Reinschauen: Die Tower-Frau

„Good Morning, Ladies and Gentlemen – welcome to her Majesty‘s royal palace and fortress, the Tower of London!“ – Moira Cameron begrüßt ihre Gäste zur einstündigen Führung durch das steinerne Herz der englischen Königs-Geschichte. Sie erzählt von Monarchen und Raben, von Folter und Hinrichtung, von Gespenstern und wilden Tieren. Und sie erzählt sichtlich mit Begeisterung. Moira ist eine der nur 37 Yeomen Warder, der Tower-Wächter, und: sie ist die erste Frau in der langen Tradition der Yeoman Warder, und bislang die einzige.

Ihren einzigartigen Arbeitsplatz gibt es schon seit über einem Jahrtausend: Errichtet von Wilhelm dem Eroberer, diente der Tower of London als Trutzburg, Waffenschmiede, Kerker, sogar als Zoo. Und Moiras Vorgänger dienten als Wächter von König, Schatzkammer und Gefangenen – und betätigten sich nebenbei schon früh als Touristenführer. Für ein paar Pence ließen die Wächter Neugierige in die Menagerie des Towers, wo exotische Tiere gehalten wurden: Elefanten, Eisbären, Tiger und Löwen. für ein paar Pence mehr gab es die Folterkammer samt Streckbank zu sehen und natürlich die Kronjuwelen. Mit dem Geld besserten die Tower-Wächter ihr schmales Gehalt auf. Ihr Spitzname Beefeater stammt vermutlich daher, dass den Yeoman Warder ihr Gehalt zum Teil in Fleischresten ausbezahlt wurde, das bei der königlichen Tafel übrig blieb.

Heute dienen die Tower-Wächter als eine Mischung aus Märchenerzähler, sprechendem Wegweiser und Haus-Inventar. Doch handelt es sich nicht um Schauspieler in Verkleidung, wie viele Gäste vermuten, sondern um verdiente Armeeangehörige. Und immer noch ist es eine hohe Ehre für jeden Soldaten, nach eingehenden Gesprächen und Eignungsprüfungen zu den 37 Beefeatern berufen zu werden. Die Yeomen Warder sind eine nationale Institution, 22 Dienstjahre und der Rang eines Sergeant Major die Mindest-Voraussetzung – und bis vor wenigen Jahren das männliche Geschlecht. Bis 2007 die Schottin Moira Cameron ihre Mitbewerber ausstach und als erste Frau den blauen Waffenrock aus der Zeit Heinrich VIII. anlegte.

Das mediale Getöse war anfangs beträchtlich, und längst nicht jeder war erfreut über den Bruch einer jahrhunderte alten Tradition. Mobbing führte sogar zur Entlassung von einem Kollegen. Ihr Chef dagegen sieht keinen Widerspruch zwischen Tradition und Gleichberechtigung und fordert: Mehr Frauen in den Tower!

Vor 5 Jahren trat Cameron ihren Dienst im Tower an, wo sie, wie all ihre männlichen Kollegen auch wohnt – nichts für ängstliche Gemüter, schließlich soll es im Tower spuken: Eine ganze Reihe derer, die in den Gemäuern hingerichtet wurden, sollen des Nachts hier umher wandeln. Beim Vorstellungsgespräch wurde Moira deshalb gefragt, ob sie mit den untoten Mitbewohnern Probleme haben würde. Nein, habe sie geantwortet, erzählt sie lachend, Angst müsse man immer nur vor den Lebenden haben, niemals vor den Toten.

Der Beitrag ist zu sehen bei der Deutschen Welle in der Sendung Euromaxx vom 8.10.2012: Die einzige Wächterin im Tower of London

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s