Things to do (when in London) – Nördlich von St. Paul’s

Er ist der letzte seiner Art. Nirgends in London gibt es ihn noch, den einst allgegenwärtigen blauen Police Post, in dem die lokale Polizei-Schmiere im Notfall ein Telefon vorfand mit Direktleitung zu Scotland Yard, um Verstärkung zu rufen. Dieser hier, an der Verbindungsstraße zwischen St. Paul’s Cathedral und dem Londoner Stadtmuseum, ist als einziger übrig geblieben – so behauptet es jedenfalls der Stadtführer Secret London. Wer allerdings beim Spaziergang die Augen aufmacht, der wird bald die eine oder andere Polizeibox zu Gesicht bekommen.

Ich selbst habe Exemplare an der Tube Station Earl’s Court gesehen, und an der Ecke von Grosvenor’s Garden, gleich gegenüber der amerikanischen Botschaft, in allerdings eher beklagenswertem Zustand (im Gegensatz zu den anderen ließ sich jedoch noch die Klappe an der Vorderseite öffnen, und tatsächlich: Darin befand sich ein Telefon – ob es noch funktioniert, habe ich nicht ausprobiert). Aber dieser Post hier ist besonders schön wieder hergerichtet und verweist auf die Tage, als Polizeifunk noch in weiter Ferne lag.

Zudem dient die Box als pittoresker Leuchtturm für den unscheinbaren Eingang zum kleinen Postman’s Park. Diese kleine Grünanlage ist einer jener vielen winzigen Oasen, in denen der Londoner Stadttrubel von einer Sekunde zur nächsten ganz weit weg ist. Dies hier ist eine ehemaliger Friedhof, einige verwitterte Grabsteine zeugen davon. Am hinteren Ende beheimatet er eines der erbaulichsten unter den zahllosen Londoner Denkmalen.

Keiner Königin ist es gewidmet, nicht den Kriegstoten und keinem Staatsmann, sondern echten Helden. Der Künstler George Frederic Watts kam Ende des 19. Jahrhunderts auf die Idee, einen Ort für all die sonst ungenannten Menschen zu schaffen, die zwar keinen beeindruckenden Titel besaßen, aber den Mumm, andere Menschen aus einer Lebensgefahr zu retten, und dabei selbst ums Leben kamen.

Was bleibt von solchen Rettern, außer vielleicht einer Notiz in der Lokalzeitung unter der Rubrik Vermischtes? fragte sich Watts, und begann damit, Geld für eine Gedenkmauer zu sammeln, in die er Marmor-Tafeln einlassen wollte. Doch das Projekt schleppte sich dahin, die Begeisterung potenzieller Geldgeber blieb zurückhaltend für einen Gedenkort mit nur kleinen statt klingenden Namen. Lag es daran, dass Watts‘ Denkmal sich nicht zur staatlichen Selbstbeweihräucherung eignet, oder daran, dass der Initiator überzeugter Sozialist war – weder König noch Parlament noch sonst jemand sprang auf seine Idee an. So finanzierten er und seine Frau Mary es kurzerhand selbst.

Die erste Plakette wurde im Jahr 1900 angebracht, und erinnert an eine Frau namens Alice Ayres, die Tochter eines Maurers, „who by intrepid conduct saved three children from a burning house in Union Street, Borough, at the cost of her own young life, April 24, 1885.“ (dies ist auch die einzige Geehrte, die es zu einiger postumer Berühmtheit brachte, was sehr ungewöhnlich war: eine Frau als strahlende Heldin, von niedrigem Stand und ungebildet dazu,  war im viktorianischen England ein äußerst ungewohntes Konzept. Im Hollywood-Film Closer kommt sie zu späten Ehren. Die Anfangsszenen spielen im Postman’s Park und die gerade einem Unfall entkommene Natalie Portman stellt sich ihrem Retter Jude Law als Alice Ayres vor).

13 weitere Plaketten folgten während Watts Lebenszeit, 34 ließ seine Frau danach anbringen. Anstatt für Marmor reichte Watts‘ Geld nur für Keramik. Aber auf eine merkwürdige Weise verleiht gerade dieses bescheidene Material den Namen und Daten eine eigene, anrührende Würde.

Für viele Platten wäre noch Platz gewesen, doch die meisten Reihen blieben leer. Erst vor wenigen Jahren kam eine weitere hinzu, nach fast 80 Jahren Pause, und zwar für einen Leigh Pitt, der beim Versuch starb, einen ertrinkenden Jungen aus einem Kanal zu retten. Ob die Tradition fortgesetzt wird, weiß ich nicht. Watts hatte gehofft, dass in anderen Städten ähnliche Denkmale errichtet würden, um die zu ehren, die nicht zuerst an sich denken. Das im Postman’s Park blieb aber das einzige.

