Was, die gibt‘s noch?

Mist, verpasst! Immer ärgerlich sowas. Da durchstöbert man im → Time Out Magazine gemütlich die Veranstaltungstipps des Tages, um für den Abend etwas Passendes zu finden, und dann das! Beim Namen erst ein kurzes Zögern, dann der Versuch des Weiterlesens, wieder Stocken: Das ist doch… das kann doch nicht… woher nur kenn ich…? – Und aus weiter Ferne windet sich das Bruchstück einer vertrauten Melodei in die Ohrmuschel: Wouldn‘t it be good da da, da daa da… Nein! Nik Kershaw, aber natürlich. Was, den gibt‘s noch? Ja, gibt es. Im Hyde Park. Beim olympischen Rudelgucken. Hat aber schon begonnen. Mist! 16 Uhr ist eher die Zeit für Tanz-Tee, aber der Künstler entstammt ja auch einer Generation, die langsam in das Alter kommt… The Riddle, I won‘t let the sun go down on me. Mannomann! Das hätte ich gern noch mal gesehen. Und wenn auch nur aus rein nostalgischen Gründen mit nicht zu unterschätzender Gefahr, maßlos enttäuscht zu werden (wie beim Erscheinen des heiligen Paul bei der olympischen Eröffnungszeremonie: Fast mochte man glauben, Herr McCartney nimmt beim Singen seinem eigenen Bond-Titel zu ernst: Live and let die!).

Was denn, die gibt‘s noch? entfuhr es mir auch kürzlich, als ich in der Kult-Sendung „Later with Jools Holland“ einen erschütternden Live-Auftritt der wiedervereinten 80er-Truppe Dexies Midnight Runners verfolgen musste, die inzwischen unter amputiertem Namen firmieren: The Dexy‘s. Macht das Elend nicht besser. Dabei hatten sie vor einem Vierteljahrhundert doch ein Einsehen gehabt: Nach Come on Eileen ging‘s nicht mehr richtig weiter, man löste sich auf und ging seiner Wege. Alles war gut. Jetzt gibt‘s ein neues Album, seufz.

Das kommt öfter vor. Was, den/die gibt‘s noch? ist ein Gedanke, der dem relativen London-Neuling des öfteren durch den Kopf schießt, in der Regel beim Durchblättern der einschlägigen Stadtmagazine, Szene-Flyer, Pissoir-Anschläge in Pubs und Internet. Meist auf den hinteren Seiten verstecken sich ein wenig verschämt die Ankündigungen für die Großen von damals. London ist die Stadt der trendigsten Trends, der hippsten Hipster – und zugleich Hort des ewig Gleichen und ewig Gestrigen. Wer sich je gewundert hat, wo sie geblieben sind, all die One Hit Wonder, die vormals gefeierten Hoffnungsträger und heutigen Untoten der Popindustrie, dem sei nunmehr verkündet: Sie sind hier. In London. Alle.

Und sie treten alle auf. Auch hier. Wer möchte (keine Ahnung, wer das sein könnte – egal), kann zum Beispiel demnächst The Human League live erleben (26.11.2012, Royal Albert Hall, 35-45 Pfund).

Um mal eine bei weitem nicht erschöpfende Liste der (meist zu recht) von der restlichen welt vergessenen Künstler für die kommenden Monate zu geben:

Belinda Carlisle, Sinead O-Connor, Rod Steward, Bonnie Tyler, Jason Donavan, Dave Steward, Mick Huknall (ehemals Simply Red), The Cranberries, Marc Almond, Mike & the Mechanics, Chris Isaac, Tori Amos, Level 42, Ultravox. Auch The Cure tourt natürlich immer noch.

All jene, von denen man dachte, sie hätten irgendwann die Kurve gekriegt, sich einer seriösen Beschäftigung gewidmet, Avon-Vertreter, Bestattungsunternehmer oder Auftragskomponist für Hardcore-Produktionen – oder wären wenigstens vernebelt in irgendeinem Ashram verschwunden; all jene, für die man in ihrem Interesse gehofft hatte, ihnen sei die Gnade des öffentlichen Vergessens zuteil geworden; sie alle können oder wollen nicht lassen vom Rampenlicht – so klein die jeweilige Rampe und so dämmrig das Licht im Einzelfall auch sein mag. Ob es von ihnen außer den alten Gassenhauern auch etwas Neues gibt? Steht zu befürchten. Vermutlich wollen sie auch, dass die Leute deswegen in ihre Konzerte kommen und ihre Platten kaufen, nicht wegen der Kamellen von gestern. Natürlich merken sie, dass das nicht funktioniert, und sie hadern deswegen mit ihrem Schicksal. Vielleicht sind sie auch ganz glücklich mit sich und spielen sich fröhlich durch bis zur Verrentung („noch drei dutzend Gigs im Hammersmith Apollo, dann die Lebensversicherung ablösen, und ab geht‘s nach Florida…“). Wer weiß. Alles Spekulation.

Also, wer – je nach Vorliebe – in Nostalgie schwelgen oder sich die Geisterbahnfahrt des Grauens geben möchte, der sei herzlich nach London eingeladen (alle einschlägigen Gig-Termine auf Anfrage, gegen Aufwandsentschädigung).

Nik Kershaw hätte ich wirklich gern gesehen…

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