Wort der Woche: Chillaxing

Ruhe in London. Naja, für Londoner Verhältnisse zumindest ist es halbwegs ruhig: Olympia ist durch, die Paralympics noch nicht hier, der „Sprit of the Games“ hat Verschnaufpause. Auch die Trompeter der Great Britishness in Wort, Bild und Ton geben kurzzeitig Ruhe, nachdem sie sich wortreich besoffen haben, an Olympia im Allgemeinen und am Erfolg des Teams GB im Besonderen.

Auch der Politikbetrieb macht Betriebsferien, und im medialen Hamsterrad strampeln nur die paar üblichen Klassenclowns von der letzten Bank. Das Spitzenpersonal hingegen ist von der Insel geflüchtet, meist auf eine andere Insel, aber südlicher natürlich. Allen voran Regierungschef Cameron, der sich samt Gattin nach Majorca (so schreibt sich das hier) verfügt hat, um dortselbst Muße und Erholung zu finden – auf neudeutsch, um zu chillen und zu relaxen, was im Englischen seit geraumer Zeit gern zu: to chillax fusioniert.

Dem Urbanen Wörterbuch ist zu entnehmen, dass der Begriff – wie könnte es anders sein – der Jugendsprache entstammt, und es ließe sich wohl ohne allzu große Verzerrung übersetzen mit „abhängen“ oder auch sich „locker machen“ (Hey! You guys need to chillax or I’m telling mom!). Der Brite jedenfalls chillaxt gern und seine politische Klasse offenbar noch viel mehr, wie der Presse in schöner Regelmäßigkeit zu entnehmen ist.

Seit geraumer Zeit vergeht kaum ein Wochenende, an dem nicht irgendeine Zeitung ein Foto veröffentlicht von David Cameron nebst Gattin im Freizeitlook, und in der Bildunterschrift über den chillaxenden Premier lästert.

Ursprung der andauernden Häme ist eine Biografie vom Frühjahr 2012, die Ungeheuerliches ans Licht brachte (jedenfalls wenn man die Aufregung zum Maßstab nimmt, die der Veröffentlichung folgte): Cameron verbringt seine Wochenenden anscheinend nicht mit Aktenstudium und Wahlkreisbesuchen, wie es sich für einen anständigen Spitzenpolitiker gehört, zumal einen konservativen. Nein, auf seinem Landsitz Chequers betreibt er obskure Sportarten wie Tennis, lässt sich beim Karaoke ungezügelt gehen, daddelt auf seinem iPad und gibt sich beim sonntäglichen Mittagessen hemmungslos dem Rausch hin, vulgo: Er trinkt Wein! Mehrere Gläser!

Schlimm, schlimm! Doch alle Dämme brachen, als er vor dem Untersuchungsausschuss über die Verstrickungen des Murdoch-Medienimperiums zugeben musste, dass er einst, gemeinsam mit seiner Nachbarin, der rotschopfigen Newscorp-Managerin Rebekah Brooks, Ausritte zu Pferde unternommen hat. Nicht nur der Boulavard fragte da frivol nach. Soso, reiten also. Mit der feurigen Rebekah? Aa-ha. Auf dem Pferd? Nee, is klar.

Seitdem: David chillaxing hier, Cameron chillaxing da. Dass seine diversen Adlati eilig beteuerten, er arbeite „mehr als Vollzeit“ und jeder brauche schließlich mal etwas Ruhe und Erholung, vertiefte da nur den Verdacht vom  müßiggängerischen Staatenlenker.

Die Aufregung erstaunt ein wenig in dem Land, das den Müßiggang einst zur Kunstform erkoren hat, zur höchsten, ach was! zur einzig wahren Lebensform des vollendeten Gentleman. Aber den Gentleman zieht es auch nicht ins Amt, so es ihn denn noch gibt! Und Müßiggang ist sicherlich auch etwas anderes als schnödes chillaxen. Eins wie das andere jedenfalls ist nicht das nicht das, was der Brite heute vom Regierungs-Vorsteher erwartet in der größten wirtschaftlichen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Cameron selbst versuchte sich mit einem geborgten Argument aus der Geschlechterdiskussion zu retten: Es müsse doch möglich sein, ein guter Ehemann und Vater und zugleich ein guter Premierminister zu sein. Stimmt. Das muss möglich sein.

In farbfrohem Kontrast dazu haben sich am Wochenende fünf der oben erwähnten Hinterbänkler zu Wort gemeldet mit einer Rasiermesser scharfen Analyse der britischen Wirtschaftslage. Darin kommen die aufstrebenden No-Names aus den Reihen der Konservativen zu dem Schluss, dass britische Angestellte und Arbeiter „zu den faulsten der Welt gehören. Wir haben die kürzeste Arbeitszeit, gehen früh in Rente und unsere Produktivität ist ärmlich.“ Und weiter: „Too many people in Britain prefer a lie-in to hard work“ – Zu viele Faulenzer also, zu viel Chillaxing! Na, das wird aber den Briten im Liegestuhl am Hotelpool freuen, wenn er sich bei der Lektüre von Sun und Daily Mail solcherart von seinen Vertretern schmähen lassen darf! Zumal das Buch mitten in der siebenwöchigen parlamentarischen Sommerpause erscheint, nach deren Ende es zwar zwei Wochen lang Sitzungen geben wird, danach aber noch einmal vier Wochen gesetzgeberischen Stillstand, weil sich die Damen und Herren Abgeordneten zu diversen Parteitagen zusammenfinden.

Was mag sich da der majorcinisch chillaxende Premier gedacht haben, als er von dem Pamphlet seiner Parteifreunde erfuhr? Vermutlich, und zu Recht: Macht Euch mal locker, Leute. Nur wird man nach seiner Rückkehr von dieser entspannten Einstellung wohl nicht mehr viel spüren.

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