Die Sache mit den Bildern…

„Haben Sie eine Drehgenehmigung?“ – Wir stehen auf der Tower Bridge an der Brüstung, irgendwo auf halbem Weg über die Themse. Links und rechts von uns bleiben Touristen stehen, fotografieren sich gegenseitig vor dem Londoner Panorama. „Wenn Ihr keine Drehgenehmigung habt, dürft Ihr hier keine Aufnahmen machen,“ sagt der Herr freundlich aber bestimmt. Der Aufdruck auf seinem Anzug-Jackett weist ihn als Vertreter der Tower Bridge Exhibition aus. Ich erkläre ihm, dass wir den ganzen Vormittag im Tower gedreht haben, und nun noch einen Außenschuss von dem Gemäuer benötigen. Sorry, aber keine Genehmigung: keine Aufnahme, dies sei Privatgelände. Die Brücke? Wirklich? Jep, sagt er, vom Ufer direkt vor dem Tower oder von der gegenüberliegenden Seite habe man auch einen schönen Blick, und da benötige man keine Genehmigung.

Ich setze noch zu einer Entgegnung an, doch Brian, mein Kameramann, hat die Ausrüstung schon wieder zusammen gepackt und trottet los. Er kennt das. Argumentieren sinnlos. Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass an öffentlichen Plätzen in London nicht unbedingt öffentliche Gesetze gelten.

Also marschieren wir rüber zum anderen Themse-Ufer, stapfen die Treppen runter zur Promenade vor die City Hall, dem Londoner Rathaus. Auch hier Touristenmassen, die munter Erinnerungsfotos schießen. Dies ist einer der fotografischen Hotspots Londons: freier Blick auf die nahe Tower Bridge, der Tower of London gleich dahinter. Wir aber haben die Kamera noch nicht auf dem Stativ, da spricht mich ein junger Mann in Uniform an: Die Drehgenehmigung will er sehen, dies sei Privatgelände. Wie? Hier auch? Aber der Mann auf der Brücke hat uns doch versichert… nur 5 Minuten… eine Aufnahme – nix, keine ungenehmigten Bilder! Ich bitte um die Telefonnummer der Pressestelle, damit ich eine Drehgenehmigung bekommen kann, schließlich wollen wir nur einen Schuss von der gegenüberliegenden Seite, und nicht mal irgend etwas drehen, das zum Privatgelände gehört. Der junge Mann führt mich zu einer halb versteckten Tür, hinter der es eine Treppe hinabgeht in die unterirdischen Eingeweide der Anlage. Während er mich durch die labyrinthischen Gänge leitet, frage ich mich, wie es sein kann, dass selbst dieses Gelände privatisiert ist: Der Platz der Londoner Volksvertretung, öffentlicher kann kaum ein Ort sein, und doch…

In London wird das mehr und mehr zur Normalität. Angefangen hat alles vor zwei Jahrzehnten mit Canary Wharf, dem alten Hafen, der aus privaten Mitteln neu gestaltet wurde. Der Preis für die riesigen Investitionen in das „Redevelopment“: Das gesamte Areal und alles, was darauf steht, wird privat, mit eigenen Regeln und eigenem Sicherheitsdienst. Streng genommen darf nicht einmal die Polizei ohne Einladung auf das Gelände. Wer hier für‘s Fernsehen Außenaufnahmen von einer der ansässigen Großbanken machen will – vielleicht anlässlich eines der Bankskandale, die Britannien momentan regelmäßig erschüttern – der hat Pech gehabt: Ohne Genehmigung keine Bilder. Verkehrte Welt: Aufnahmen im öffentlichen Interesse (von einem Bankenskandal, bei dem es vielleicht um Milliarden Pfund Steuergelder geht, darf man das wohl behaupten), dürfen nicht erstellt werden, während man sich ungefragt von dutzenden privaten → CCTV-Kameras an jeder Ecke filmen lassen muss, von denen man nicht weiß, was mit den Aufnahmen anschließend passiert. Es sind die Überwachungskameras genau derjenigen Unternehmen, die nicht wollen, dass man ihre phallisch protzenden Konzernzentralen samt Logo filmt. Das Private wird öffentlich und das öffentliche wird privat – in der politischen Theorie nennt man so etwas totalitär. Nur war das auf den Staat bezogen und nicht auf Privatunternehmen.

Totalitarismus-Gefahr – So weit wollen wir dann doch nicht gehen? Na gut, aber nachdenklich stimmt schon, dass sich die Privatisierung öffentlicher Räume immer weiter ausbreitet, denn andere Viertel folgen dem Vorbild Canary Wharf: Bishop‘s Square, Paddington Basin, Mint Street Park, sowie aktuell Granary Square, ein Riesenareal nördlich des Bahnhofs King‘s Cross, das gerade komplett umgegraben wird.

Ein anderes Beispiel ist Paternoster Square neben der St. Paul‘s Cathedral, ein Platz, der aussieht, als sei er ganz normal zugänglich. Ist er auch. Im Prinzip. Schilder an den Zugängen informieren darüber, dass der Zutritt unter Vorbehalt genehmigt ist, aber nur bei anständigem Betragen, und jederzeit zurückgezogen werden kann.

