They still know how to throw a party!

Was hatten die Briten geunkt: Über Olympia im Allgemeinen, und die Eröffnungsfeier im Besonderen. Kübelweise Spott ergoss sich über Regisseur Danny Boyle (Trainspotting, Slumdog Millionaire), als seine Pläne bekannt wurden, im Olympia-Stadion nicht nur ein englisches Dorf aufzubauen, sondern gleich noch Schafe, Gänse und Kühe dazu zu stellen. Was sollte das werden: Tolkiens Auenland? Teletubbies? Und dann auch noch künstlicher Regen aus künstlichen Wolken – als hätten wir nicht genug vom echten!

Und tatsächlich: Als der Kinderchor anfing zu singen, und Bauern mit Ochsenkarren über die lieblich geschwungene Kunstlandschaft schweiften, konnte einem Übles schwanen. Würde die Eröffnungsfeier vielleicht in klebriger Verklärung der eigenen Geschichte versinken?

Andernorts wäre das vielleicht so gekommen, nicht in London. Spätestens als die Industrie-Schornsteine aus dem Boden wachsen und verrußte Arbeiter glühenden Stahl zu einem gigantischen Ring schmieden, ist klar, dass die Briten die Kurve kriegen: Die fünf Funken sprühenden olympischen Ringe, schwebend über der Mitte des Stadions, sind das grandiose Finale der Eröffnungssequenz. Große Erleichterung bei den Kommentatoren (und beim geneigten Zuschauer).

Danach fröhlich orchestriertes Durcheinander: Kinder in Krankenhausbetten, Mary Poppins dutzendfach aus der Luft einschwebend, Lord Voldemort als Pink Floyd-mäßig aufgeblasener Puppenbösewicht, ein gewohnt alberner Mister Bean-Auftritt mit dem hoch seriösen London Philharmonic Orchestra, durch die jahrzehnte tanzende Teenager (angereichert durch irgendeine konfuse Fotoromanstory: Mädchen verliert Handy, Junge bringt es ihr zurück, Liebe, Happy End. Je nun…).

Noch vor dem Einmarsch der Nationalteams steht fest, dass aufgeht, was die Briten sich vorgenommen haben, der Welt zu zeigen: Cool Britannia weiß immer noch, wie man eine Party schmeißt! Eine grandiose Lichtregie verwandelt die Sportstätte in eine riesige Las-Vegas-Bühne und das unvermeidliche Feuerwerk ist dramaturgisch während der fast vier Stunden immer wieder so gut eingesetzt, dass das pyrotechnische Finale am Ende nicht wirkt wie der übliche angestaubte Weckruf für all diejenigen, die während der Feier weggenickt sind. Dafür gibt es auch keinen Grund: die Briten feiern sich, und sie lassen die Welt mitfeiern.

Die einzige im Stadion, die keinen Spaß hat, ist offenbar die Queen: Lustlos liest sie die Eröffnungsformel vom Blatt ab. Wenn sie zwischendurch im Bild ist, knibbelt sie gelangweilt an ihren Fingernägeln. Kein Lächeln, nirgends. Und das nach diesem Auftritt per Fallschirmabsprung an der Seite von Daniel James Craig Bond (man weiß gar nicht so genau, wer da wem die Ehre gab)! Viel cooler kann man den Auftritt eines Staatsoberhauptes kaum inszenieren.

Ansonsten: überdrehte Freude, und als Herr Beckham im Schnellboot über die Themse heran rauscht und sieben Nachwuchs-Athleten das sodann (Symbolik, Symbolik!) zusammenwachsende Feuer der Olympischen Flamme entfachen, kennen auch die BBC-Kommentatoren kein Halten mehr: Vom Stolz, britisch zu sein, fabulieren sie da, und was die Klischee-Kiste sonst noch her gibt. Zum Glück  ist die Sendezeit vorbei, bevor sie sich in noch mehr in jener Form von überzuckertem Pathos ergehen können, über die sie sich bei den Vettern auf der anderen Seite des Atlantiks so gern lustig machen.

Das allerdings ist etwas, das schon bei den Feiern zum diamantenen Dienstjubiläum der Queen auffiel, etwas, das so völlig untypisch ist für die sonst so Pathos-resistenten Briten: eine Tendenz zu heiligem Ernst im Umgang mit nationalen Symbolen wie ihrem Staatsoberhaupt. Gehören der Hang zu Häme, Spott und Ironie normalerweise zur Grundausstattung jedes Engländers, wird sonst das sich Lustig machen über alles und jeden (vorzugsweise sich selbst) durchaus auf olympischen Wettkampfniveau als Volkssport betrieben – beim Jubiläum und streckenweise auch bei der Eröffnungsfeier scheint dieser Grundzug des britischen Charakters narkotisiert.

Als Lord Coe, der Häuptling der Olympianer, gerührt davon schwurbelt, dass er noch nie so stolz war, Brite zu sein, muss der Durchschnittsengländer unruhig auf seinem Sofa hin und her gerutscht sein. Oder doch nicht? Nicht, dass in diesem Moment kein Pathos erlaubt wäre, überall auf der Welt wäre dem so. Nur scheint es so untypisch für die dieses Volk, dem alle Gefühlsduslei verdächtig ist, und das auf solch emotionale Wallung in der Regel spöttisch bis allergisch reagiert.

In Zeiten anhaltender Rezession und Identitätskrise seien die Olympischen Spiele, wie schon das Thronjubiläum zuvor, ein Mittel der Selbstversicherung für die Briten – das schreiben die Kommentatoren jetzt gern. Schon vor zwei Monaten war allenthalben in den Medien zu hören: The British still know how to throw a party! Stimmt, das wissen sie noch immer, wie gestern Abend zu besichtigen war. Aber in dem scheinbar selbstsicheren Ausruf ist immer auch ein Fragezeichen zu hören. Die selbst verordneten Medikamente dagegen heißen Feiern, Feiern, Feiern.

Möglich, dass ein gewisser Hang zum Pathos zu den Nebenwirkungen dieser Selbstmedikation gehört. Die Briten haben eine robuste Psyche. Man darf wohl darauf vertrauen, dass sie nach Absetzen der täglichen Dosis keine bleibenden Schäden zurückbehalten.

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