Wort der Woche: to deliver

Clownfish

Clownfish (Photo credit: Mshai)

„Ahh, look at the view“, sagt der Clownfisch zu seiner Angebeteten als er ihr das schickste Anemonen-Penthouse-Loft präsentiert, das sich im Korallenriff auftreiben ließ: „Did daddy deliver or did he deliver?“, fragt er stolz und sie antwortet verzückt: „Oh yes, dear, he did deliver.“

Die Einstiegssequenz der Disney-Fabel Finding Nemo ist ein schönes Beispiel dafür, wie to deliver auch Versprechen einlösen bedeuten kann. Wer das Wort nur als englische Version für das schnöde liefern oder abliefern kennt, so wie das, was der Paket- oder Pizza-Lieferdienst an die Wohnungstür bringt, dem entgeht eine ganze Reihe schöner Bedeutungs-Varianten.

Denn nicht nur Clownfische, auch die Politik muss liefern. Ergebnisse nämlich. Als vor einigen Monaten die Regierungs-Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten ihre Halbzeitbilanz zog, tauchte das Wort im Schnitt auf jeder zweiten Seite auf, insgesamt 69 mal. Premier Cameron und sein liberaldemokratischer Koalitionspartner Nick Clegg mühten sich bei der Vorstellung des Papiers denn auch sichtlich, zu betonen, dass man das, was von ihnen vor zwei Jahren versprochen worden sei, auch geliefert wurde – oder noch werde.

In der politischen Analyse wurde genau das natürlich kritisch hinterfragt: die politischen Versprechen to deliver, die bis dahin vollzogene delivery, wie auch prinzipiell die deliverability – eine sprechtechnische Zumutung, das Wort, aber mal wieder ein Beispiel für die Beweglichkeit des Englischen. Oder gibt es im Deutschen einen vergleichbar kurzen Ausdruck für die Fähigkeit der Regierung, ein politisch gegebenes Versprechen umzusetzen?

Die Lieferbestimmungen gelten übrigens auch für das gesprochene Wort: Wenn Premier David Cameron heute vor die britische Öffentlichkeit tritt, um sich über das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa zu äußern, dann wird er seine Rede ebenfalls „liefern“. „Prime Minister delivers highly-anticipated speech“, heißt es in den offiziellen Ankündigungen.

Die Lieferung dürfte kein Überraschungspaket werden, schließlich gibt es nicht allzu viel, was nicht schon durch mehr oder minder offizielle Regierungskanäle gesickert, und (von wenigen) begrüßt und (von den meisten) zerpflückt worden wäre: Dass das Vereinigte Königreich selbstredend ein Teil von Europa sei und bleiben wolle – allerdings nur unter Bedingungen, die den Briten gefallen. Das einzig – nun ja – Spannende an dieser Rede dürfte die Frage sein, ob Cameron den Mumm hat, ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft anzukündigen, wie von den Tory-Rechten gefordert.

Dass der Inhalt weitgehend bekannt ist, liegt vor allem daran, dass sich Liefertermin dieser Rede immer wieder verzögert hat, zuletzt vergangene Woche, als die Geiselnahme auf einem Algerischen Gasfeld auf einen blutigen Ausgang zulief. Ein legitimer Grund, aber vielleicht auch ein gelegener. Lediglich Terminschwierigkeiten, oder Angst vor der eigenen Courage? Ganz im Reinen mit sich scheint der Premier nicht zu sein.

Durch das ständige Aufschieben dieser bereits im vergangenen Herbst als richtungsweisend angekündigte Grundsatzrede sieht sich Cameron inzwischen in ziemlichen Lieferschwierigkeiten. Die immer lauter auftrumpfende Raus-Aus-Der-EU-Fraktion seiner Partei samt ihren Büchsenspannern in den konservativen Medien fordern klare Kante, sein Koalitionspartner ruft nach Mäßigung, und die Mächtigen Europas inklusive Austerity-Angie zeigen ihm die kalte Schulter, indem sie ihm unisono bescheiden, dass, wer sich immer nur die Rosinen heraus pickt, am Ende mit Brotkrumen dasteht.

Cameron hat die Lieferung seiner Rede so lange verbummelt, dass er nun von allen Seiten unter Druck steht, von Innen, von Außen, und jetzt auch noch von über’m Teich, ausgerchnet!

English: President Barack Obama and British Pr...

English: President Barack Obama and British Prime Minister David Cameron talk on the South Lawn of the White House, July 20, 2010. (Photo credit: Wikipedia)

Ein Unter-Staatssekretär der US-Regierung hatte in London vor zwei Wochen erklärt, die Vereinigten Staaten erwarteten, dass Großbritannien Mitglied der EU bleibe, andernfalls könne es sich die berühmte atlantische „Special Relationshipvon der Backe kratzen, um es einmal etwas drastisch auszudrücken. Nach einigen despektierlichen Kommentaren aus der Euro-Hasser-Fraktion der Tories, die über das Gewicht von Aussagen eines Unter-Staatssekretärs lästerten, stellte ein amerikanischer Regierungssprecher tags drauf klar, dass es sich dabei nicht um irrlichterndernde Äußerungen eines subalternen Ministeriums-Mitarbeiters handelte, sondern um die offizielle Linie der Regierung. Die USA betrachten den Inselstaat eben als Vertreter ihrer Interessen in Europa, und erwarten von Großbritannien, that they deliver.

So, wie komme ich jetzt von der Europapolitik zu Kates Schwangerschaft? Vielleicht so:

Duke and Duchess of Cambridge on Parl...Eine schwere Geburt also, diese Rede. Nur wenig länger wird es dauern, bis ein anderes Baby „geliefert“ wird, ein echtes  diesmal. Und es wird von den Menschen deutlich sehnlicher erwartet werden als die europa-politischen Bekenntnisse des britischen Premiers, wie grundsätzlich sie auch sein mögen. Die Rede ist von der Geburt des britisches Thronfolgers.

Die Eigenart der englischen Sprache will es, dass sie für Entbindung das gleiche Wort vorsieht wie für das Halten einer Rede, eben: to deliver. In deutschen Ohren mag das eher nach Babyklappe klingen, oder nach einer Bestellung bei oben erwähntem Pizza-Service als nach einem ebenso existenziellen wie mühsalbeladenen Ereignis aller primär daran Beteiligten. Scheint dem Briten aber nicht so zu gehen, ist doch she delivered a baby (auch schon gehört: she was delivered from a baby) die deutlich gängigere Wortwahl als das in Nordamerika eher gebräuchliche she gave birth, also sie gebar.

Wie auch immer, eins ist sicher: Die delivery der nächsten Victoria, Elizabeth, Diana oder des nächsten James, Charles, Johns dürfte wohl ein freudigeres Ereignis werden als die Rede Camerons. Wird sich auch nicht so lange heraus zögern lassen. Mal sehen, wie die heutige Rede jenseits des Kanals und des Atlantiks ankommt. Es wäre nicht überraschend, wenn es einmütig hieße: Annahme der Lieferung verweigert, return to sender.

Ein Gedanke zu „Wort der Woche: to deliver

  1. Hallo Martin

    Wie immer ein kurzweiliger Blog. Please continue to deliver!🙂
    Mit besten Grüßen aus dem schneebedeckten Baden.

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