Auf der Suche nach Mr. Bond

Ein vertrauliches Gespräch in der Ecke eines kleinen Pariser Cafés, ein Treffen auf einer verlassenen Bank im herbstlichen Hyde Park, ein Rendezvous in einer konspirativen Wohnung in Mayfair, post-koitales Kissen-Geflüster in einem durchgelegenen Hotelbett am Flughafen Schanghai – so stellt man sich das vor, wenn ein neuer Agent, eine neue Agentin für den Geheimdienst ihrer Majestät rekrutiert wird.

Stellt man sich natürlich nicht so vor. Hollywood ist nicht die Realität, das ist auch jedem (nach)pubertären James-Bond-Junkie klar, sobald er Action-trunken das Kino verlässt. Aber offenbar stellen sich die britischen Schlapphüte vor, dass sich die Menschen das so vorstellen. Denn im Kielwasser von „Skyfall“ schaltet MI-6 dieser Tage ganzseitige Anzeigen – um mit dem angeblichen Klischee vom Jet-Set-Spion aufzuräumen, vor allem aber, um damit zugleich neue Agenten anzuwerben.

Auch wenn man weiß, dass das Agentendasein wenig mit der glamourösen Leinwand-Realität zu tun hat: Ein wenig ernüchternd ist das schon, eine schnöde Zeitungsanzeige, um künftige Doppel-Null-Agenten zu finden. Da scheint man beim MI-6 reichlich verzweifelt zu sein. Oder liegt die Betonung beim Wort Geheimbehörde jetzt auf der zweiten Silbe?

Moment! Wie war gleich der Name? MI-6, wirklich? Den gibt es offiziell doch gar nicht! Secret Intelligence Service heißt M’s Laden regierungsamtlich. Verdächtig! Also alles ein Fake? Oder haben sich die Schlapphüte irgendwann der Kraft des Faktischen gebeugt und gesagt: Wenn alle MI-6 sagen, dann werben wir halt unter dem Namen? Alles sehr geheimnisvoll. Na, wollen mal sehen…

Die Überschrift wirkt schon mal hübsch paradox, und eines Geheimdienstes würdig: „Wären die Qualitäten, die einen guten Spion ausmachen, offensichtlich, dann wären sie keine Qualitäten für einen guten Spion“ – Wunderbar! Wer über diesen Satz nachdenkt, dem dreht sich bald alles im Kreis.

M’s Rekrutierungs-Abteilung macht das nicht ungeschickt: Der MI-6 gibt sich unheimlich unheimlich, der Text kommt betont aufklärerisch-seriös daher – und füttert zugleich zwischen den Zeilen die Fantasie der Leser und der Spione in Spé.

Da müssen zuerst mal die gängigen Agenten-Klischees zertrümmert werden: Verdeckte Ermittlungen, Observierung, Verfolgungsjagden, Schießerei im Kasino – so sieht es aus, das Leben als Spion, nicht wahr? Aber, so raunt der Text weiter: „Das erste, was man über den MI-6 lernen muss, ist, dass nichts offensichtlich ist.“ – Ein Lehrbuch-Satz aus dem kleinen Einmaleins der Desinformation – Tarnung durch vermeintliche Offenheit. So macht man das: Das eine Klischee ausräumen, indem man eine aufklärerische Mine aufsetzt und es durch ein anderes ersetzt. „Alles ist anders, nichts ist wie es scheint.“ – Vorbildlich!

Auch das Klischee vom Spion als einsamen Wolf sucht die Anzeige vorgeblich zu zerstören, indem sich der MI-6 als besonders offen und familienfreundlich zeigt – nur, um wenige Zeilen später wie selbstverständlich zu erklären, dass eine Tarngeschichte notwendig werden wird:

„Wie sieht es mit der Geheimhaltung aus? Nun, offensichtlich werden die Details Ihres Jobs vertraulich sein, und wir bitten Sie, Ihre Bewerbung niemandem gegenüber zu erwähnen. Wenn Sie dann für uns arbeiten, werden Sie Ihre Rolle einem oder zwei engen Freunden oder Familienmitgliedern offenlegen können. Für alle anderen helfen wir Ihnen, eine glaubwürdige Cover Story zu entwickeln.“

Na bitte, alles ganz harmlos. Interesse? Bewerbungen werden hier entgegen genommen. Wobei… – vielleicht ist das ja alles ist eine groß angelegte Täuschung, die vermeintliche Offenheit nur das Cover up des Cover up! Wer weiß…

Die Bank ist da in jedem Fall sicherer. Sie wissen schon, im Hyde Park, die Bank an der Fußgänger-Brücke über die Serpentine. Morgen früh, exakt um 0-800. Seien sie pünktlich und: kein Wort zu niemandem!

(Achtung: Dieser Blogeintrag wird sich nach Lektüre selbst zerstören)

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