Things – not – to do (when in London): Blechtley Park

OLYMPUS DIGITAL CAMERADurch dieses Tor ist Computergenie Alan Turing zur Arbeit geradelt. In diesen Baracken haben hunderte, tausende Mitarbeiter mit Zettel Bleistift und Verstand daran gearbeitet, die deutschen U-Boot Codes zu knacken: Mathematiker, Linguisten, Übersetzer, Analytiker. Hier standen die geheimen Colossus-Computer, die zu den ersten digitalen Rechenmaschinen der Welt gehörten. Das Edwardianische Haupthaus und die Nebengebäude dienten als Kulisse für Kate Winslet und den Film Enigma, benannt nach der legendären deutschen Verschlüsselungs-Maschine, vor deren Chiffrier-Methode die Briten lange Zeit ratlos standen, bis polnische Experten zu Hilfe kamen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin historischer Ort voller Geschichten, spannender Geschichten. Jetzt sollte mir ein wohliger Schauer über den Rücken laufen, eine angenehme Aufgeregtheit. Ich habe den Roman von Robert Harris gelesen, den gleichnamigen Film gesehen, und den ein oder anderen Artikel über die Dechiffrier-Abteilung Bletchley Park gelesen, wo die brillantesten Mathematiker ihrer Zeit arbeiteten und die Grundlagen unserer modernen Computertechnik gelegt wurden.

Läuft aber nicht über den Rücken, keine Aufgeregtheit, gar nichts. Am Wetter kann es nicht liegen: Durch dunstigen Nieselregen sind wir hierher gefahren, eine Autostunde nördlich von London. Die nasskalte Stimmung ist wie geschaffen für einen Agententhriller. Die Zufahrt zum Gelände ist sogar durch eine Schranke abgesperrt, die ein Wachmann vor jedem Auto öffnet und danach wieder schließt. Hat was von Geheimnis, Geheimhaltung. Das könnte der Anfang für einen spannenden Nachmittag werden. Könnte.

Das alte Verwaltungsgebäude in Bletchley Park

Das alte Verwaltungsgebäude in Bletchley Park

Obwohl Bletchley Park weltberühmt ist, stehen auf dem kleinen Museumsparkplatz nur wenige Autos, von den vier Kassen in der Empfangsbaracke ist nur eine besetzt. Die junge Frau dahinter wartet geduldig, bis wir die Propaganda-Plakate aus dem Zweiten Weltkrieg ausgiebig studiert haben, die den Wartenden hier sonst die Zeit vertreiben sollen. 12 Pfund Eintritt kostet der Spaß, plus 2 weitere, falls wir Colossus sehen wollen. Für London ein normaler Preis. Sogar eine Führung ist mit drin, fängt auch gleich an. Also lassen wir die Dauer-Ausstellung links liegen und spazieren hinüber zu Baracke 12, gleich neben dem Hauptgebäude.

Bis zum Beginn haben wir noch ein paar Minuten Zeit, in denen wir die kleine Sonder-Ausstellung überfliegen können, die in dieser Hütte aufgebaut ist: Ian Fleming und die Beziehungen des James-Bond-Erfinders zu Bletchley Park – eröffnet von Prinz Charles persönlich, wie ein Plakat stolz verkündet. Ganz spannend. Wäre es vermutlich, wenn die Ausstellung nicht bloß aus einem guten Dutzend Stellwänden mit langen Texten und wenigen Fotos bestünde.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA Der Museumsführer gibt sich redlich Mühe, uns die Geschichte von Blechtley Park und den Grund für das militärische Geheim-Lager seit 1938 nahe zu bringen: lebensnotwendige Schiffs-Konvois, alliierte Geleitzüge im Nordatlantik, U-Boot-Krieg; die Enigma-Codes, die Menge der übermittelten Nachrichten und die Notwendigkeit, sie per mechanischer und später elektronischer Hilfe schneller zu entschlüsseln; OLYMPUS DIGITAL CAMERAAlan Turing und seine Kollegen; das ungemütliche Arbeiten hunderter Zivilisten und Soldaten in den unisolierten Holz-Baracken, im Winter eiskalt, im Sommer heiß, vor allem in dem Raum mit den mechanischen Walzen-Rechnern, deren Betrieb Unmengen Strom benötigt und diesen vor allem in Wärme umsetzt und bis zu 38 Grad Raumtemperatur führt. Einzige Erleichterung für die Frauen, die diese Monster mit neuen Aufgaben fütterten: aufgekrempelte Ärmel.

