Things to do (when in London) – Teil 3: Rund um Buckingham Palace

Das Dreieck zwischen Green Park, Picadilly Circus und Mall ist vollgestopft mit wunderbaren Geschäften und Geschichten. Auf dem Weg zum Buckingham Palace, dem Epizentrum des Britischen Empires sollte man es aber nicht vor Aufregung versäumen…

…im Eingang zur Royal Academy of Arts nach der ältesten Telefonzelle Englands zu suchen:

Die meisten Kunstbegeisterten laufen auf dem Weg zu den Ausstellungen schlicht an ihr vorbei: Die K2 (so der romantische Name) des Designers Sir Giles Gilbert Scott hat hier im Eingangsbereich des Burlington House ihren Platz gefunden. Sie liegt ein wenig versteckt hinter einer Säule. Der Prototyp von 1924 hat tatsächlich bis heute überlebt, und steht unter Denkmalschutz. Dass es sich tatsächlich um den Prototypen handelt, lässt sich daran erkennen, dass er nicht aus Metall gefertigt ist, wie die Serienmodelle, sondern aus Holz.

Das ikonische Design ist zu einem Wahrzeichen Großbritanniens geworden, die rote Farbe war tatsächlich als Signal gedacht, um in Notfällen schnell eine Telefonzelle zu finden (ja, es gab Zeiten, da hatte nicht jedermann sein eigenes Telefon in der Tasche). Das typische Kuppeldach des original Telefonhäuschens hat Scott übrigens nach dem Dach des Mausoleums eines anderen Londoner Designers entworfen, dem Mausoleum des Architekten John Soane.

einmal quer über die Straße von Burlington House kann man bei

…Fortnum & Mason shoppen gehen:

Aber nicht, ohne vorher einen Blick auf die quietschbunte Fassade geworfen zu haben. Anders als die roten Einhörnern und anderem Fantasie-Getier erahnen lassen, handelt es sich nicht um ein überdimensioniertes Spielwarenfachgeschäft, sondern um den Hoflieferanten ihrer Majestät für Wurst, Käse, Gemüse – und Konserven-Futter. Aber dazu gleich mehr.

Wer zufällig zur vollen Stunde hier vorbei kommt, oder die Geduld aufbringt, so lang zu warten, der kann an der großen Uhr ein kleines Schauspiel beobachten: Beim ersten Glockenschlag öffnen sich die Türen links und rechts, und heraus kommen die Figuren der Geschäfts-Gründer William Fortnum und Hugh Mason, die sich sodann voreinander verbeugen.

Die beiden gründeten ihren königlichen Gemischtwarenladen zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit einer simplen Geschäftsidee. William Fortnum war ein so genannter Footman, ein Lakei am Hof von Queen Anne. Zu seinen Aufgaben gehörte es dafür zu sorgen, dass regelmäßig die zahllosen Kerzen im Palast ausgetauscht wurden. Die abgebrannten Stumpen durfte er behalten. Und weil Kerzenwachs im 18. Jahrhundert äußerst wertvoll war, startete der pfiffige Palastdiener einen schwunghaften Handel – einen sehr lukrativen Handel obendrein, obwohl vor allem die ärmsten der Armen diese Stumpen kauften.

Nachdem Fortnum aus den Diensten ihrer Majestät ausgeschieden war, nutzten die beiden Masons Laden, der gleich um die Ecke des Palastes lag, um selbigen mit allerlei Waren zu beliefern. Bevor Buckingham Palace Königs-Sitz wurde, war St. James offizielle Residenz, und dort hatte Fortnum jahrelang gedient, und wusste, wonach es der Monarchin verlangte – ebenso wie der benachbarten Nobilität von Mayfair, die sich in ihrem Geschmack natürlich nach dem Hofe richtete. Die Geschäfte liefen bald so gut, dass Fortnum und Mason Kutschen und Fahrer anmieteten und einen florierenden Versandhandel betrieben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Fortnum&Masons für ihre Auswahl an exotischen Früchten berühmt, viele davon hatte man bis dato noch nie in England gesehen. Entdecker William Perry ließ 1819 Segel setzen, um die Nord-Westpassage zu finden, aber nicht, ohne 200 Zentner Kakaopulver von Fortnums zu bunkern.  Königin Victoria bedachte Florence Nightingale mit einem Präsentkorb mit Tee aus dem Hause F&M, und die Familien von Kolonial-Offizieren sandten ihren Liebsten Fresspakete in die Ferne. Weil die Wege lang und die Konservierungsmöglichkeiten beschränkt waren, handelte es sich meistens um Eingedostes. Allerdings sprach sich schnell herum, dass sich in den Kartons von Fortnum&Mason leckere Dinge verbargen, und nachdem ein Großteil der Proviant-Sendungen dem Empfänger in beklagenswert unvollständigem Zustand erreichten (oder auch gar nicht), entschloss man sich, auf den Aufdruck des Haus-Logos künftig zu verzichten.