Wenn man einmal in dieser Ecke der City of London unterwegs ist, liegt ein Besuch des Museum of London nah, das hier in Steinwurfweite seine Räumlichkeiten hat. Der Eintritt ist frei, wie bei allen städtischen und staatlichen Museen. Vorher aber geht es von Great Britain nach Little Britain. So heißt eine kleine Straße kurz vor dem Stadt-Museum. Ob der Name in einem plötzlichen Anfall von imperialer Bescheidenheit zustande kam, ist mir nicht bekannt. Kurz also noch ein Foto…

… und hinein geht’s ins Musem: Von der Geschichte der Kelten-Siedlung in den sumpfigen Themse-Auen über Modelle der Römerfeste Londinium und den ersten hölzernen Tower of London unter William dem Eroberer, die Pest und das vernichtende Große Feuer im 17. Jahrhundert, bis zum Nachbau einer viktorianischen Einkaufstraße und der Mode während der Beatle-Mania – alles da und alles spannend aufbereitet. Eines der Highlights: die Prunk-Kutsche, mit der der Lord Mayor alljährlich sechsspännig durch die Straßen der City paradiert (nicht zu verwechseln mit Boris Johnson, dem Mayor of London, der für Greater London zuständig ist). Der Lord Mayor hat zwar in der Stadt nicht mehr allzu viel zu sagen, aber von „Pomp & Circumstance“ hat so etwas die Briten ja noch nie abgehalten…

Das Ganze ein schöner Streifzug durch zweitausend Jahre Geschichte. Allerdings ist der Besuch von Ausländern eher nicht vorgesehen, jedenfalls nicht von solchen, die des Englischen nicht mächtig sind (soll es ja auch geben): Erklärungen in Französisch, Japanisch, Russisch, Chinesisch oder gar Deutsch sind an keinem der Exponate zu finden, einzig ein dürres Faltblatt mit kurzen Texten zu den 10 Highlights der Ausstellung verteilen die Museumsleute an die wenigen fremdsprachigen Touristen, die sich hierhin verirren. Wie auch immer: Zwei bis drei Stunden sollte man sich für Londons Geschichte ruhig Zeit nehmen.

Nicht ganz so lang benötigt man für das Clockmakers‘ Museum, das sich in der Guildhall findet, nur zwei Straßen vom Museum of London entfernt. Auf dem Weg lohnt ein Blick auf die Straßenschilder in dieser Gegend, die bewohnt ist von Prachtbauten des 19. und Glaspalästen des 20. Jahrhunderts. Die Straßennamen lassen ahnen, wie es hier früher ausgesehen haben mag, in den engen Gassen der Londoner City vor dem großen Brand 1666. Bread Street und Milk Street und Wood Street heißen die Straßen hier und geben damit Auskunft, womit in dieser Ecke der Stadt vornehmlich gehandelt wurde. Ein Straßenname hat mich allerdings ratlos zurück gelassen. Was da wohl feilgeboten wurde?

Nun aber ins Uhrmachermuseum, das gleich an der Ecke liegt. Der Eingang versteckt sich an der Seite der prächtigen Guildhall in einem modernen und wenig glamourösen Anbau, vorbei an einem gelangweilten Pförtner. Aber nicht abschrecken lassen! Auch hier ist der Eintritt frei und meist wird man sich allein in den bescheidenen Räumen wiederfinden, wo man ungestört Navigationsuhren, Wanduhren, Taschenuhren und allerlei Kuriositäten bestaunen kann –

Eine Kugeluhr vom Anfang des 20. Jahrhunderts, angetrieben durch eine kleine Metallkugel, die in Zickzacklinie eine Wippe von einer Seite zur anderen hinunter läuft, sodann wieder zurück.

und nebenbei etwas über die lange Geschichte der englischen Uhrmacherei erfährt, die eng mit der Seefahrt verbunden ist. Denn zur genauen Bestimmung des Längengrads, auf dem sich die Schiffe ihrer Majestät gerade befanden, brauchte es präzise Uhren. Und das war trickreich, denn die genauesten Uhren liefen damals per Pendel, was sich auf einem schaukelnden Schiff eher schlecht macht.

London war bis ins 19. Jahrhundert das Zentrum europäischer Uhrmacherkunst – bis die Konkurrenz aus Übersee den Markt mit billiger Ware aus Massenproduktion überschwemmte und die edle Handwerkskunst auf der Insel zerstörte. Und wer war’s, wer hat’s erfunden? Natürlich, die Schweizer, und daneben die Franzosen, vor allem aber die Deutschen. Typisch, immer das gleiche…

Je nach Lust und Ausdauer wird man nach einer bis anderthalb Stunden aus der Uhrmacher-Ausstellung wieder heraus fallen. Erholung nach dem Museums-Marathon bieten die Bänke auf einem kleinen Platz schräg gegenüber der Guildhall. Dort steht marmor-besockelt eine Büste des größten aller englischen Dichter. Das Denkmal allerdings gilt nicht direkt dem britischen Barden, sondern zweien seiner Freunde, ohne die wir von Shakespeare vermutlich nichts wüssten. John Hemminge und Henry Condell haben Shakespeares Werke (oder wessen Werke auch immer) zusammengetragen und 1623 als First Folio veröffentlicht, ohne jegliches Eigeninteresse und ohne Rücksicht auf die eigenen schmalen Finanzen, wie die Tafel im Denkmalsockel vermerkt. Chapeau vor so viel Uneigennützigkeit und aufopferndem Liebesdienst. Aber kein Wunder: Die beiden lebten hier, gleich an der Love Lane…

2 Gedanken zu „Things to do (when in London) – Nördlich von St. Paul’s

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