Alles schön und gut. Dennoch will sich das nicht einstellen, was leicht pathetisch die Aura des Authentischen geheißen wird. Statt des Hauchs der Geschichte macht nur der Zug in der unbeheizten Hütte frösteln.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVielleicht liegt es daran, dass einige Baracken nur am Wochenende Besuchern zugänglich sind – wer weiß, was es da noch spannendes zu sehen gibt – vielleicht auch daran, dass alles hier schon reichlich abgeschrammt wirkt: Der Stiftung, die das Museum betreibt, fehlt Geld. Das ist überall zu sehen und niemand hält damit hinter dem Berg, wie zahlreiche Transparente an den bröckelnden Barackenwänden zeigen.

Auch die separate Ausstellung über Colossus, der die Funksprüche der deutschen Obersten Heeresleitung dechiffrieren sollte, hat schon bessere Zeiten gesehen.

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Nachbau des Colossus-Computers

Sie erklärt die technischen Details, beginnend mit dem Auffangen deutscher Funksprüche, deren Übermittlung, Übertragung auf Lochstreifen, um sie für den Rechner lesbar zu machen, und zeigt schließlich die Entschlüsselung durch einen funktionsfähigen Nachbau des Colossus-Rechner, deren Originale auf Anweisung Churchills sämtlich nach dem Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden.

Zum Schluss doch noch ein Blick in die Ausstellung im Empfangsgebäude, die wir anfangs übersprungen haben. Sehr bald stellen wir fest, dass das kein Verlust war:  Vitrinen, vollgestopft mit einem unsortierten Sammelsurium aus Fotografien und Dokumenten, Orden, Waffen und anderen Weltkriegsdevotionalien, Plakaten, Flugzeug- und Landschaftsmodellen. Das meiste davon hat mit dem, was hier während des Weltkrieges passiert ist, nur marginal zu tun.

EnigmaWährend ich mich noch frage, was mir diese Ausstellung näher bringen soll, entdecke ich eine Ecke, die das Interieur eines deutschen Weltkriegs-Bunkers wiedergeben soll, inklusive Enigma-Chiffriermaschine. Sie steht gleich vor mir, doch ich brauche ich eine Weile, bis ich sie in diesem zugerümpelten Verhau ausmachen kann. Offenbar meinen die Ausstellungsmacher, jeden Stempel, jeden Füller, derer sie habhaft werden konnten, herzeigen zu müssen, jede Schreibmaschine und auch das siebte Wehrmachts-Funkgerät. Irgendwelche Erklärungen zum Thema? Was zum Beispiel die Deutschen alles unternahmen, um ihre Einsatzbefehle andere Nachrichten geheim zu halten? Wer die Chiffrier-Maschinen herstellte und wie sie funktionierten? Wie die Befehlsübermittlung und Chiffrierung vor sich ging? Wer an den Enigmas arbeiten durfte/musste, und wie die Code-Tabellen für die Maschinen zu ihren Empfängern kamen? Solcherlei Informationen würden sicherlich dazu beitragen, die Leistung der Menschen, die in Bletchley Park gearbeitet haben, besser würdigen zu können. Aber leider keine Auskunft darüber.

Angesichts dessen, dass die Arbeit in Bletchley Park den Krieg um angeblich zwei Jahre verkürzt haben soll, wie hier überall zu lesen ist, wird dieses Museum reichlich stiefmütterlich behandelt.

Einigermaßen ernüchtert kehren wir zum Parkplatz zurück. Ein Teil der Ausstellung war wegen Umbauten nicht zugänglich. Hoffentlich ist das der Teil, der dem Besucher die spannende Geschichte von Bletchley Park nahe bringt. Ansonsten wird man auch künftig mit einem Buch aus dem Museums-Shop besser bedient sein.

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