Reinhören: London im Nebel

„Hat es hier eigentlich immer Nebel?“, fragt Asterix entnervt seinen Vetter Teefix als sie in Londonium mal wieder die Hand vor Augen nicht sehen können. „Nein,“ gibt der empört zurück, „nur wenn es nicht regnet.“

Claude Monet - London im Nebel (Quelle: Wikipedia)

Claude Monet – London im Nebel (Quelle: Wikipedia)

Der legendäre Londoner Nebel gehört zur Geschichte und zur Folklore der Hauptstadt. In den Romanen von Charles Dickens und Arthur Conan Doyle ist er eine unverzichtbare Bühnenrequisite, ebenso in den Filmen von Edgar Wallace: Schwer liegt die Nacht über Londons Elendswinkeln, dichte Schwaden drücken sich durch die engen, schlecht beleuchteten Gassen, ein Schatten huscht über eine Backsteinmauer. Der Henker von London ist wieder unterwegs.

In der Realität war es der Nebel selbst, der Unheil brachte, und das in einer Größe und Ausmaß, wie es sich kein Dr. Moriati hätte ausdenken können: 4.000 Menschen kamen an einem einzigen Wochenende in ihm um, weitere 8.000 starben an seinen Folgen, beim Great Smog of 1952 oder Big Smoke, wie er von den Londonern genannt wird.

Heute vor 60 Jahren, einem Freitag, braut sich eine dicke, gelbliche Suppe zusammen. Über der Stadt sammelt sich der Kohle-Rauch aus Fabriken, den Hausöfen und den Kraftwerken wie Battersea und Bankside, die mitten in der Stadt liegen. Eine Hochdruckwetterlage  und Windstille sorgen dafür, dass der Schmutz nicht abziehen kann. So beginnt London, am eigenen Dreck zu ersticken – und das im wörtlichen Sinne: Am Abend des ersten Tages werden doppelt so viele Menschen mit Atemwegserkrankungen in die Hospitäler eingeliefert wie üblich.

„Man konnte die eigene Nasenspitze nicht mehr sehen“, erzählt mir eine Nachbarin aus meiner Straße in Acton, einem Stadtteil, der damals noch eher ein Vorort Londons ist. „Wir kannten das: Jedes Jahr um diese Zeit gab es ein paar Tage, an denen der Nebel kam. Wir konnten dann keine weißen Hemden anziehen, weil wir wussten, dass die abends schwarz vor Staub wären. wenn man nach Hause kam, lag eine Staubschicht auf dem Mantel und ein Schmierfilm hatte sich auf’s Gesicht gelegt. Aber so schlimm wie 1952 war es davor nie gewesen.“

Die Nelson-Säule auf dem Trafalgar Square während des großen Smogs von 1952 (Quelle: Wikipedia)

Die Nelson-Säule auf dem Trafalgar Square während des großen Smogs von 1952 (Quelle: Wikipedia)

The peasoup, die dicke Suppe, reicht nur wenige Meter hoch. Dockarbeiter im Hafen berichten, dass der Kollege im Kran frische Luft und freie Sicht hat. Am Boden aber drückt der Smog an diesem Dezember-Wochenende in jeden Winkel. Londons öffentliches Leben steht still: Restaurants bleiben geschlossen, Theatervorstellungen müssen abgebrochen werden, weil das Publikum die Bühne nicht mehr sieht. Auf den Straßen tasten sich die Menschen und Häuserwänden und Hecken entlang, Bussen wird vom jeweiligen Schaffner der Weg gewiesen, der mit einer Fackel vorneweg läuft. Nicht alle Opfer dieses Nebels sterben an Atemwegserkrankungen, viele werden schlicht überfahren oder fallen in die Themse.

Als sich der Nebel lichtet und das Ausmaß dieser Katastrophe deutlich wird, hat sich die Einstellung der Londoner zu diesem jährlich wiederkehrenden Ereignis gewandelt. Statt es wie sonst  mit britischem Fatalismus hinzunehmen, fordern sie von der Politik Taten. Deren Mühlen mahlen bekanntlich langsam, aber in diesem Fall lässt der Druck nicht nach – denn dieses Problem betrifft alle, atmen muss in London jeder, ob arm ob reich. 1956 endlich beschließt das Parlament den „clean air act“, und verbannt Kohleöfen aus Privathaushalten. Bis der giftige Nebel aus London verschwunden ist, dauert es allerdings noch eine ganze Weile.

Stichtag: 5. Dezember 1952 – Das Londoner Smog Desaster, WDR 2.

Mehr Informationen auf der Seite des WDR.

Ein Gedanke zu „Reinhören: London im Nebel

  1. Mal wieder ein klasse Beitrag – herzlichen Dank Martin, das sorgt immer wieder fuer Aufhellungen an trueben Tagen (nicht nur in London gibts Nebel)

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