„Ist er verliebt?“

…würde Obelix fragen, und Teefix (Asterix‘ Vetter von der Insel) würde antworten: „Er ist. Ist er nicht?“ – Ja, doch, er ist.

Beim Objekt seiner Anbetung handelt es sich um jenes Gewürge aus Straßen und Gossen, Hütten und Palästen, Menschen und Ratten, guter Tradition und schlechtem Bier, das gemeinhin als London subsummiert wird. Herr Elfers ist so sehr verliebt in diese Stadt, dass er 111 Miniaturen darüber verfasst hat, 111 Gründe, diese Stadt zu lieben.

Nun weiß man, dass der Zustand des Verliebtseins zuverlässig die Sinne trübt, zuvorderst den Sehsinn natürlich, welcher den geliebten Gegenstand rosa tüncht und alles Unvorteilhafte gnädig übermalt: Die krumme Nase hat plötzlich Charakter, nachlässige Kleidung deutet auf Lockerheit, flegelhaftes Benehmen wird ursprünglich und natürlich, der Hang zum Kitsch romantisch. Äußerungen von solcherart bebrillten Mitmenschen werden gern, und meist zu Recht, mit einem Warnschild behängt: Achtung! Volle Deckung, trotteliger Träumer im Anmarsch!

Den typischen Londoner Regen zum Beispiel zeichnet London-Lover Elfers bisweilen schmerzhaft weich, wenn er ihn als unvergleichlich reizvoll beschreibt. Dabei weiß jeder, der vom Londoner „horizontal drizzle“ beglückt wurde, dass der genauso nass ist wie überall auf der Welt. Und die Aussicht aus dem Waggon auf die U-Bahn-Stationen malt er kunterbunt in allen erhältlichen Farben der Londoner Bahnlinien. Sicher, da gibt es die eine oder andere interessante Wandmalerei zu bestaunen, aber an den meisten Haltestellen ist und bleibt der Londoner Underground betongrau und sanierungsbedürftig – mit Stadtromantik hat das wenig zu tun. Aber Elfers ist wild entschlossen, auch im Hässlichen unbedingt das Schöne sehen zu wollen.

In der Regel ist so etwas nur schwer erträglich, in diesem Fall aber höchst vergnüglich. Denn natürlich weiß unser Romeo selbst, dass man für jeden einzelnen Grund, London zu lieben, mindestens einen aufzählen kann, es zu hassen. Dazu einen, es zu verachten. Noch einen, es zu meiden, einen… – Seine Haltung aber ist das milde „Trotzdem“ des Verliebten, der an seiner Angebeteten festhält, selbst wenn alle Welt darüber den Kopf schüttelt. Und das macht Spaß zu lesen.

Da geht es um Londoner Straßenmusiker, die hier auf ihren Durchbruch hoffen; um die quirlige Clubszene mit ihren halb-verruchten Hinterzimmer-Bars á la Speakeasy aus der Prohibitionszeit; um das Elend mit den Deutschen in der U-Bahn; das fatalistische Schulterzucken der Londoner, wenn nach einem mäßigen Wintereinbruch mal wieder nichts mehr geht; um günstige Karten für hochkarätige Klassikkonzerte; um das selbstmörderische Ansinnen, sich hier mit per Fahrrad bewegen zu wollen, oder um die vielen sympatischen kleinen Privatmuseen, wie das Cinema-Museum auf der Southbank.

Die Geschichten – teils Reportage, teils Mini-Essay, teils alternativer Stadtführer – sind mit dem Herzblut desjenigen geschrieben, der lange genug in dieser Kultur gelebt hat, um zu wissen, dass eine Liebeserklärung nicht ungenießbar Wolke-7-mäßig zuckrig ausfallen muss (der Engländer sitzt übrigens zwei Nummern weiter: Cloud 9 heißt das hier), sondern ordentlich Ironie, Sarkasmus und trockenen Humor vertragen kann.

Und anders als bei so manchem Schmalspur-Stadtführer, der auf dem Umschlag in dicken Lettern damit wirbt, sind es tatsächlich Geheimtipps, die Elfers zu bieten hat, und von denen die Eingeborenen oft auch noch nichts gehört haben dürften. Elfers Gründe, London zu lieben, sind ziemlich gute Gründe. Das Buch wird sicherlich aus London-Hassern (doch, doch, die gibt es) keine London-Fans machen, aber dazu ist es auch nicht gedacht.

Der Zustand des Verliebtseins hält bei ihm nun schon seit einem Jahrzehnt an (wobei er nicht mitteilt, ob es flammende Liebe auf den ersten Blick war oder sich eher nach dem Bratkartoffel-Prinzip entwickelte, also auf kleiner Flamme langsam erhitzte). Und trotz allerlei Enttäuschungen, die sich in dieser Stadt unweigerlich einstellen, macht es nicht den Eindruck, als ob diese Liebe bald verglühte…

Übrigens: Für alle, die von der Liebe nicht genug bekommen können, existiert zum Buch auch eine Facebook-Seite.

Elfers, Gerhard: 111 Gründe London zu lieben – eine Liebeserklärung an die großartigste Stadt der Welt, Schwarzkopf&Schwarzkopf 2012

Einige weitere Lesestipps mit Büchern über London habe ich hier zusammen gestellt.

Ein Gedanke zu „„Ist er verliebt?“

  1. Sehr schön, ich könnte mir vorstellen es zu lieben. Ein kleiner Hinweis zum Bratkartoffelverhältnis. Meines Wissens stammt der Begriff aus der Zeit des Nachkriegsdeutschlands, im dem es reichlich Kriegswitwen gab und einige Spätheimkehrer. Die Jungs hatten meistens wenig zu essen, dafür gabs aber relativ viele alleinstehende Frauen im besten Alter. Die haben in einem Bratkartoffelverhältnis Kuscheln mit Sattwerden verbunden. Ich weiss allerdings nicht, ob man mit rein englischer Satt werden kann oder bzw. möchte und mit dem Kuscheln in London kenn ich mich gar nicht aus.

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