „zu viel“ (gerade bei Schokolade nicht immer verkaufsfördernd). Dem Wörtchen Uber dagegen scheint in der Sprachwelt der Engländer etwas Heroisches, Titanisches eigen zu sein, welches das profane Gebäck dem Diesseitig-Irdischen enthebt, gar einen kleinen Anteil am göttlichen Funken verheißt – und sei es nur auf die Dauer eines Mäulchens voll Schokoladen-Kuchen.

Diese Funktion des Jenseitigen hat Uber offenbar auch in kultureller Hinsicht. Am häufigsten ist es mir bislang in der Kombination mit einem bereits erwähnten Wort begegnet: Cool. Vor allem im Zusammenhang mit Kulturveranstaltungen, Mode und Musik taucht es auf, das Kompositum: Uber-Cool. Und zwar genau dann in Rezensionen und Interviews des → Time Out Magazine oder anderer angesagter Postillen, wenn Cool zur Beschreibung der Erlebten nicht mehr ausreicht, und auch super- oder hyper als zu klein, zu leicht befunden werden.

Es ist schon kurios, dass sich die Kulturszene der wohl coolsten Stadt der Welt als Superlativ für Coolness einen Wortbestandteil des Deutschen entlehnt, einer Sprache, die sich selbst für so uncool hält, dass sie dafür nicht einmal einen eigenen Begriff hat.

Ein Gedanke zu „Wort der Woche: Über

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