„Hier drin sind alle Unschuldig – wusstest Du das nicht?“

SecretCinema3Longjohns, wirklich? Um ins Kino zu gehen? Aber Kein Zweifel: Per e-mail wurde uns die Vorladung zugestellt zur Gerichts-Verhandlung, am Sonntag um 11:50 Uhr, pünktlich – und anständig gekleidet in Anzug und Krawatte, Männer wie Frauen. Darunter gefälligst T-Shirt und Longjohns, lange Unterhosen also. Der angeschlagene Ton hat wenig von Filmvorführung, mehr von Kasernenhof. Na prima!

An besagtem Termin strömen dutzende ähnlich gekleideter Herrschaften zur Bezirksbibliothek in Bethnal Green. Über dem Eingang hängt ein Schild: Hampton Oak County Court. Hier sind wir wohl richtig. Als wir hinein gehen, sehe ich im Augenwinkel eine Gruppe von Anzugträgern im Gänsemarsch vom Hinterhof aus Richtung Straße trotten, die rechte Hand jeweils auf der Schulter des Vordermannes. Passanten bleiben stehen und beobachten amüsiert bis verwundert den seltsamen Zug, der angeführt wird von einem recht übel gelaunten, Knüppel schwingenden Polizisten amerikanischer Provinienz.

Es empfangen uns zwei Damen, die aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu stammen scheinen. Irgendwoher tönt Swingmusik. Ein junger Mann mit Schieberkappe und breiten Hosenträgern versucht uns in breitestem Südstaaten-Slang zu erklären, was jetzt gleich passieren wird. Oder versucht er uns zu beruhigen? Ich verstehe jedenfalls kein Wort.

SecretCinema1Nach kurzer Wartezeit werden wir in einem abgedunkelten Raum dem Richter vorgeführt: Name? Your Name! Jesus, don’t ya know yer own name? blafft mich der Vorsitzende an. Auch sein Englisch stammt offenbar nicht aus Oxford. Charles Coleman, presse ich hervor, Inn Keeper. So steht es auf meiner Vorladung. Der Richter schaut kaum auf. Ok, guilty! lautet das gelangweilte Verdikt. Er reicht mir ein Formular mit meinem Namen und Stempel. Anklage: Mord. Urteil: lebenslänglich. Das ging ja zügig.

Auf dem Hof werden wir wieder zusammen getrieben und an der Mauer aufgereiht. SecretCinema4Der schlecht gelaunte Polizist von vorhin ist auch da. Er zwirbelt seinen Schnauzbart, schreitet auf und ab, und schaut uns an mit einer Mischung aus Verachtung und Amüsement, so als wolle er sagen: Ich kenne Euch Jungs doch alle. Ihr macht auf Cool, aber Ihr habt keine Ahnung, was Euch erwartet!

In etwa stimmt das ja auch. Am Anfang stand die Idee für’s Wochenende: Secret Cinema hatte meine Liebste vorgeschlagen: Einladung zur Vorführung eines nicht genannten Filmklassikers an einem unbekannten Ort. Mal Top Gun in einem Flugzeughangar am City Airport, mal extraterrestrische Spurensuche á la Alien im Stadtteil Euston (Motto: „Euston we have a problem!“). Kosten: 35 Pfund pro Nase – Schnäppchen! Aber gut, warum nicht, lassen wir uns überraschen…

SecretCinema2

Überraschung gelungen, denke ich, als wir im Gänseschritt über die Straße geführt werden, die rechte Hand auf der Schulter des Vordermannes. Es geht zu einem ebenso schönen wie altersschwachen Bus aus den 40er Jahren. Die Scheiben sind abgeklebt, so dass wir Londons Straßen nur erahnen können, die draußen an uns vorbeiziehen. SecretCinema5Drinnen erklärt der Schnauzbart im quasi-vertraulichen Ton, dass wir uns vorsehen müssen vor bestimmten Jungs „da drinnen“, und dass er eine Menge Leute kenne, und das eine oder andere arrangieren könne. Es klingt eher wie eine Drohung. Dann fügt er noch geheimnisvoll hinzu: „Was auch immer gleich passiert: fang niemals an zu weinen!“, gibt er uns noch mit, was immer das auch heißen soll.

