Wie viel Pfund sind 20 Pfund?

Einen Espresso und die Rechnung bitte! – Werden wohl so um die 18 Pfund sein, bißchen Trinkgeld – also schon mal den 20er zücken…

Britische Kellner sind in der Regel schnell, aber diesmal dauert es ein paar Minuten. Also wandert der Blick vom Tisch zu den wenigen anderen Gästen, über den gelangweilten Barista zurück zum Portemonnaie, und fällt auf den Geldschein in meiner Hand, darauf das sanft geschwungene Profil des Wirtschafts-Philosophen Adam – „die unsichtbare Hand“ – Smith. Mit mildem Blick schaut er auf eine Darstellung frühindustrieller Arbeitsteilung bei der Nadelherstellung, und die große Steigerung der Arbeitsmenge (nicht der Produktivität!), die damit verbunden sei, wie die Beschriftung euphemistisch vermerkt. Der Sozialismus hatte Massenaufmärsche für seine Propaganda, der Kapitalismus hat Banknoten…

Die Vorderseite zeigt die Queen in jungen Jahren nebst Unterschrift des Chefkassierers der Bank of England. Dazwischen, unter dem reich verzierten Schriftzug der englischen Nationalbank eine Ankündigung:

Ein seltsames Versprechen: I promise to pay the bearer on demand the sum of twenty pounds.

Interessant, interessant, und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Da macht jemand ein Versprechen über den Wert dieses Papiers, macht es (Achtung, Wortwitz!) zum Wertpapier. Das Versprechen, demjenigen 20 Pfund zu bezahlen, der diese Note überreicht. Geldscheine sind Schuldscheine – so weit, so Schulwissen. Aber mit einem Versprechen, nicht etwa mit einer Garantie! Englisches Understatement?

Wer dieses Versprechen macht, bleibt zunächst nebulös: Es steht genau zwischen der Unterschrift des Chefkassierers und dem Portrait der Queen. Stellt die alte Dame da etwas in Aussicht? Irgendwie gehört ihr hier ja alles, zumindest nominell. Da sie im Buckingham Palace aber kaum gewillt sein dürften, die 20-Pfund-Note meines Kellners einzutauschen, wird wohl allein aus praktischen Gründen die Bank of England die Institution sein, die dieses Versprechen tätigt.

Aber welch seltsames Versprechen! Bislang hatte ich immer in dem Wahn gelebt, Pfund seien die Scheine und dicken Klimpermünzen, die meine Geldbörse bevölkern (und gleich aufgescheuchtem Dammwild selbige flüchten – so wie mein 20 Pfund-Schein, den der Kellner soeben einsteckt). Aber offenbar ist dem nicht so, denn 20 Pfund werden demjenigen ausgehändigt, der diesen Schein überbringt. Also ist/sind der Schein selbst nicht die 20 Pfund.

Die echten 20 Pfund sind vielmehr diejenigen, auf denen  der Gouverneur der Zentralbank sitzt. Aber was mag das sein, 20 Pfund, und wie viel? Früher hatte der Banken-Gouverneur hinter schweren Panzertüren genug Gold gebunkert, so dass der Nennwert der ausgegebenen Geldmenge dem Reichtum der Zentralbank, vulgo  des Landes, entsprach, und im Zweifel konnte er das herausrücken. Aber der Goldstandard ist schon seit geraumer Zeit abgeschafft, der Gouverneur besitzt nichts, was er aushändigen könnte (und ein Einbruch in der Bank of England macht auch viel weniger Spaß). Die Tausch-Frage lautet also: 20 Pfund von was verspricht der Bank-Gouverneuer meinem Kellner?

Die Antwort findet sich auf der elektronischen Heimseite der Bank of England unter dem Punkt häufig gestellten Fragen (und das ziemlich weit oben, als zweite Frage – offenbar bin ich nicht der einzige, der länger auf seine Rechnung wartet) :

What is the Bank’s “Promise to Pay”?

The words „I promise to pay the bearer on demand the sum of five [ten/twenty/fifty] pounds“ date from long ago when our notes represented deposits of gold. At that time, a member of the public could exchange one of our banknotes for gold to the same value. For example, a £5 note could be exchanged for five gold coins, called sovereigns.

Für fünf Pfund gab es also ursprünglich fünf als „Landesherrscher“ betitelte Goldmünzen.  Inzwischen aber, so der kurze Text weiter, habe sich die Bedeutung des Spruches gewandelt, nachdem die Währung vom Goldstandard abgekoppelt worden sei (für alle die es genau wissen wollen: mit dem Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems 1973):

Exchange into gold is no longer possible and Bank of England notes can only be exchanged for other Bank of England notes of the same face value.

Mein Kellner wird für meine Banknote also immer nur wieder eine Banknote erhalten, welche mit dem Versprechen versehen ist, dass derjenige gegen Vorlage dieser Banknote 20 Pfund erhält, die aber wiederum… – ein perfekter Zirkel. Und somit ein Versprechen, das  niemals einlösbar ist. Klingt nicht sonderlich seriös, eher nach Kettenbrief und ähnlich dubiosen Luftnummern, pure Esoterik also. Und das ganze funktioniert auch nur unter einer einzigen Bedingung, wie die Bank of England freimütig einräumt: Vertrauen.

Public trust in the pound is now maintained by the operation of monetary policy, the objective of which is price stability.

Bank of England

Das ist also das Pfund, mit dem die Bank of England wuchert: das Vertrauen auf ihr  segensreiches Wirken Richtung Preisstabilität, also das Vertrauen meines Kellners darauf, dass, wenn er den 20-Pfund-Schein am nächsten Tag weitergibt, eine Leistung oder eine Ware dafür erhält, die diesen 20 Pfund entspricht (wobei: was heißt schon entsprechen?).

Was lehrt uns das? Dass Geld in seiner wirtschaftlichen Substanz nichts ist, außer einer staatlichen Schuldverschreibung mit einem windigen Versprechen. Es ist nicht mehr als ein Gradmesser des Vertrauens in das Wirtschaftssystem derjenigen, die täglich mit diesem Geld umgehen.

Der Witz ist: Es funktioniert. Und für diese esoterischen Voraussetzungen sogar erstaunlich gut. Bis jetzt. Vielleicht aber sollte der eine oder andere Banker, und der ein oder andere Politiker ab und an eine seiner zahlreichen Banknoten mit den vielen Nullen ein wenig genauer betrachten. Und das, was darauf geschrieben steht.

Ein Gedanke zu „Wie viel Pfund sind 20 Pfund?

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