Wort der Woche: The Police

Beim ersten Mal dachte ich, ich habe mich verhört: „The London Metropolitan Police have dismissed allegations that…“

Beim zweiten Mal war ich überzeugt, der Reporter habe sich versprochen: „A report reveals today that during last year‘s riots police have…“

Beim dritten Mal schöpfte ich Verdacht: „This morning, police have arrested a 24 year old…“

Tatsächlich: Die Blaulicht-Meldungen in den britischen Radio-Nachrichten berichten von der Polizei in der Mehrzahl, nicht in der Einzahl, wie man als Deutscher (und vermutlich als Nicht-Engländer) denken würde.

Diese sprachliche Pluralisierung eines Singulars ist nicht auf das wachende Auge des Gesetzes beschränkt: Sämtliche Institutionen des öffentlichen wie privaten Lebens werden im Alltag mit der Mehrzahl versehen: Ob Parteien („Labour plan to attack the Tories on their plans to…“), Banken („NatWest have extended their opening hours…“), Weltkonzerne („Samsung have announced their next smart phone.“), oder den Tierpark um die Ecke („London Zoo welcome new fish otters.“)

Dabei können im gleichen Satz Singular und Plural friedlich nebeneinander stehen und das selbe Ding bezeichnen: „Premier League Club (Singular) Chelsea have (Plural) decided to send Lukas Podolski back to Germany“ – geht ganz problemlos.

In der Schule hat man mir das neun Jahre lang ganz anders eingebimst: Organisationen werden, wie im Deutschen, als Einheit behandelt, es geht schließlich um die Institution als Akteur, der etwas verlauten lässt, dem etwas vorgeworfen wird.

Auch rechtlich wird ja eine Firma, eine Behörde, Partei oder was-auch-immer als juristische Person betrachtet – ein Hilfskonstrukt, das es erlaubt, solche Organisationen rechtsfähig zu machen, wie das im Paragraphen-Deutsch heißt, also rechtlich handlungsfähig und umgekehrt auch beklagbar. Die juristische Person ist  sozusagen der Krückstock der Jurisprudenz, um aus dem Plural vieler Einzelmenschen (sowie Sachen und Vermögensmasse) den Singular eines Rechtssubjektes zu zimmern.

Dass im Englischen von der Polizei im Plural gesprochen wird, ist aber insofern plausibel, als es natürlich immer noch Menschen sind, die im Namen dieser Organisationen handeln, und die Polizei besteht nun einmal aus mehr als einem Polizisten.

Genau diese Unterscheidung scheint eine Rolle zu spielen. Nachgefragt bei englischen Kollegen, erhielt ich zunächst ein Schulterzucken, und dann eine pragmatisch-britische Antwort: Es sind beide Varianten erlaubt, Singular wie Plural. Singular, wenn es sich um die Organisation als Ganzes handelt, als Prinzip oder Rechtssubjekt, wenn eine Aussage von allgemeiner Gültigkeit zu fällen ist, wie etwa: „The Police is supervised by the Home Secretary“. Geht es dagegen um Teile der Polizei, um handelnde Personen, um Verantwortlichkeiten innerhalb der Struktur, dann ist der Plural angezeigt: „The London Transport Police are under suspicion of…“

Keine ganz dumme Unterscheidung. Allerdings, so wurde mir von meinen Gewährsleuten auch bedeutet, werde sich keinem Muttersprachler das Nackenhaar sträuben, so man den Singular benutzt, auch wenn der Plural angebracht wäre, und umgekehrt. Das Englische ist da offenbar toleranter als andere Sprachen (wie meist).

Doch im täglichen Gebrauch scheint sich das alles eh zu nivellieren. Zwar halten sich die Zeitungen recht strikt an die Unterscheidung, in Hörfunk und Fernsehen aber verschwimmen beide Formen. Und im allgemeinen Sprachgebrauch ist es meistens eine Bauchentscheidung. Es ist ja auch nicht immer ganz klar: Ist eine Presseerklärung der Polizei nun eine Äußerung eines Pressesprechers, der entsprechenden Abteilung, oder der Polizei als Institution der inneren Sicherheit (die meisten Meldungen entscheiden sich hier für den Plural, also: diese spezielle Polizei-Einheit oder -Abteilung)?

Was ich mich nun frage, ist, ob das schon immer so war, ob mir also sämtliche Englischlehrer von der 5. Klasse bis zum Abitur Unsinn erzählt haben, oder ob dies eine neue Entwicklung ist (relativ: bin ja auch schon seit 20 Jahren aus der Schule raus…)? Vielleicht handelt es sich auch um eine Mode, die sich eingebürgert hat und in den vergangenen Jahren zur grammatischen Regel geronnen ist – so wie bei uns mittlerweile die Journalisten-Seuche, Dingen durch Anhängen eines Personalpronomens Bedeutungsschwere und Persönlichkeit anzudichten, zum guten Stil gehört: „Die Bierflasche, sie ist kaputt…“.

Wenn es sich so verhält, dann werden wir wohl nicht lange warten müssen, bis irgend ein anglifizierter Kollege auf die Idee verfällt, auch diese grammatische Regel ebenso begeistert wie gedankenlos ins Deutsche zu bugsieren, und bald wird es heißen: Die Bottroper Polizei haben in 2012 während der Finals der Monopoly-Meisterschaften zahlreiche Finance-Analysten verhaftet. – Na, wie klingt das?

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