Nach wenigen Minuten haben wir unser Ziel erreicht. Zwei Wärter öffnen ein großes Metalltor. Durch die Windschutzscheibe sehe ich Polizisten mit Schrotflinte unterm Arm, die auf einer Balustrade auf und ab patroullieren. Als wir in den Gefängnishof einbiegen, schallt es schon im Chor herein: „Fresh Fish, fresh fish!“ – die altgedienten Gefängnisinsassen machen sich einen Spaß daraus, den Neuen Angst einzujagen, und darauf zu wetten, welcher als erstes heulend zusammenbricht, erklärt der Busfahrer beiläufig.

SecretCinema8Durch ein Spalier johlender Gefangener werden wir in eine Turnhalle geführt. Hier müssen wir uns in drei Reihen aufstellen. Jeder bekommt einen Kleidersack mit Nummer. Auf Befehl haben wir eine Minute Zeit, uns bis auf die Unterwäsche auszuziehen und unsere Zivilkleider im Sack zu verstauen. In Unterhosen, barfuß, mit den Schuhen in der einen Hand, dem Sack in der anderen geht es ins Gefängnisgebäude.

Der Weg führt durch einen blutverschmierten Waschraum, in dem ein Gefangener in Unterhosen gerade von einem Wärter Grün und Blau geschlagen wird. Schmerzgekümmt und blutend liegt er am versifften Boden. Als ich vorbei gehe, schreit der Wärter mich an: „D’Ya think he’s had enough? D’Ya really think he’s had enough?“ – Sieht ganz danach aus. Im nächsten Raum liegt gebrauchtes Fixerbesteck in den Waschbecken, ein blutverschmiertes Kondom klebt neben einer Toilettenschüssel. Als wir in den Korridor biegen, werden wir an einem splitternackten Häftling vorbei geführt, der sich im Türrahmen räkelt. Dazu plärrt aus den allgegenwärtigen Lautsprechern offenbar die Stimme des Anstaltsleiters, die wieder und wieder verkündet, dass der Weg zu Jesus allein über harte Arbeit führt.

SecretCinema11Dann geht es in die Zelle, wo wir uns endlich wieder anziehen dürfen – die Sträflings-Klamotten: grobe Jeanshose und Jeanshemd. Ein Zellengenosse erklärt uns den Tagesablauf, dem wir nun zu folgen hätten. Und von Schwestern sollen wir uns fern halten, sagt er noch, jedenfalls wenn uns unsere Ärsche lieb wären. Auf dem Gang vor unserer Gruppenzelle haben Wärter einen unbotmäßigen Mitgefangenen ausgesondert und malträtieren ihn mit ihren Schlagstöcken. Richtig sehen können wir es nicht, aber das macht die Sache nur realistischer.

SecretCinema10Danach Raustreten zum Zählappell, dann Gefängniskantine. Jedem klekst der finster blickende Koch eine Kelle Bohnenpampe auf den Alu-Teller. Offenbar gefällt ihm mein Gesicht nicht, also bekomme ich gar nichts. Tough shit! sagt der Amerikaner.

Schließlich Freigang im Hof, Turnübungen zur Körperertüchtigung. Die Liegestütze werden abgebrochen, denn von draußen tönt der altersschwache SecretCinema12Motor eines 40er-Jahre-Busses: Frischfleisch! Als sich die Türen öffnen, stehe ich Spalier mit den anderen Alteingesessenen und johle „Fresh Fish!“, während sich die Neuen unsicher um sich blickend den Weg in die Turnhalle bahnen. Na, wer ist da wohl der erste, der heulend zusammen bricht?

P.S.: Kino gab es dann schließlich auch noch: Nach etwa zwei Stunden mit Arbeit in der Gefängnis-Bibliothek, der Kerzenfabrik und Einlieferung ins Gefängnis-Krankenhaus, wurden wir rund 400 Gefangenen in die Turnhalle geleitet. Zu Bier und Popkorn wurde  ein Gefängnisfilm-Klassiker gereicht, dessen Titel so einfach zu erraten ist, dass ich ihn hier nicht nennen will. Natürlich endet er mit einem erfolgreichen Ausbruch. Meine Lieblingsszene spielt in der Gefängnis-Kantine, als ein Neuankömmling den Helden fragt, warum er denn einsitze. Zum Vergnügen seiner Kameraden antwortet der: „Me? My lawyer screwed me. I am innocent!“ Als der Neue ungläubig guckt, gluckst er weiter: „We’re all innocent in here. Didn’t You know that?“

Die Karten für Secret Cinema sind stets schnell ausverkauft. Interessenten können sich in eine Mailingliste eintragen, damit hat man gute Chancen, Tickets zu ergattern.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s