Olympische Kriegs-Spiele – Die Nervosität steigt

Kreisende Helikopter, Jagdflugzeuge mit Abschussbefehl, Scharfschützen auf Dächern von Wohnhäusern, daneben Luftabwehr-Raketen, sowie einige zehntausend Sicherheitskräfte am Boden: Polizisten, Soldaten, private Dienste. Die Nervosität steigt bei Politik, Behörden, Organisatoren und Medien – und auch bei den Sicherheitskräften. Von der typischen „stiff upper Lip“ der Briten, ihrer stoischen Ruhe im Angesicht von drohendem Unbill, ist zwei Wochen vor der Eröffnungsfeier nicht viel zu spüren. Der Grund dafür scheint ein sieben Jahre altes Trauma zu sein.

Geschafft: Heathrow, Zollkontrolle – die Aussicht auf zweistündige Warteschlangen bei der Einreise hatte bei mir schon vorsorglich für Stressflecken gesorgt, auch wenn die Behörden im Vorfeld beteuert hatten, dass sich das Chaos vom Thronjubiläum nicht wiederholen würde, als zehntausende Einreisewillige stundenlang auf die Abfertigung warten mussten. Heute ist Hauptanreisetag für die Olympischen Spiele, die Organisatoren erwarten Athleten, Funktionäre, Medienvolk.

Doch als ich mich in den Warteschlangen-Slalom vor den Zoll-Büdchen einreihe, ist die Lage entspannt. Ich bin schneller durch die Abfertigung als üblich – natürlich, weil viel mehr Beamte im Einsatz sind als sonst (außerdem ist man jüngst auf den Trichter gekommen, die Dienstschichten der Zollbeamten mit den Ankunftszeiten des größten 747- und A380-Ansturms zu synchronisieren. Wer ihnen wohl diesen Tipp gegeben hat?)

Trotzdem ist die Stimmung angespannt, eine Unwohlsein ist zu verspüren. Der Ton der Meldungen in den vergangenen Tagen und Wochen spiegelt dieses diffuse, ungute Gefühl wieder:

  • Vor zwei Wochen tödliche Messerstecherei in einer Shopping Mall in Ost-London, nur wenige Meter von dem Ort entfernt, wo gerade Deligierte das Olympische Dorf besuchen. Düstere Ahnung machen die Runde in den Kommentar-Spalten;
  • Anfang Juli (6.7., Evening Standard): Ein Reisebus wird auf der Autobahn M6 auf offener Strecke angehalten und von schwer bewaffneten Polizeieinheiten gestürmt. Die Passagiere werden „at gunpoint“ (Gewehr im Anschlag) im Gänsemarsch hinausgeführt, müssen sich auf der Fahrbahn mit deutlichem Abstand aufgereiht hinsetzen und dürfen nicht miteinander sprechen, während sie sich von Sprengstoffspürhunden beschnüffeln lassen müssen. Vier Stunden lang werden sie so im Guantanamo-Stil festgehalten, niemand teilt ihnen den Grund mit für die Freiheitsberaubung. Derweil wird die Stelle im Umkreis von mehreren Kilometern abgeriegelt. Wie sich schnell herausstellt, hat eine elektronische Zigarette, also ein Kippen-Ersatz, den Alarm ausgelöst. Sicherheitsfachleute geben sich überrascht: Darüber, dass so ein Fehlalarm erst jetzt vorkommt und nicht schon viel früher passiert ist. Mit weiteren müsse aber gerechnet werden, heißt es. Ansonsten scheint sich niemand aufzuregen;
  • Am 7. Juli (Sunday Telegraph) wird in der Nähe des Olympia-Geländes ein Terrorverdächtiger festgenommen, der Geheimdienst MI5 vermutet einen Selbstmordattentäter. Insgesamt werden in dieser Woche 14 Menschen wegen Terrorverdachts verhaftet. Was mit ihnen geschieht, bleibt im Unklaren, auch was ihnen konkret vorgeworfen wird;
  • Mittwoch vergangener Woche (11.7., BBC, Evening Standard) stellt sich heraus: Der private Sicherheitsdienst G4S sieht sich nicht in der Lage, die vertraglich zugesicherten 10.000 Sicherheits-Leute zu stellen, angeblich aufgrund von Trainings-Engpässen. Daraufhin verkündet die britische Innenministerin Theresa May zähneknirschend, dass zusätzlich zu den 13.500 bereits geplanten Soldaten weitere 3.500 hinzugezogen werden, um an allen wichtigen Punkten Personen und Taschen zu kontrollieren und für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu sorgen. Die meisten Soldaten werden aus Deutschland herangezogen, kommen gerade aus Afghanistan oder sind auf dem Weg dorthin. Aufruhr in Medien Parlament über die Amateurhaftigkeit, mit einer solchen Nachricht kurz vor Knapp rauszurücken. Die Forderung wird laut, dass „Köpfe rollen müssen“, nicht nur beim Sicherheitsdienst, denn Konventionalstrafen bei Nichteinhalten des Vertrages sind nicht vorgesehen…;
  • Freitag, 13. Juli (Metro): Ein Insider der Pleite-Sicherheitsfirma, ein so genannter Whistleblower, schätzt das Risiko eines Attentats auf die Olympischen Spielstätten auf 50 Prozent ein. Die bislang eingestellten Sicherheitskräfte seien schlecht ausgebildet, und bei Test mit versteckten Messern, Bombenattrappen, Schuss- und Schlagwaffen komplett durchgefallen;
  • unterdessen gehen die militärischen Vorbereitungen für die Olympischen Kriegs-Spiele weiter, der größte Militäraufmarsch in London, seit dem Zweiten Weltkrieg: Auf der Themse liegen mehrere Schiffe der Royal Navy in Bereitschaft vor Anker, darunter ein Hubschrauber-Träger: Tiger-Kampfhubschrauber werden rund um die Uhr über den neuralgischen Punkten kreisen, während unten die „Jugend der Welt“ zusammen kommt, ebenso wie je zwei TyphoonEurofighter. Im Falle eines Falles haben sie bereits jetzt den Befehl, auch zivile Flugzeuge abzuschießen. Auf den Dächern von mehreren hochgelegenen privaten Wohnhäusern werden zur Zeit Batterien von Boden-Luftraketen installiert – trotz des massiven Protestes von Anwohnern. Wie teuer die Sicherheit der Olympischen Spiele wird, wird sich nie genau beziffern lassen. Viele Posten sind in allgemeinen Militär- und Polizeibudgets versteckt. Eins ist aber jetzt schon klar: Es werden die aufwändigsten und teuersten Spiele aller Zeiten in dieser Hinsicht.

