London Alaaf! – Karneval an der Themse

Hat da jemand „Kamelle“ gerufen? Ich fürchte, das war ich selbst. Kleines Versehen. Aber man kann sich da schon mal vertun: Seit einer halben Stunde schon ziehen die Gruppen, Spielmannszüge und Festwagen an uns vorbei, farbenfroh und fröhlich, wie man bei solchen Gelegenheiten gern sagt. Clowns sind darunter, Japanische Taiko-Trommler, Chinesische Geishas. Auf einem „Float“ (den Begriff haben sie vermutlich von der Love Parade geklaut…) beugen sich Sanitäter in einem Open-Air-OP über eine offenbar erkrankte Übungspuppe, vergisst darüber aber nicht, immer wieder ins Volk zu winken, das am Straßenrand begeistert klatscht und seine Handykameras hoch hält. Die örtliche Fleischer-Gilde führt einen Gasballon spazieren in Form einer riesige roten Schweinerippe – vermutlich eine Werbung für leichte Kost…

Dazwischen immer wieder Gruppen von kleinen und großen Jungs (und Mädels) in lustigen Militär-Uniformen, bewaffnet mit Gewehren und Panzerfäusten, die täuschend echt aussehen. Mag daran liegen, dass sie echt sind. Leichte Artillerie, Pioniere, Funker, Sanitätsoffiziere – sogar der Armee-Geheimdienst ist mit von der Partie. Statt Gulasch-Kanonen ziehen die Laster hier Feldhaubitzen durch die Innenstadt. Auf der Ladefläche eines Armee-LKW ist vorn eine Raketenbatterie installiert, dahinter parkt ein schwerer Kampfpanzer. – Willkommen beim alljährlichen Festumzug des Lord Mayors in der City of London!

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Dreieinhalb Meilen zieht sich der Zug durch das Finanzzentrum der Hauptstadt, dem Zentrum des historischen London, zwischen St. Paul’s Cathedral und dem Royal Court of Justice. Seit 1215 geht das schon so, als der nicht nur von den Londonern viel gehasste König John (der Bruder von Richard Löwenherz und grimmige Gegenspieler von Robin Hood) sich genötigt sah, den Posten des Bürgermeisters der Stadt von den indolenten Bürgern der Stadt wählen zu lassen – damals und lange Zeit danach das höchste Amt, das ein Nicht-Adeliger erreichen konnte. So steht es in der berühmten Magna Carta. Um den frisch gewählten Amtsträger an sich zu binden, ließ der Monarch ihn per Prozession zu sich kommen, auf dass er seinem König die Treue schwöre. 683 Männer haben auf diese Weise beim Staatsoberhaupt vorgesprochen – und bislang eine einzige Frau. Muss ein Versehen gewesen sein…

Als „The Lord Mayor’s Show“ ist die alljährliche Prozession bekannt, und erfreut sich ungebrochener Beliebtheit beim Volk. Der Lord Mayor hat zwar nichts zu sagen in der Stadt – er ist eine Art nobilitierter Grüßaugust, und nicht zu verwechseln mit dem Mayor, der Greater London regiert (zur Zeit der konservative Boris Johnson) – aber als Zeremonienmeister wird er gefeiert wie der Prinz im Rheinischen Karneval. Alderman Roger Gifford gab sich dieses Jahr die Ehre als 685. Lord Mayor of London. Während des Festumzuges hat er auch die gleiche Aufgabe wie der närrische Prinz: wenn er in seinem güldenen Prunkwagen umjubelt vorbei gezogen ist, weiß jeder: Das war’s, jetzt kommt nur noch das Kehrmännchen-Ballett.

Für Eingeweihte in das rheinische Brauchtum sind die Parallelen zum Rosenmontags-Umzug auch sonst unübersehbar: Was dort die roten-grünen-gelben Funken-Garden, das sind hier die mittelalterlichen Gilden, die sich an diesem Tag dem Volke präsentieren (und vermutlich einen ähnlichen Hinterzimmer-Klüngelgrad erreichen wie ihre Kölschen Pendants).

Das militärische Element samt Marschmusik wird praktischer Weise gleich vom Militär selbst übernommen und bei der Gelegenheit zur Eigenwerbung genutzt (statt Strüsscher verteilen junge Unteroffiziere in Tarnuniform Infoblätter über Reservisten-Einheiten). Dazwischen tummeln sich Schulgruppen der jeweiligen Stadtviertel, ein paar Gäste aus Schweden auf einem Abba-Gedächtnis-Float, eine Truppe schlecht gelaunter Handelsleute aus Hamburg, sowie ein Häuflein Mexikaner, die sich auf dem Weg zu einer Stadtführung offenbar in die Parade verirrt haben, und nicht so ganz genau wissen, was sie hier sollen. Zwischendrin locker eingestreut ein paar Promis, wie die britische Leichtathletin und Olympia-Heldin Jessica Enis.

Die ganze Parade wird live von der BBC übertragen, mit vermutlich ähnlich geistreicher Kommentierung wie die deutschen Pendants  in Köln, Düsseldorf, und Mainz („Immer wieder ein herrlisches Bild, die staatsen Offiziere von der Stadtwache…“) – und abends gibt es die Zusammenfassung in den Hauptnachrichten. Dort erfahren wir auch, dass der „State Coach“ des frisch gebackenen Lord Mayors auf dem Rückweg ins Museum einen Achsbruch erlitten hat. Die 250 Jahre alte Kutsche, die den Rest des Jahres im Museum of London wohnt, „ist die am meisten beanspruchte Kutsche des 18. Jahrhunderts“, sagte ein Sprecher entschuldigend. Dem neuen Lord Mayor sei aber ncihts passiert, thank goodness!

Jaja, wie der Engländer so treffend sagt: „Et hätt noch immer joot jejange…“

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