Jede Klasse für sich – Willkommen im Hotel Albion!

Er sei froh, sagt der Bewerber um den Posten des Hotel-Direktors, dass er keine Privatschule besucht habe, sondern eine staatliche. Das habe ihn auf das Leben vorbereitet und nicht nur auf Abschlusstests, und dafür gesorgt, dass er Bodenhaftung behalte gegenüber dem Personal wie den Gästen. Nicht wie das hochnäsige Eton– und Oxbridge-Pack der amtierenden Führungsetage.

English: British politician Ed Miliband, Leade...

Wallace ohne Gromit? Nein, nur Labour-Chef Ed Miliband (Quelle: Wikipedia)

Anlässlich des nationalen Parteikongresses dient sich Labour-Boss Ed Miliband dieser Tage dem arbeitenden Volk an, und trägt dabei seinen Migranten- und Arbeiterklassen-Hintergrund wie eine Monstranz vor sich her. Das Unterstreichen der eigenen Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen gehört zwar auf der ganzen Welt zur linken Politfolklore. In Großbritannien aber hat es seit je einen schrilleren Ton, und zwar in beide Richtungen gleichermaßen: Mit dem Besenstil der Verachtung wummern die Bewohner der unteren Etagen an die putz-bröckelnde Zimmer-Decke, und beschweren sich über die laute Musik, während darüber die Partyfraktion in der Präsidentensuite sich wundert, was da die Beats stört, kurz die Augen verdreht, und ungerührt weiter tanzt.

Willkommen im Hotel Albion!

„The British are obsessed with class“, sagt der Brite gern über den Briten. Was dem Deutschen das anhaltende Unbehagen über die eigene Nation und die widerstreitenden Gefühle derselben gegenüber, das ist dem Briten die Fixierung auf seine eigene –>Klasse – und die der anderen, denen er selbst nicht angehört, und die deshalb hassens-, bemitleidends- oder verachtenswert sind, je nachdem, in welcher Etage des Hotels man selbst gerade zu Gast ist.

Es ist ein gediegenes Etablissement, dieses vielgeschössige Hotel, ein Fünfsterne-Haus mit angeschlossenem Nobelrestaurant in der Aussichtsetage, aber auch mit vielen weniger vorzeigbaren Stockwerken ohne Zimmerservice und einer schäbbigen, nach altem Fett stinkenden Boulettenbraterei irgendwo in den finsteren Gedärmen des Hotelkellers.

Die Klingelschilder an den Einfahrten zu den gediegeneren Londoner Privatanwesen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Die Etagen dieses seltsamen Hotels sind nicht mit Fahrstühlen verbunden, nicht einmal anständige Treppen gibt es, höchstens geheime Stiegen und Strickleitern. Und an jeder Ecke eines jeden Flurs steht ein livrierter Wächter, der aufpasst, dass nicht die falschen Kandidaten die Belle Etage in Besitz nehmen. Dafür muss er nicht einmal einen Ausweis oder die Lohntüte kontrollieren, auch den Blick auf Kleudung und Auftreten braucht es nicht: Es reicht die schlichte Frage „Can I help you?“ – Am Tonfall der Antwort wird der Brite nicht nur sofort erkennen, aus welcher Region der Mann oder die Frau kommt, sondern auch, ob der Kandidat Vertreter der Arbeiterklasse ist, der unteren, mittleren oder oberen Mittelklasse angehört, oder eben der Oberklasse – zudem, ob er/sie die Erziehung einer Privatschule genossen hat (die hier lustigerweise „public school“ heißt, während die staatlichen Schulen nicht etwa „private school“ genannt werden – aber das wäre ja auch Quatsch!), und auch sonst auf der Sonnenseite des Lebens groß geworden ist. Jeder Brite besitzt ein feines Sensorium für solche sozialen Unterschiede. Diese Form verbaler Analkontrolle hat ein hiesiger Schriftsteller einmal auf den Punkt gebracht – ich glaube, es war Oscar Wilde: „Kein Engländer kann den Mund aufmachen, ohne dass ein anderer ihn hasst.“ – Und so bleibt jeder schön für sich, und pflegt sorgsam die lieb gewonnenen Ressentiments.

Vor allem Eton bei Windsor vor den Toren Londons steht symbolisch für die Abgeschlossenheit des britischen Klassensystems und dessen moralische Verkommenheit. Bei der englischen Oberschicht und dem Teil der Mittelklasse, der als „upwardly mobile“ bezeichnet wird, genießt die Eliteschule einen exzellenten Ruf, bei allen anderen Klassen jedoch eher einen zweifelhaften. Denn hier sind sie alle gewesen:

Description: Eton College Date: 2004-02-14. Ph...