Überzogen? Genau richtig? Nicht genug? Wie realistisch das alles ist, wie notwendig all diese Sicherheitsmaßnahmen, können wohl nur wenige beurteilen – ich gehöre nicht dazu, und ich fürchte, auch die, die es einschätzen können sollten, haben nur eine relativ vage Vorstellung vom tatsächlichen Risiko. Was aber ist überzogene Panikmache, was ist gezielte Desinformation, um potentielle Terroristen abzuschrecken, was sind zu Fakten aufgeblasene Geheimdiensthinweise? Auch weiß ich nicht, wie das Ausmaß der Sicherheitsmaßnahmen im Vergleich zu Peking und Athen zu sehen ist (zumindest bei Peking darf man aber vermuten, dass vieles einfach nicht bekannt wurde). Wie würden die Sicherheitsmaßnahmen im Jahr 2012 bei Olympischen Spielen in Deutschland aussehen? Genauso?

Vielleicht. Doch diese Nervosität, diese Angst vor, und Reaktion auf tatsächliche und/oder eingebildete Bedrohungen, scheint mir weit übers Maß hinaus zu gehen. Kühle Rationalität, pures Kalkül sieht anders aus. Was ist aus dem britischen Imperativ für alle Lebenslagen geworden, „to keep a stiff upper lip“? Aus der Gabe, auch im Angesicht von dräuenden Gefahren nicht die Ruhe zu verlieren, Haltung zu bewahren?

Sie scheint weit weg. Der Grund: Das 7/7-Trauma: Die vier Bomben explodierten mitten in der Londoner Innenstadt und rissen 52 Menschen aus dem Leben, mehr als 700 wurden verletzt bei den 7/7 Attacs, wie sie genannt werden, die Anschläge am 7 Juli 2005. Es war der Tag, nachdem London die Olympischen Spiele 2012 gewonnen hatte. Der Schock sitzt tief, bis heute, die Erinnerung ist immer da. Wer sich mit Londonern unterhält, kann das spüren, auch bei denen, die nicht zu Hysterie neigen.

Seit den Juli-Attentaten haben die Londoner jede Maßnahme unterstützt und gut geheißen, die die Sicherheit vor solchen Attacken vorgeblich oder tatsächlich steigert. Der auswärtige Besucher ist überrascht bis bestürzt über die Allgegenwart von → CCTV-Sicherheits-Kameras samt neuester Software für Kennzeichen- und Gesichtserkennung, gleich ob auf öffentlichen Plätzen und Straßen, Privatgeländen, in U-Bahn, Kneipe, Museum. Sicherheitsabfragen beim Bankgeschäft, am Telefon, tausende von Passwörtern werden klaglos hingenommen, solange es nur der Sicherheit dient. Die für die Spiele befürchteten, stundenlangen Warteschlangen bei der Einreise werden als Skandal empfunden, schlimmer aber wäre die unerkannte Einreise von möglichen Terroristen mit gefälschten Papieren, weshalb der Independent (13.7.) bereits erweiterte Befugnisse des Militärs im Landesinneren fordert.

Das gleiche Blatt meint heute (16.7.) wiederum in gleich großer Aufmachung, man müsse dringend die „Whatever it takes“-Politik überdenken, und dürfe nicht für die Illusion von absoluter Sicherheit die bürgerlichen Freiheitsrechte komplett verraten. Die meisten Briten, und vor allem die Londoner scheinen anderer Meinung zu sein – für mich ein Zeichen für gesteigerte Verunsicherung angesichts dessen, was da Ende des Monats auf die Insel zukommt.

Die kürzliche Meldung, dass mehr Menschen in Großbritannien durch Insektenstiche ums Leben kommen als durch terroristische Anschläge, beruhigt da nur wenige.

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