Wort der Woche: Once in a lifetime

Wenn über Veranstaltungen in der Größenordnung der Olympischen Spiele zu berichten ist, dann fordert ein ehernes (und weltweit gültiges) Journalisten-Gesetz, dass auch die Zaungäste zu Wort kommen müssen, normale Menschen, die weder als VIPs geladen sind, noch gewillt, hunderte Pfund für ein Ticket zu bezahlen, die aber trotzdem diese tolle Atmosphäre erleben wollen, von der die komischen Leute im Fernsehen immer so weihevoll schwärmen.

Meist wird dann der Praktikant oder Volontär raus gejagt, um die Meinung des Mannes und der Frau von der Straße einzufangen, oder, wie in diesem Fall, von einer der Liegewiesen rund um das Olympia-Stadion. „Machma VoxPop“, sagt der Redakteur in diesem Fall mit einer scheuchenden Handbewegung, und unterstreicht damit nicht nur sein Wissen im Bereich journalistisches Fachvokabular, sondern deutet seine höhere Schulbildung gleich mit an: Vox populi, Volkes Stimme also, möge doch bitte auch einmal zu Wort kommen. Was der Redakteur nicht sagt: Komm mir bloß nicht zurück ohne den Satz. Aber das braucht er auch nicht zu sagen, denn das Volk weiß, was es unserem Redakteur schuldig ist, das Volk kennt den Satz, hat ihn schließlich bei tausend anderen Gelegenheiten genau so aus der Kiste quillen gehört.

So braucht der Fernsehlehrling nicht lange suchen, bis ihm irgend jemand den Satz in die Tüte murmelt/schreit/heuchelt: Dass es eine einmalige Gelegenheit sei natürlich, die man sich nicht entgehen lassen dürfe: „This is a once in a lifetime opportunity!“ (wahlweise auch: experience).

Die englische Variante von „Das gibt‘s nur einmal, das kommt nicht wieder“ hat sich bei Zaungästen zu allen Gelegenheiten als griffbereite Standard-Antwort eingebürgert, zuletzt anlässlich der 24-stündigen Dauer-Berieselung zum Jubiläum der Queen, und nun jeden Tag dutzendfach auf allen Olympia-Kanälen.

Bei der Bootsparade: „There have never been as many boats on the river. Such a pageant is a once in a lifetime opportunity!“

Beim Jubiläums-Konzert: „How many people have come to witness a diamond jubilee? It‘s a once in a lifetime experience!“

Beim olympischen Fackellauf: „The torch will only pass through Land‘s End this one single time. It‘s a…“

Der Ausruf hat sich in vielerlei Hinsicht bewährt: Erstens besteht er – anders als „toll“, „super“ respektive „great“ oder „marvellous“ – aus mehreren sinnvoll zusammenhängenden Wörtern und kann dennoch meist im Vollrausch noch verständlich hervorgebracht werden, zweitens bietet er gerade dem Briten genügend Emotion, um als Fernsehantwort tauglich zu sein, ohne gleich in extatische Gefühlswallungen verfallen zu müssen, was drittens den fragenden Quälgeist vom Fernsehen glücklich macht, weil er viertens weiß, dass er sich mit dieser Antwort dem Redakteur wieder unter die Augen trauen darf.

Fünftens ist es eine wunderbare Ausrede sich selbst und anderen gegenüber: Anderen, weil man sich mit dieser Auskunft, wie früher in der Mittelstufe, einen praktischen Entschuldigungszettel schreibt: Mein Sohn konnte heute nicht an der Schulwanderung teilnehmen, weil der Zirkus in der Stadt ist, und dieses einmalige Erlebnis soll er nicht verpassen müssen. Mit freundlichen Grüßen. Oder so. Dafür hat jeder Verständnis, deutlich mehr jedenfalls, als würde man sagen: Keinen Bock auf Arbeit gehabt, mein Buch habe ich gerade ausgelesen, und meine Socken sind schon alle sortiert.

Sich selbst gegenüber ist es hilfreich, weil es die Rechtfertigung dafür bietet, dass man zu unmenschlicher Zeit morgens aufgestanden ist, sich affige Klamotten in Nationalfarben angezogen und stinkende Schminke ins Gesicht geschmiert hat, stundenlang im Regen ausharrt, darauf wartet, dass es endlich los geht, und die Toiletten ewig weit weg oder versifft sind. Es bietet Trost dafür, dass man selbst nur Zaungast ist und auch auf Zehenspitzen nichts sieht. Macht alles nichts, denn es ist ja was? A once in a lifetime…

Natürlich ist das alles herrlicher Unsinn. Das Leben ist voll von once in a lifetime experiences, und die Tatsache allein ist auch kein Qualitätsmerkmal. Der 40. Geburtstag, ein Blinddarmdurchbruch und selbst der Tod sind jeweils einmalige Erlebnisse (für die meisten von uns). Das macht es nicht unbedingt erfreulicher. Aber der Satz passt halt so schön auf alles und jede Gelegenheit: Olympia und Thronjubiläum, Sonnenfinsternis und Einschulung, Rockfestival und Prinzenproklamation.

In der Häufung, mit der dem Zuschauer dieser Jubelsatz in letzter Zeit aus dem Fernseher entgegen springt, erinnert er genau daran: an die unvermeidliche Prinzenrede im rheinischen Karneval, bei der der Teilzeit-Monarch ausruft, vom Tage seiner Inthronisation an bis zum Aschermittwoch an 134 Tagen hintereinander, bei jeder der täglich 8 Prunksitzungen: „Dat ess dr schönnste Daach in meinem Leben!“ Worauf der echte kölsche Karnevals-Jeck natürlich kontert: „Ja aber wenn et doch so ess!“ – Da hat er Recht, der Jeck. Und so kommt dann alles wieder zusammen: Wie im Fernsehen liegt der Sinn der Karnevals ja bekanntlich in gesteigerter Sinnlosigkeit. Und das ist jede Session wieder ein einmaliges Erlebnis…

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