Things to do (when in London) – Teil 2: Am University College

Ein wenig ab vom (touristischen) Schuss liegt das University College London (UCL). Doch der Abstecher nordöstlich des Oxford Circus lohnt sich. Denn London ist zwar bekanntermaßen voll von Exzentrikern. Hier aber, mitten im Hauptgebäude der Universität, sitzt wohl der exzentrischste von allen. Auf dem Weg dorthin kommen wir aber zunächst am…

…Zoologischen Museum des University College…

…vorbei. Und weil der Eintritt kostenlos ist, lenken wir unsere Schritte hinein in diese merkwürdige Ausstellung, die so zusammenhanglos zusammen gewürfelt ist, wie die meisten Sammlungen aus ihrer Zeit. Secret London beschreibt sie treffend als „Mischung aus dem Viktorianischen Dachboden eines zwanghaften Sammlers und dem Atelier von Damien Hirst“. Der durchgeknallte viktorianische Sammler heißt in diesem Fall Robert Grant, und war seines Zeichens der erste Professor für Zoologie und vergleichende Anatomie in England, Pionier der Evolutionstheorie und Mentor von Charles Darwin.

Weil es ihm zunächst an Anschauungsmaterial gebrach, nahm er alles, was er an vormals Lebendigem in die Finger bekommen konnte. So kamen nach und nach 62.000 Exemplare zusammen, die nun samt und sonders hier auf der Fläche einer kleinen Institutsbibliothek zusammengepfercht ihr fast unvergängliches Dasein fristen. Von der Empore grüßen freundlich Primaten-Skelette und die Schränke und Vitrinen sind vollgestopft mit allerlei Viehzeug in Aspik, liebevoll seziert und konserviert.

Da gibt es die knochigen Reste einer 250-Kilogramm-Anaconda zu bestaunen, ein ganzes Bonbonglas voll eingelegter Maulwürfe in Formaldehyd oder auch Hunde-Embryos. Wer sich in ein Ausstellungsstück besonders verliebt, der kann es gegen eine Spende adoptieren. Das Tierchen trägt fortan den edlen Namen des stolzen Spenders.

Für empfindsame Seelen funktioniert die Ausstellung übrigens wunderbar als Appetitzügler. Auch wenn wir das zoologische Institut nun verlassen, bleiben wir inhaltlich beim Thema, denn nun geht es, wie versprochen zum…

größten Exzentriker Londons….

…der sich im neoklassizistischen Hauptgebäude der Universität findet, vom Museum nur einmal quer über die Straße. Dabei handelt es sich um niemand geringeren als den Philosophen und Vater de Utilitarismus Jeremy Bentham (für die Massen der Ethik-Interessierten da draußen: Das ist derjenige, der den Gedanken vom größten Glück für die größtmögliche Zahl populär machte).

Bentham war nicht nur ein Menschenfreund und Mitbegründer der Londoner Universität (der ersten, die unterschiedlos Studenten annahm, und nicht nach Rasse, Religion oder politischer Überzeugung fragte). Er besaß offenbar auch einen sehr eigenen Humor: In seinem Testament verfügte er, dass er auch nach seinem Tode die universitäre Gesellschaft mit seiner Anwesenheit beehren möchte. Das Kollegium zeigte Verständnis für diesen letzten Willen, und kümmerte sich um die technischen Details. In einer Zeit, in der als anatomische Studienobjekte ausschließlich gehenkte Verbrecher zur Verfügung standen, waren die Studenten sicherlich froh, anhand des Philosophen „eine Reihe von Lehrstunden zu illustrieren, zu denen sämtliche Wissenschaftler und Literaten eingeladen werden sollen“, wie es in der Verfügung heißt.

Aber das war noch nicht das ganze Testament, denn trotz wissenschaftlicher Sektion wollte er der Gelehrten-Gesellschaft auch postum erhalten bleiben. So sitzt er denn nun da, auf seinem Lieblingsstuhl, angetan mit Hut und Stock und Ausgehrock, aus einem Holzverschlag im rechten Seitenflügel des Hauptgebäudes dem akademischen Nachwuchs nachdenklich hinter drein blickend.

Aufgrund allgemein mangelhafter Expertise auf dem Arbeitsfeld Einbalsamierung zur Zeit seines Todes, besteht Professor Bentham mittlerweile unter seiner Original-Kleidung zum größten Teil aus Stroh, wiewohl das Skelett noch erhalten sein soll und durch Drähte zusammengehalten wird, wie sich einer Tafel neben dem Verblichenen entnehmen lässt. Auch der Kopf besteht heute nur noch aus einem Wachs-Imitat – das aber bloß als Vorsichtsmaßnahme, nachdem der Original-Schädel 1975 von einer studentischen Guerilla-Gruppe gekidnappt und erst nach Zahlung von Lösegeld in Form einer Spende für eine Wohltätigkeitsorganisation zurückgegeben wurde. Meister ihres räuberischen Fachs können die Herrschaften nicht gewesen sein, ließen sie sich doch von 100 geforderten Pfund auf 10 herunter handeln. Wie auch immer, Benthams Kopf ruht nun getrennt vom Rest irgendwo in den Katakomben der Universität.

Dennoch nimmt Professor Bentham bis auf den heutigen Tag an sämtlichen Gremiensitzungen der Universität teil und im Protokoll wird stets gewissenhaft vermerkt: „Jeremy Bentham anwesend – hat aber nicht mit abgestimmt.“

Ich weiß nicht, wer als exzentrischer einzustufen ist: Bentham mit seinem kruden Wunsch, ausgestopft zu werden, oder die Universität, die das für eine prima Idee hielt. Wer möchte, kann sich zu dieser Frage im Jeremy Bentham Pub bei einem Pint standesgemäß seine eigenen Gedanken machen. Danach geht es zurück in den Trubel Richtung Oxford Street, aber nicht, ohne kurz am…

…Eisenhower-Centre…

…um die Ecke in der Chenies Street vorbei zu schauen. Viel zu sehen gibt es nicht, heute liegen in diesem Gebäude die Film-Büchsen des privaten Doku-Senders Channel 4 archiviert und Paul McCartney soll hier seine unzähligen Gold- und Platin-Platten bunkern. Im Zweiten Weltkrieg aber war es das Hauptquartier des Amerikanischen Oberbefehlshabers – daher der Name. Von diesem Bunker aus, der ursprünglich Teil einer neuen U-Bahnlinie sein sollte, plante Dwight D. den nach ihm benannten D-Day (nein, kommt natürlich von Doomsday oder Decision Day!). Also, Helm ab zum Gebet.

Demnächst mehr Sightseeing der anderen Art: Rund um Buckingham Palace, und: Gleich um die Ecke von St. Paul’s.

Den ersten Teil der Reihe verpasst? Hier geht es zu Things to do (when in London) – Teil 1: Rund um Trafalgar Square

Gern würde ich behaupten, ich hätte all diese versteckten Ecken durch genialen Findungsgeist und persönliche Spannkraft aufgestöbert. Tatsächlich standen mir zwei sehr empfehlenswerte Bücher zur Verfügung:

Secret London – an unusual Guide, sowie

London’s Strangest Tales – Extraodanary but true stories.

 

Ein Gedanke zu „Things to do (when in London) – Teil 2: Am University College

  1. Pingback: Things to do (when in London) – Teil 3: Rund um Buckingham Palace | Mind the Gap!

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