Bis heute findet man in den Warengängen des Kaufhauses viel edles Dosen-Futter. Berühmt sind aber vor allem  die damit bestückten Präsent- und Picknick-Körbe, die man bei Fortnum & Mason bestellen kann. Das funktioniert ganz einfach: Hinein gehen, in der Lebensmittelabteilung einen der bis zu schrankgroßen Weidenkörbe aussuchen, die gewünschte Menge Hummer, Foie Gras, Veuve Clicquot sowie Salt&Vinegar Chips angeben, die 786,63 Pfund bezahlen und Lieferadresse angeben (bei größeren Gesellschaften expediert F&M den Einkauf gern auch nach Ascot oder Wimbledon).

Fortnum & Mason ist eines der wenigen Kaufhäuser, das die Queen mit ihrer Anwesenheit ehrt. So geschehen, im Frühjahr Anno 2012, als das Oberhaupt aller Briten sich persönlich hierher verfügte, um gemeinsam mit Kate und Camilla die Jubiläums-Spezial-Edition jener Präsentkörbe in Augenschein zu nehmen, für die das Haus F&M seit je berühmt ist. Es versteht sich von selbst, dass dieses Jahrhundertereignis des shoppenden Damen-Trios  vom Staatsfernsehen BBC landesweit live übertragen wurde und einen Großteil der Sendezeiten der Abendnachrichten in Anspruch nahm.

Doch verlassen wir diesen kulinarischen Ort. Vom Seiteneingang des Kaufhauses gelangt man zur der Einkaufsstraße für den Mann von Welt, zu den…

…Herrenausstattern in der Jermyn Street

…bei denen es alles zu kaufen gibt, was ein Gentleman bedarf: Anzüge, natürlich, aus feinstem Tuch, vom gepflegten Dreiteiler bis zum exzentrischen Austin-Power-Fummel, Bowler-Hüte, Hemden, edle Schuhe, Bürsten, Kämme, Schuhanzieher, Rasierwasser, Rasierpinsel, Rasierspiegel, Nassrasierer hundertfach. In den Passagen hin zu Picadilly kauern kleine, wenige Quadratemter große Läden, die nur Manschettenknöpfe verkaufen, andere nur Krawatten und Fliegen, Flachmänner für den schlimmsten Brand unterwegs, Pralinen zur Besänftigung der Angetrauten,  Käsespezialitäten aus aller Welt… – gut, die fallen wohl eher in die Kategorie Feinkost, aber auch sie werden hier zu Preisen gehandelt, für die man sich andernorts kommod einkleiden könnte.

Da ist zum Beispiel das Haus Brigg, in dem man Regenschirme erstehen kann. Herrenschirme natürlich, keine plebejischen Knirpse mit automatischer Öffnungsmechanik. Nein: seidenbespannt, schwarz, mit rundem oder eckigen, jedenfalls hölzernen Griff, und (sollte es wirklich mal nicht regnen) als Spazierstock zu verwenden. Auch Prinz Chales beschirmt sich mit einem Brigg. Um die 600 Pfund muss man für so einen Edelschirm anlegen, aber was dem ewigen Thronfolger recht ist, kann einem Gentleman nur billig sein…

Doch genug von Königs geredet: Auf zum Palast! Wobei es sich sehr empfiehlt…

…auf dem Weg zum Buckingham Palace auf die kleinen Dinge zu achten:

