Wort der Woche: Worsprüng dürk Tekniek

War das eben deutsch? Ich stehe in der Küche und erledige den Spül der vergangenen (ähem) Tage, während nebenan der Fernseher vor sich hin plappert. Werbung. Wer so beiläufig vorbei hört, glaubt bisweilen Sätze in der eigenen Muttersprache zu vernehmen, die sich alsbald als Verhörer herausstellen. Klang nur so, war aber Englisch. Kommt vor.

Das hier aber war etwas anderes. Was pries der Sprecher da sonor im Brustton der Überzeugung?

Worsprüng dürk Tekniek!

Gefolgt von einem bekannten akustischen Signet: Badam-dadam – Audi! Tatsächlich, der Hersteller mit den vier Ringen bewirbt seine Karossen hierzulande in – nun ja – deutscher Sprache. Und das schon seit geraumer Zeit. Seit 30 Jahren, um genau zu sein.

Mir war der Spruch schon vorher begegnet, allerdings traf er mich zunächst unvorbereitet, als es bei einem Schwatz um Autos ging und ich mich unvorsichtig als Deutscher zu erkennen gab. Wie aus der Einspritzdüse kam es geschossen: Worsprüng dürk Tekniek! Beim ersten Mal dauerte es eine Schrecksekunde, bevor ich antworten konnte, in der die Abteilung Linguistik meines Hirns verzweifelt versuchte, den Lauten meines Gegenübers eine Sprache zuzuordnen und eine Bedeutung beizulegen. Doch immer wieder bekam ich diesen Spruch zu hören, und eines schönen Tages verstand ich ihn sogar, ohne dass der englische Auto-Enthusiast enttäuscht mit „Audi – You know?“ nachhelfen musste.

Ich habe es inzwischen mehrfach getestet und bin zu einer Regel, ja ich möchte sagen, einem Gesetz gelangt: Mit Pawlow’scher Reflexhaftigkeit wird absolut jeder Engländer (zumindest jeder männliche) freudig diesen Slogan rezitieren, sobald er sich einem Deutschen gegenüber sieht, bei dem er Autobegeisterung vermutet (das heißt: bei jedem). Worsprüng dürk Tekniek! ruft er dann begeistert, und harrt wie Harro nach erfolgreichem Stöckchen-Apport auf Herrchens Lob.

Natürlich „versteht“ den Spruch hier kein Mensch. Aber jeder weiß, was er bedeutet: Worsprüng dürk Tekniek fasst alle positiven Eigenschaften zusammen, die der Brite dem Deutschen unterstellt: herausragende technischer Verstand, Verlässlichkeit, solide Qualität (und ein bißchen gepflegte Langeweile – ein Audi ist schließlich kein Lamorghini).

Auch wenn die Deutschen hier einerseits gern als wenig geschmeidige – und was viel schlimmer ist: humorloser – Gesellen gesehen werden, so versagt ihnen doch kein Engländer die Hochachtung vor ihrer verstörenden Effizienz, Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, und was die Palette deutscher Sekundärtugenden noch so hergibt. Und genauso humorlos, fleißig, ordentlich, pünktlich wie sie allesamt sind, die Deutschen, so sind sie auch meisterliche Ingenieure. Alle. Ohne Ausnahme. Ich auch.

Als John, mein freundlicher Hausverwalter, die technischen Einrichtungen der Wohnung zeigte, führte er mich zunächst in die Küche, pries die Güte deutscher Sanitär-Installationen im Allgmeinen, die Produkte aus dem Hause Vaillant im Besonderen, und begann umgehend und detailreich, jede einzelne Schraube, jedes Rohr und jedes Ventil des deutschen Durchlauferhitzers zu erklären. Es dauerte eine Weile, bis er an meinem sparsamen Blick merkte, dass er mich schon kurz nach Demonstration des Hauptschalters verloren hatte – wovon er sich reichlich irritiert zeigte.

Denn es gilt: In gleichem Maß, wie jeder Deutsche genetisch prädisponierter Fußballexperte ist, so hat er auch ein Höchstmaß an technischem Verständnis. Gegenteilige Beteuerungen nutzen nichts. Sollten weder fußballerische noch technische Expertise in ausreichender Menge vorhanden sein, und sich am Ende auch noch herausstellen, dass man – wie ich meinem Nachbarn kürzlich beichten musste – kein! deutsches Auto fährt, empfiehlt es sich, die Reisepapiere griffbereit zu halten zum Nachweis der nationalen Identität.

Aus dieser unerschütterlichen Grundüberzeugung des Engländers über das Wesen des Deutschen heraus hat man wohl 1982 den in Deutschland längst nicht mehr verwendeten Audi-Slogan wieder ausgegraben. Damals überlegte sich die englische Marketinkabteilung, wie man den Bankangestellten in Birmingham und den Handlungsreisenden aus Hull überzeugen könnte, sich für die Marke aus Ingoldstadt zu entscheiden. Der deutsche Klang (oder das, was man dafür hält) von Worsprüng dürk Tekniek vermittelt für angelsächsische Ohren offenbar Präzision, Zuverlässigkeit, Ingenieurskunst – eben rollende Hochtechnologie (neudeutsch: Hi-Tec).

Aber es bleibt nicht bei deutschen Werbesprüchen und bei Automarken. Mit German Technology lässt sich hierzulande ziemlich alles aufpeppen. So schamponiert sich der englische Mann mit Stil und Schuppen unter der Dusche deutsche Ingenieurskunst ins lichte Haupthaar („German Engineering for Your hair“), die Fenster und das Auto werden mit dem neuesten Produkt aus dem Hause Kartscher geputzt, einem bekannten deutschen Hersteller von Hochdruckreinigern, und den lieben Kleinen gibt Omi gern mal ein oder zwei Karamel-Bonbons aus der braunen Tüte mit den Wörhser’s Oridschinal.

Mit →deutscher Sprache und deutschen Werten lässt sich also offenbar guter Umsatz generieren, seit Jahrzehnten und selbst in diesem Land, wo man nicht nur beim Fußball den Deutschen in brüderlicher Hassliebe verbunden ist. Interessant, dass sich das noch nicht bis Deutschland herumgesprochen hat, wo  alles so flächendeckend mit (meist grandios schlechten/schiefen/falschen) englischem Werbequark zugemüllt wird.

Wie war das vor einigen Jahren? Da wurden Reisende in Madrid mit dem Spruch Siemens – la fuerza de la innovacion verabschiedet, und am Frankfurter Flughafen mit Siemens – the force of innovation begrüßt. Manchmal reicht es eben nicht aus, durch Tekniek den Worsprüng zu haben, es braucht auch ein wenig Mumm: Audi UK startete die Werbekampagne vor 30 Jahren, obwohl alle Tests ergeben hatten, dass dieser Slogan antideutsche Ressentiments hervorrufen würde…

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