Die Wirtschaftsführer und Politiker (übrigens auch die meisten von Labour), die Spitzenbanker und hohen Militärs, und natürlich die Sprösslinge der englischen Königsfamilie. Nach dem Schulabschluss ging es weiter für die Jungs (immer noch sind kaum Mädels darunter), nach Oxford oder Cambridge, wo sich alle ehemaligen Schulkameraden wiedersehe durften, um an ihren Seilschaften zu arbeiten.

Und so kommt es, dass diese Elite bei allen anderen in Generalverdacht steht, ein großer Kungelverein zu sein, gleich, ob sie sich vor Wahlen die rote Rosette (Labour) oder die blaue (Tory) an den Anzugkragen heftet. Eton und Oxbridge sind zum Synonym für eine Klasse geworden, die den Staat zur Beute erklärt und diese Beute fein unter ihresgleichen aufteilt.

Die Sunday Times veröffentlichte vor geraumer Zeit (27.5.2012) eine Statistik, aus der hervorgeht, dass die am meisten angesehenen (und am besten bezahlten) Stellen in Wirtschaft und Staat immer noch an Privatschul-Absolventen gehen. Vor allem im Bereich Jura und im Oberhaus des Parlamentes, wo das Verhältnis bei etwa 2:1 liegt. In der aktuellen Regierung sind zwei von Drei Ministern ehemalige Zöglinge von Eton & Co, und das bei einem Anteil von 10 Prozent in der Gesamtbevölkerung. In anderen Bereichen wie Wirtschaftsführern, Top-Journalisten oder Ärzten ist der Abstand geringer, aber natürlich ist die Zahl derjenigen, die auf eine der angesehenen Privatschulen gehen, natürlich insgesamt viel kleiner.

Soziale Mobilität, die Aufstiegschancen von weniger privilegiertem Nachwuchs, ist eines der Dauerbrenner in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion Großbritanniens, und wie jüngst eine EU-Studie belegte, hat das Land ein massives Problem damit, dass die sogenannten „Blue Collar Jobs“ immer stärker wegbrechen und die Schulabgänger für die „White Collar Jobs“ nicht die notwendigen Grundkenntnisse mitbringen – ein Problem, mit dem sich die gesamte postindustrielle Welt herumschlägt. Aber Großbritannien trifft es besonders: Mutwillig hat man ganze Industriezweige in den vergangen Jahrzehnten vor die Hunde gehen lassen. Auf der Insel wird kaum noch etwas Hochwertiges produziert, und wenn, dann nicht von englischen Firmen – siehe Autoindustrie. Die Arbeiterklasse gibt es nicht mehr. Was aber überlebt hat, ist der Arbeiterstolz und seine Verachtung für die sogenannten Leistungsträger des Landes, für seine Elite.

Diese Verachtung geht mittlerweile so weit, dass selbst Leute, die aufgrund eines Stipendiums das Glück haben, Schulen wie Eton zu besuchen, gemobbt werden – allerdings nicht von den Mitschülern, sondern von den weniger glücklichen Vertretern der eigenen Klasse.

So bekannte der hier momentan gefeierte Punk-Folk-Rock-Barde Frank Turner kürzlich in einem Interview mit →Time Out, dass ihm seine Erziehung in der Privatschule nicht immer zum Vorteil gereicht habe: „This is one thing that depresses me about England. We have outlawed most forms of prejudice and the ability to call someone a cunt for no reason, but there‘s a couple left, one of which is education. I don‘t judge people based on the decisions their parents made about their schooling, I judge people by the decisions they make in their lives and it would be nice if people afforded me the same courtesy.“ Dabei lässt er kein gutes Haar an seinen Mitschülern in Eton: „As an educational establishment (Eton‘s) a fantastic place, but as a social milieu, it‘s very narrow. I came to the school as a scholarship kid and the conflict between my home life and kids at the scholl was very painful because there were a lot of arseholes.“

Labour-Führer Ed Miliband hat auf dem derzeit laufenden Parteitag mal wieder versprochen, das Erziehungssystem umzubauen, um der vergessenen Hälfte der Nation Gehör und Zukunft zu geben, wenn er dereinst Premierminister sein wird: „I want ours to be a country where kids aspire not just to go to Oxford and Cambridge but to excellent technical colleges and elite vocational institutions.“

Hört, hört! Doch das Albion hat schon so manchen Hoteldirektor kommen und gehen sehen. Eine Grundsanierung hat niemand je gewagt, geschweige denn die Abrißbirne bestellt. Wäre aber auch schlimm: Wie Sportwetten und das Schimpfen auf Wetter und U-Bahn, gehört das klassenbewusste Beleidigtsein schließlich zur Gemüts-Textur der angelsächsischen Insulaner.

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