  • den roten Straßenbelag: Alle Wege und Plätze in königlichem Besitz sind nicht schwarz asphaltiert, sondern rot, so wie „The Mall“, die Hauptallee, die auf den Palast zuführt (aber nicht nur dort – auch an anderen Orten kann man am roten Pflaster erkennen, dass dieser Grund der Queen gehört)
  • die Fahnenmaste und Laternen, die die Mall säumen: Erstere tragen eine Krone als Zeichen dafür, dass sich die Straße in königlichem Besitz befindet. Letztere sind als einzige heute noch gasbefeuert, und beleuchten damit eine gewisse Ironie, denn die Mall war auch die erste Straße Londons (und vermutlich weltweit), die per Gas erhellt wurde: Im Jahr 1807 installierte Albert Winsor dieses Wunderwerk der Technik – ein deutscher Ingenieur (selbstverständlich: Der König war damals deutsch, der halbe Hof bestand aus Deutschen, und alles Deutsche war so was von in Mode!)                                                                                      Als das Gaslicht zum ersten Mal erstrahlte – besser gesagt: erglimmte – war London erschüttert und gerührt. In einer Zeit, in der Nachts auf den Straßen selbst der größten Stadt Finsternis herrschte, und man sich als rechtschaffender Bürger nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht mehr auf die Gasse traute, weil selbst die Polizei ganze Stadtteile mied; in einer solchen Zeit musste das nächtliche Erhellen eines ganzen Straßenzuges wie Science Fiction erscheinen (die es damals nicht gab). Ein Journalist der Pall Mall Gazette schrieb: London saw something so strange in the Mall of late that our parents and grandparents having seen it would take to their beds quaking with fear that the end of the world and the general loss of sanity have come. the distinguished Mr. Winsor threw light along this royal road in a manner unprecedented and we are left wondering as much at his audacity as at his ingenuity.
  • Das Denkmal für den Duke of York auf etwa der Hälfte des Weges: Außer Schuldenmachen besaß dieser Bruder von George III. wenig Qualifikationen und noch weniger Sympathien in der Bevölkerung, weswegen niemand für die Errichtung seines Denkmals aufkommen wollte, nicht einmal der König selbst. Also veranlasste letzterer, dass alle Soldaten seiner Majestät einen Tagessold für die Errichtung abzutreten hätten, was dazu führte, dass einige der ärmsten Untertanen für einen der reichsten und ungeliebtesten Aristokraten das Denkmal finanzierten.

Zum Buckingham Palace selbst mag ich mich nicht weiter äußern, denn über ihn steht nun in wirklich jedem Reiseführer genug Zeug, und schließlich geht es uns ja um die kleinen Geschichten links uns rechts davon.

Wo wir schon einmal von seltsamen Denkmalen sprechen, können wir  gerade noch eine Ecke weiter gehen und…

…im St. James‘s Square der Reiterstatue von William III. die Ehre geben:

Ist das wirklich ein Maulwurfshügel, auf den das Pferd gerade dabei ist zu steigen? Nun, es könnte tatsächlich einer sein – und falls nicht, ist es auf jeden Fall eine gute Geschichte:

William III. – der wohl eher ein Wilhelm war – war der protestantische König, der aus Holland nach England geholt wurde, um den letzten katholischen Herrscher zu ersetzen: King James. Als es nun darum ging, dem neuen König eine Statue zu setzen, verfiel man auf den Park im St. James‘s Square. Grundsätzlich eine feine Idee, meinten die Anwohner, denn der Park war damals zu einer ziemlichen Müllhalde verkommen, voll von „Küchenabfall, toten Katzen, Bretterhaufen und Bergen von giftigem Müll“, wie ein Zeitgenosse schrieb. Die wohlhabenden Nachbarn also hätten liebend gern eine Statue finanziert – aber keine von diesem William, und so zögerten sie das Projekt ein wenig hinaus: 70 Jahre lang.

Als es sich 1806 nicht mehr verhindern ließ, kam das ungeliebte Denkmal mit einer kleinen Gemeinheit: eben jenem Maulwurfshügel unter dem Huf des Pferdes, auf dem Wilhelm sitzt. Denn der Herrscher über das Reich der Briten starb, als sein Pferd in einen Maulwurfshügel trat, und der König, den Gesetzen von Beschleunigung und Schwerkraft folgend, sich beim Sturz den Hals brach (vom Schicksal des Pferdes ist nichts bekannt).

Noch heute trinken die Katholiken des Viertels auf das wohl jenes kleinen „Gentleman in velvet“, auf den „samtenen Herrn“ Maulwurf, dessen kleiner Hügel den großen König zu Fall brachte.

Die ersten beiden Teile der Reihe verpasst? Hier geht es zu

Things to do (when in London) – Teil 1: Rund um Trafalgar Square

Und hier zu

Things to do (when in London) – Teil 2: Am University College

Gern würde ich behaupten, ich hätte all diese versteckten Ecken durch genialen Findungsgeist und persönliche Spannkraft aufgestöbert. Tatsächlich standen mir zwei sehr empfehlenswerte Bücher zur Verfügung:

Secret London – an unusual Guide, sowie

London’s Strangest Tales – Extraodanary but true stories.

Ein Gedanke zu „Things to do (when in London) – Teil 3: Rund um Buckingham Palace

  1. Pingback: Reinschauen! Telefonhäuschen a.D. | Mind the Gap!

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