Offene Häuser, offene Weine

„Doch, doch. Den trinken die Abgeordneten schon selbst,“ sagt der junge Mann am Souvenir-Stand von Westminster Hall.

Was man beim Open House Day nicht alles lernt: dass das mächtige Dach der 70 Meter langen historischen Halle ein so genanntes Hammerbalken-Gewölbe ist und vor 700 Jahren aus 600 Tonnen bester englischer Eiche gehauen wurde (plus 120 Tonnen Blei obendrauf, um das Holz zu schützen); dass bei einem Feuer in Westminster die einzige Sorge des damals gerade zuständigen Herrschers (irgendeiner der vielen Richards, Williams, Georges, Johns oder Henrys) dieses Dach war: Überliefert ist der sinngemäße Ausruf „Soll das Parlament ruhig brennen, rettet Westminster Hall!“; dass in dieser Halle nicht nur lebende Könige gekrönt und tote Könige aufgebahrt wurden (zuletzt Winston Churchill als König der Herzen), sondern dass auch zahllose Gerichtsverfahren hier durchgezogen wurden (wobei es bis ins 17. Jahrhundert guter Brauch war, dass bei besonders wichtigen Fällen der Henker schon vor Beginn des Verhandlung angeheuert wurde). So verkünden in den Boden eingelassene Messing-Schilder von den spektakulärsten Prozessen, beispielsweise gegen William „Braveheart“ Wallace, den schottischen National-Helden/Terroristen (bitte je nach politischem Standpunkt nicht Zutreffendes streichen), oder Thomas More alias Thomas Morus („Utopia“), den katholischen Heiligen/Hochverräter (s.o.).

Krönungen, Bankette, Prozesse, Feuer, Thronjubiläen, Totenwachen, Staatsreden – das komplette Programm. Alles sehr spannend, alles sehr lehrreich. Eine Stunde haben wir uns in der englischen Kardinaltugend geübt: Schlange stehen. Aber es hat sich gelohnt. Sehr.

In der Lobby, die sich Westminster Hall anschließt geht es links zum House of Commons, rechts zum House of Lords, aber leider nur im Prinzip. An den Zugängen versperren best-gelaunte Damen und Herren den Weg, die für den britischen Parlamentarismus werben, indem sie tütenweise Informationsmaterial über jeweiligen Parlaments-Kammer verbimmeln, samt Taschenlampen-Schlüsselanhänger – vermutlich zur politischen Erleuchtung. Als sie hören, dass wir in London festen Wohnsitz bezogen haben, scheinen sie ihr Glück kaum fassen zu können, und drängen uns, doch unbedingt unseren lokalen Parlamentsabgeordneten zu kontaktieren, um eine ausführliche Führung durch Westminster zu buchen. Ein Besuch bei Big Ben sei auch mit drin (entgegen landläufiger Meinung ist Big Ben nicht der Turm, sondern die Uhr darin). Dass wir kein Wahlrecht haben, mache nichts, der MP (Member of Parliament) sei ja trotzdem für uns zuständig. „And welcome to the United Kingdom“, ruft mir die Dame noch hinterher. Wow!

Auf dem Rückweg zur großen Halle dann der Souvenier-Laden: Lehrreiche Bücher, Bleistifte mit dem Wappen Westminsters, das übliche Tassensortiment – und etwas weiter hinten: die Spirituosenabteilung, tatsächlich. Und das in diesem hohen Haus!

Da gibt es einen Westminster Chardonnay für 8 Pfund zu kaufen, einen 2009er Merlot für 10, daneben den Speaker‘s- und den Commons-Whisky, sowie schließlich einen Speaker‘s Vodka. Meiner offensichtlich leicht irritierten Frage nach dem tieferen Sinn der alkoholhaltigen Auslage begegnet der junge Mann an der Kasse mit einem Grinsen. Nein, das sei kein Touri-Nepp, sondern ein paar der Flaschen, die hier regelmäßig von den Abgeordneten und von deren Gästen geleert werden. Regelmäßig heißt: täglich, und zwar in nicht geringen Mengen. „Jeden Tag gibt es Bankette und Empfänge in Westminster, da braucht man einen ordentlichen Wein im Ausschank, und zwar in größeren Gebinden. Alle Spirituosen werden eigens für die Houses of Parliament produziert, und sie sind nur hier zu bekommen, in keinem Geschäft, und bei keinem Online-Händler.“

Der Wein sei qualitativ sehr ordentlich. Von Kennern hoch gelobt aber werde der „Speaker‘s Malt“, ein Single Malt Whiskey, den traditionell der Mr. Speaker (der Bundestagspräsident sozusagen) in Auftrag gibt. Hence the name. Und im Gegensatz zum Commons-Whisky (ein Blend!) sei der Speaker‘s Whisky heiß begehrt: „Ich kenne einen chinesischen Geschäftsmann, der jedes Jahr hierher kommt, um für 600 Pfund diesen Whisky zu kaufen.

Seit wann es den Whisky gibt? „Na, seit immer schon!“ Natürlich. „Den Wodka dagegen haben wir erst seit diesem Jahr im Angebot, der ist neu. Der aktuelle Speaker mag keinen Whisky, also hat er den Wodka in Auftrag geben lassen.“ – Sicher wird er dafür in die Parlamentsgeschichte eingehen, und in ein paar hundert Jahren wird jemand fragen: Was macht eigentlich der Wodka hier…?

Ich bedanke mich bei dem jungen Mann und frage, ob ich ein Foto von den Flaschen machen darf. Leider nein, sagt er, nicht hier im Lobby-Bereich. Er komme aber gern mit hinaus, damit ich den Merlot dort fotografieren könne. So viel Hilfbsereitschaft!

Warum habe ich jetzt eigentlich keine Flasche gekauft, frage ich mich, als wir die Besucherpässe abgeben. Parlamentswein. Nur mal so zum probieren. Ich könnte ja noch mal… – dann sehe ich die regenschirm-bewehrte Schlange vor dem Besucher-Eingang. Naja, nächstes Jahr ist ja wieder Tag des offenen Denkmals…

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