Solange es nur um eine Drehgenehmigung geht, mag sich das Mitleid der Allgemeinheit in Grenzen halten. Aber die Grundbesitzer können zum Beispiel auch Demonstrationen auf ihrem Gelände untersagen – und tun das auch. So mussten die Aktivisten der Occupy-Bewegung im vergangenen Herbst erfahren, dass sie das nicht umsetzen konnten, was ihr Name versprach: Occupy LSX, vulgo: Occupy the London Stock Exchange, also die Börse. Denn die sitzt am Paternoster Square und dachte gar nicht daran, Protest vor ihrer Haustür zuzulassen. Die verhinderten Demonstranten mussten mit dem Platz vor der St. Pauls Kathedrale vorlieb nehmen (bis sie auch von dort vertrieben wurden). Kann man sagen: Sollen sie doch woanders demonstrieren! Eben, am besten da, wo sie nicht stören…

Von einigen dieser privaten öffentlichen Plätze unter freiem Himmel sind schon Obdachlose vertrieben worden, skateboardende Jugendliche, oder andere Zeitgenossen, die äußerlich nicht den ästhetischen Vorstellungen der Besitzer entsprachen. (siehe meinen Beitrag für Deutschlandradio Wissen: Betreten verboten). Selbst fotografierende Touristen wurden vom übereifrigen Wachpersonal schon des Ortes verwiesen.

Einige Londoner sehen die zunehmende Privatisierung mit Sorge, die meisten allerdings zucken offenbar nur mit den Schultern: Wenn es deren Privatgelände ist, dann muss man auch nach deren Regeln spielen – und Privatgrund und was man darauf machen kann, hat hier traditionell traditionell einen hohen Stellenwert. My home is my castle gilt in England nicht nur für das eigene Wohnhaus (siehe → Things – not – to do, Teil 2).

Zurück zum Rathausgelände: Nach kurzer Diskussion mit der Pressesprecherin der Privatgesellschaft, sowie nach Versicherung, dass wir in 5 Minuten wieder weg sein werden, und einer Reihe von Formalitäten, erhalte ich einen kleinen Ausweis in einer Klarsichthülle und werde mit der Auflage, das Dokument wieder zurück zubringen, sobald wir fertig sind, ans Tageslicht entlassen. Als mein Handy draußen wieder Empfang anzeigt, kontaktiere ich Brian, der inzwischen natürlich längst fertig ist, drehe auf dem Absatz um, stiefel wieder hinab, und gebe den Ausweis wieder ab. Absurdistan! Aber es geht noch besser.

Zwei Tage später: wir schlendern durch zwischen den Marktständen an den Camden Locks (zum ersten und letzten Mal: vor allem am Wochenende ist dies ein Viertel Londons, das man hervorragend meiden kann). Hier werden in erster Linie Billigklamotten und Touristen-Tinneff feilgeboten, daneben einige Bilder drittklassiger Künstler, die ihre gern in Acryl gehaltenen Oeuvres mit Londoner Stadtansichten den Rucksack-Besuchern andienen. Vor dem Stand eines solchen Zeitgenossen wage ich es, die Kamerafunktion meines Mobiltelefons zu aktivieren, um das Gewusel zwischen den Ständen zu dokumentieren. Sogleich kommt der Besitzer angeschossen und beginnt, mich wüst zu beschimpfen, weil ich seine Bilder fotografieren wolle, um sie im Internet zu verkaufen, oder so ähnlich. Langsam habe ich die Schnauze voll von dauernden Verboten. Ich versuche ruhig zu bleiben, und weise das tobende Rumpelstilzchen darauf hin, dass wir uns in öffentlichem Raum befinden, ich deshalb fotografieren kann, was ich will. Ich empfehle ihm, seine Bilder nicht in der Öffentlichkeit auszustellen, wenn er nicht will, dass die Öffentlichkeit sie sieht – was er mit einem mehrfach vorgetragenen, herzhaften „Fuck off“ quittiert. Was für eine Groteske! Wir beschließen, die Sache auf sich beruhen zu lassen und ziehen weiter.

Jetzt fallen mir auch überall Schilder auf: Fotografieren verboten! Offensichtlich scheuen die Händler hier die Öffentlichkeit, und sei es nur das private Fotoalbum oder ein Erscheinen auf Facebook.Was da wohl der Grund sein mag? Verletzung der Persönlichkeitsrechte? Sicher nicht. Es geht wohl eher um die Legalität der feilgebotenen Ware oder des gesamten Gewerbes.

Fotografieren in London ist also in jedem Fall eine aufregende, und zeitweise aufreibende Sache. Man kommt sich schnell vor wie ein Paparazzo, und das ohne irgendwelchen Promis in Büschen versteckt mit langer Linse nachzustellen. Nein, das geht mitten auf der Straße, einfach so.

Und da wird ernsthaft diskutiert, ob es sich die Frau des britischen Thronfolgers gefallen lassen muss, in einer abgeschiedenen provencalischen Privatresidenz oben ohne fotografiert und auf Zeitschriften-Cover abgedruckt zu werden. Aber das ist wahrscheinlich wieder etwas völlig anderes. Verstehe das, wer will.

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