Reinschauen! Telefonhäuschen a.D.

Schulmaedchen_Zelle

Holländische Schulgruppe am Parliament Square, London. Alle Aufnahmen in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

10 Uhr morgens am Parliament Square – kaum haben wir uns in Stellung gebracht, da kommen sie schon von der Westminster Bridge: vier Japaner, jeder mit einem Fotoapparat. Werden sie daran vorbei gehen, werden sie der Versuchung widerstehen? Natürlich nicht! Das feuerrote Telefonhäuschen ist doch zu verlockend. Abwechselnd fotografieren sie sich gegenseitig: davor, darin, mit Telefonhörer am Ohr, allein, in der Gruppe.

Kaum sind sie weg, umbrandet eine Truppe holländischer Schulmädchen das Häuschen, der junge Klassenlehrer muss mit einem halben Dutzend rosa Mädchen-Handys die Fotos machen. Im Minuten-Takt geben sich nun die Touristen die Telefonhäuschen-Klinke in die Hand. Speziell dieses hier ist besonders beliebt, denn im Hintergrund lugt Big Ben. Gleich zwei Wahrzeichen auf einmal!

Efeu-durchrankte Telefonzelle in Gloucestershire(c) 2013 Martin Herzog

Efeu-durchrankte Telefonzelle in Gloucestershire

Wann zuletzt jemand darin telefoniert hat, ist eine ganz andere Frage, und da ist es nicht das einzige. Immer mehr Häuschen fristen am Straßenrand ein kümmerliches Dasein als mehr oder weniger pittoreske Stilleben. Von den einst über 70.000 sind heute nur noch 11.000 übrig.

Selbst in seinem Geburtsort London haben sie die besten Zeiten hinter sich, und dienen bisweilen als Werbeträger für mehr oder weniger zweifelhafte Angebote.

Londoner Telefonhäuschen als Werbeträger für eindeutig zweideutige Gewerbe (c) Martin Herzog

Londoner Telefonhäuschen als Werbeträger für eindeutig zweideutige Gewerbe

Für Richard Coltman ist das besonders traurig. Wir treffen ihn am Covent Garden. Eine kleine, verkehrsberuhigte Straße am Royal Opera House ist der einzige Ort in London, an dem fünf Exemplare der allerersten Telefonhäuschen-Generation beieinander stehen. Richard liebt die klassischen englischen Telefonhäuschen so innig, dass er ihnen seine Internetseite gewidmet hat:

Telefonzellen-Fan Richard Coltman in Covent Garden(c) 2013 Martin Herzog

Telefonzellen-Fan Richard Coltman in Covent Garden

„In den vergangenen Jahren hat es sich beschleunigt durch die Mobiltelefone. Die Häuschen werden nicht mehr gebraucht, vor allem auf dem Land. Ihr Unterhalt ist teuer, und so betreibt die Britische Telekom sie nicht weiter.“

Doch den meisten bleibt zum Glück das traurige Ende als Altmetall erspart. Sie landen bei English Heritage Phone Boxes, in der Werkstatt von Stu Dockree. Über 400 von ihnen hat er in den vergangenen 10 Jahren zu neuem alten Glanz verholfen.

Altes_Telefonhäuschen

Alte Telefonzelle in der Werkstatt von English Heritage Phoneboxes

Am Anfang stand ein glücklicher Zufall, erzählt er grinsend: „In einem Hof habe ich irgendwann einen Haufen herunter gekommener Telefonhäuschen entdeckt. Am nächsten Tag habe ich mit dem Eigentümer des Hofes gesprochen, weil ich nachts wach lag und mir dachte: Jemand muss sich darum kümmern. Also fragte ich ihn, ob ich ein paar kaufen kann und er sagte ja. Mir hat die Restaurierung der ersten beiden einen Riesenspass gemacht. Es hat als Hobby angefangen. Und als ich eine Internetseite eingerichtet habe, merkte ich, dass es viel Gleichgesinnte gab.“

StuDockree

Stu Dockree von English Heritage Phoneboxes

Ein Mitarbeiter der British Telecom verfügte, dass man ihn nach seinem Ableben in einem Red Telephone Kiosk zu Grabe tragen möge. Der Wille wurde ihm erfüllt, das Hinablassen des extravaganten Sarges übernahm allerdings ein Gabelstapler – der Telefon-Klassiker besteht hauptsächlich aus Gusseisen und wiegt eine dreiviertel Tonne. Zu den noch lebenden Kunden von Stu Dockree zählen Tubular Bells-Komponist Mike Oldfield und die Foo Fighters. Aber was genau fasziniert die Menschen so sehr am roten Telefonhäuschen? Stu Dockree zuckt mit den Schultern: „Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass es hunderttausende oder vielleicht Millionen Menschen auf der ganzen Welt gibt, die es a) genauso mögen wie ich und b) eine haben wollen. Sie sind einfach eine fantastische Ikone.“

Handarbeit in der Werkstatt von Stu Dockree (c) 2012 Martin Herzog

Handarbeit in der Werkstatt von Stu Dockree

Das ikonische Design stammt vom britischen Stararchitekten Sir Giles Gilbert Scott. Er entwarf in einem Wettbewerb den Klassiker 1924 für das Royal Post Office – eigens für London. Sein K2 betitelter Entwurf sah völlig anders aus als die bis dahin üblichen, aber wenig geliebten Telefonhäuschen aus Beton (die überraschenderweise K1 hießen), das kuppelförmige Dach ist sogar inspiriert von dem Mausoleum eines anderen Londoner Architekten: Sir John Soane. Die Eisengusskonstruktion sollte zunächst silbrig-grün erstrahlen, aber der Royal Postal Service, der damals die öffentlichen Telefone betrieb, bestand auf rot. Der Sichtbarkeit wegen in Notfällen. Und weil es die Farbe der staatlichen Firma war.

Der original-Prototyp der K2-Telefonzelle von Sir Gilber Giles Scott im Eingang des Burlington House, London(c) 2012 Martin Herzog

Der original-Prototyp der K2-Telefonzelle von Sir Gilber Giles Scott im Eingang des Burlington House, London

Im Laufe der Jahrzehnte gab es eine ganze Reihe von Weiterentwicklungen und Alternativmodellen, aber keines hat einen so ikonenhaften Ruf wie das Original-Häuschen von 1924. Der hölzerne Original-Prototyp steht weitgehend unbeachtet im Eingangsbereich des Burlington House an Piccadilly. Sogar telefonieren kann man noch daraus.

Neben den roten Doppeldecker-Bussen und den berühmten Taxis sind sie heute das Symbol für England, aber wie lange noch? Werden sie bald vielleicht ganz aus dem Straßenbild verschwinden? 2000 Telefonhäuschen stehen unter Denkmalschutz, sagt Richard Coltman. „Sie dürfen nicht versetzt oder verändert werden. Zumindest diese werden wir also weiterhin sehen, vor allem in London.“

Out of Order“ heißt eine Straßenskulptur im Londoner Vorort Kingston. Das rote Telefonhäuschen wird bleiben – wenn auch vielleicht nur „außer Betrieb“.

Out of Order - umkippende Telefonhäuschen im Londoner Vorort Kensington(c) 2013 Martin Herzog

Out of Order – umkippende Telefonhäuschen im Londoner Vorort Kensington

Der Beitrag Neues Leben für alte Telefonhäuschen ist morgen (8. Januar 2013) in der Sendung euromaxx der Deutschen Welle zu sehen.

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