Wort der Woche: F**K

Gern macht sich der Brite lustig über die Verkrampftheit der amerikanischen Vettern, über die Prüderie, mit der die Mayflower-Nachfahren zum Beispiel nach dem Bathroom oder Restroom fragen, wenn sie zur → Toilette müssen. Dem jeweils Fragenden wird natürlich Auskunft erteilt, aber meist mit einem leicht spöttischen Grinsen im Gesicht.

Und im Allgemeinen pflegen Briten, sehr im Gegensatz zu ihrem eher verklemmten Ruf, einen bemerkenswert offenen Umgang mit sämtlichen menschlichen Bedürfnissen, Körperöffnungen, -Winden und -Flüssigkeiten. Es ist erstaunlich, wie weit das geht, zumal in der Öffentlichkeit. So erzählte die Schauspielerin Imelda Staunton (bekannt als böse Ministeriums-Hexe aus den Harry Potter-Filmen) kürzlich in der Graham Norton Show unbekümmert von ihren Erlebnissen auf dem Gynäkologenstuhl. Dabei stellte die 66-Jährige die Szene detailliert und sehr plastisch nach. Anekdoten von Blähungen und Hoden-Hämatomen gehören zu jeder guten britischen Unterhaltungs-Show.

Auch das Wort Fuck respektive Fucking wird nicht als anstößig erachtet, im Gegenteil: Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, dass sich die Abendgage der auftretenden Künstler proportional zur Anzahl der verwendeten Schimpfwörter steigt, wobei Fuck offenbar am einträglichsten ist. Natürlich wird es deshalb auch nicht verpiepst (zum großen Entsetzen etwaiger amerikanischer Gäste).

Fuck ist zur Allerwelt-Floskel geworden und dabei in seiner Bedeutung als obszönes Schimpfwort unter die Wahrnehmungsschwelle gerutscht (so wie im Deutschen etwa das Wort Scheiße, bei dessen Gebrauch ja auch nur Eltern von Kindern unter 5 Jahren tadelnd die Stirn runzeln).

Umso seltsamer mutet es an, dass Fuck für Zeitungen immer noch bäh-pfui ist, und ebenso wie eine Reihe anderer Wörter nicht abgedruckt werden darf. Wenn schon, dann verfremdet, teilweise unkenntlich gemacht, aber natürlich so nachlässig, dass auch wirklich jeder Depp weiß, was gemeint ist.

So war vor einiger Zeit in allen britischen Blättern zu lesen vom Ausfall des damals wie jetzt amtierenden Bürgermeisters Boris Johnson im Wahlkampf gegen seinen Widersacher Livingston. Nach einem Radio-Duell schimpfte Johnson ihn im Aufzug einen „F**king Liar“, wie sämtliche Zeitungen gleichlautend druckten (und auch die BBC-Nachrichten brachten es so als Textafel).

Ich frage mich bei solchen Gelegenheiten jedes Mal, was die Überlegung dahinter sein mag: Glauben die Kollegen, sie müssten anschließend ihre Computer-Tastatur desinfizieren, wenn ihnen solche Wörter aus den Fingern fließen? Oder sind sie wirklich davon überzeugt, dass minderjährige Leser die Buchstaben zwischen dem ersten und dem letzten nicht dechiffrieren könnten, und solcherart vor moralischem Verfall bewahrt würden?

Interessanterweise gehört zwar C**t zu den solcherart verfremdeten Wörtern, also der Slang-Ausdruck für das weibliche Genital. Penis hingegen scheint deutlich weniger schambehaftet zu sein, denn meist wird es ungeschwärzt, bzw. ungesternt gedruckt. Pissed, die Gossenvariante für „Sturztrunken“ wiederum wird „unkenntlich“ gemacht.

Warum ist nun aber im Gegensatz zum gedruckten F-Word selbiges in Fernseh-Shows offenbar unproblematisch? Niveau? Ein Überbleibsel der Viktorianischen Zeitungs-Ära? Das moralische Ansehen des TVs liegt natürlich auch hierzulande beim Wert „größtmögliche Verlotterung“, aber andererseits gelten britische Zeitungen auch nicht eben als letzte Zufluchtstätte von Anstand und Moral. Und selbst Sun, Daily Mail und Daily Mirror bilden beim Sternchen-Druck keine Ausnahme. Manche Rätsel werden wohl auf ewig ungelöst bleiben…

Ein Gedanke zu „Wort der Woche: F**K

  1. Hallo Martin,mit großem Intresse lese ich deine Berichte über London bzw.England.Mach weiter so
    viele Grüße Willi

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