One step beyond – It’s still ultimate Madness

Madness-Gig1„No way!“ stöhnt eine Mädchenstimme hinter uns. Ein Vater um die 50 drückt sich an uns vorbei Richtung Bühne, dorthin, wo getanzt wird, oder -nun ja – rhythmische Bewegungen zur Musik produziert werden. Im Schlepptau hat er seine beiden halbwüchsigen Töchter, die ihn nur noch peinlich finden. Für die anderen viereinhalb tausend Zuschauer im Brighton Centre aber gibt es bei Baggy Trousers kein Halten mehr. It must be love noch hinterher, und das unvermeidliche Our House, und die Stimmung ist bestens in Englands südlichstem Nordsee-Strandbad. Und das mitten am Nachmittag!

Weil das abendliche Konzert innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war, gibt es für uns die Kindervorstellung: Matinee, Einlass 14:30, Beginn 15:30, pünktlich, denn man wird  nicht jünger, und die Herren müssen ja noch ein Abendkonzert bestreiten. Seit über 35 Jahren sind sie jetzt im Geschäft und treten dem gereiften Alter entsprechend in dunklem Anzug und Krawatte auf (die Sonnenbrille gehört aber immer noch dazu). Die früher üblichen, wilden Tanzeinlagen beschränken sich mittlerweile auch eher auf Andeutungen. Das kommt dem Publikum entgegen, das früher gängige, Pogueing-artige Ska-Gehopse reduziert sich bei den meisten Mitgealterten auf fröhliches Fußwippen und Kopfnicken.

Das hätten sich Frontmann Suggs und seine Mannen nicht träumen lassen, dass sie über 35 Jahre nach der Gründung immer noch auf der Bühne wiederfinden würden. Von der englischen Presse werden sie gern als englischste aller englischen Bands bezeichnet, und wer bin ich, da zu widersprechen? So englisch, dass sie nicht nur bei der olympischen Abschlussfeier aufgespielt haben, sondern sogar der Queen aufs Dach steigen durften: Oben vom Buckingham Palace aus gratulierten sie der alten Dame beim Jubiläumskonzert mit „Our House“ zum Diamantenen. Vom britischen Arbeiter-Pop zur inoffiziellen National-Kapelle, welch eine Karriere!

Madness-Gig2In einem Gespräch mit dem Sunday Times Magazine plauderte Sänger Suggs kürzlich über die wilden Jahre der Ska-Band und berichtete vom Interview mit einem jungen Musik-Journalisten namens Neil Tennant. Der fragte ihn damals, wie lang er gedenke, mit Madness zu touren. Suggs antwortete natürlich, dass er keinesfalls vorhabe, als alter Mann – also so mit 30 – noch durch die Lande zu touren. In den Kulissen des Olympia-Stadiums habe er jetzt Neil wieder getroffen, als sie auf ihren Auftritt warteten: Tennant trug eine Art Anzug aus Alufolie und eine Verkehrs-Pylone auf dem Kopf – als Sänger der Pet Shop Boys. Und er habe gedacht: „Schau mal an, schön, dass alle noch hier sind.“

Ja, sie sind noch da, und arbeiten sich langsam Richtung Rentenalter vor. Natürlich ist der nachmittägliche Auftritt in Brighton vor allem eine Revue ihrer 80er Hits und Schätzchen (dass sie gerade eine neue Platte herausgebracht haben? Ja, gut, sicher, drei, vier Stücke spielen sie auch davon). Aber auch wenn sich die Band-Mitglieder, ähnlich wie in einer Ehe, nach 35 Jahren jenseits von Bühne und Proberaum wohl nicht mehr allzu viel mitzuteilen haben – an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz  verrichtete die 10-köpfige Kapelle gut gelaunt ihr Tagewerk, und ihnen dabei zuzusehen (und zu hören) war ein Riesenspaß.

Nur ein bisserl kurz war’s. Nach einer Stunde Zwanzig und drei Zugaben räumen sie endgültig die Bühne. Da greift wohl die Altersteilzeit, denn wie gesagt: Am Abend müssen sie ja noch mal ran…

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