Reinhören: Da, wo die Queen wohnt…

Als vor einem knappen Jahr klar wurde, dass wir nach London gehen, lästerten meine lieben Kollegen, dass ich dann wohl demnächst als Glamour-Reporter die exklusive Hofberichterstattung über die britischen Royals übernehmen werde (wobei diese Vorstellung aus mir unerfindlichen Gründen gesteigerte Heiterkeit hervorrief). So schlimm ist es (noch) nicht gekommen, aber immerhin: Bis zur Hofberichterstattung habe ich es schon mal geschafft.

Heute (13.7.2012) senden WDR, NDR und SR das Zeitzeichen zur Geschichte des Buckingham Palace (WDR 5 um 9:05 – wer 14 Minuten nicht aushält, dem sei der Stichtag zum selben Thema empfohlen).

Das Stück über die königliche Behausung erzählt davon, wie die überschaubare Stadtresidenz Buckingham House in den Besitz der Königsfamilie gelangte und vom durchgeknallten König George IV. zum Plast aufgeblasen wurde.

Denn, ob man‘s glaubt oder nicht: Buckingham Palace hat es nicht schon immer gegeben. Er ist sogar relativ jung im Vergleich zur britischen Monarchie. Im Jahr 1837 rollten die Umzugswagen ihrer Majestät, heute vor 175 Jahren. Mit 642 Räumen und 600 Angestellten schien er den repräsentativen Ansprüchen einer aufstrebenden Weltmacht weit eher zu genügen als St. James gleich um die Ecke, einem gestauchten Sammelsurium von mehr oder weniger repräsentativen Bauten aus allen möglichen Epochen – an dessen Hof übrigens bis heute noch sämtliche Botschafter und Diplomaten akkreditiert sind.

Buckingham Palace dagegen war so groß und prachtvoll, dass er sich mit dem Elysee-Palast des französischen Erzrivalen messen konnte – und wurde von den Meisten als ästhetische Zumutung empfunden. Zeitgenossen waren außer sich über „diese monströse Beleidigung der Nation, dieses sperrige Getürm, dieses Monument rücksichtsloser Extravaganz!“

Aber wie heißt es so schön: Man gewöhnt sich an allem… gestern noch geschmacklos, heute ein ewiger Klassiker. In den 1850er Jahren gilt Buckingham als das Zentrum des guten Geschmacks.

Dass Buckingham Palace 1837 Monarchen-Sitz wird, hat aber weniger mit ästhetischem Sinneswandel zu tun als mit der juvenilen Nest-Flucht einer 18-jährigen Kron-Prinzessin. Victoria lebt mit ihrer Mutter in einer innigen Feindschaft und zieht unmittelbar nach ihrer Krönung in Buckingham Palace ein.

Die weniger angenehmen Seiten des neuen Domizils bemerkt sie erst nach und nach: Der Untergrund des Buckingham Palace ist sumpfig, die riesigen Räume feucht und kalt – und wo sie ihre künftige Familie unterbringen soll, ist auch nicht ganz klar. Denn George IV. und sein Baumeiter John Nash, ein Theater-Architekt, hatten sich das schön ausgedacht: Ball- und Empfangssäle, Kabinette und eine prächtige Eingangshalle samt Freitreppe. Die Bühne für atemberaubende Demonstrationen royalen Prunks und Pracht war also bereitet. Nur Schlaf- und Wohnräume für das Personal und die königliche Familie – an solch profane Dinge hatte niemand Gedanken verschwendet. Über 600 Räume also und kein Platz zum Wohnen! Also muss noch einmal erweitert werden.

So entsteht zunächst die heutige Front mit Balkon und danach die schweren Eisentore, an die sich die Suffragetten später so gern anketteten, und hinter denen die pelzbemützten Gardeoffiziere sich heute von tausenden Touristen beim täglichen Wachwechsel fotografieren lassen.

Ein Gedanke zu „Reinhören: Da, wo die Queen wohnt…

  1. Pingback: Things to do (when in London) – Teil 1: Rund um Trafalgar Square | Mind the Gap!

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