Reinschauen: Scherbe mit Aussicht

Herr Turtur

Herr Turtur (Photo credit: naufragoenlasopa)

Erinnert sich noch jemand an Herrn Turtur? Herr Turtur erschien aus der Ferne riesengroß, und je mehr er sich näherte, desto kleiner wurde er. Herr Turtur ist ein Scheinriese. Ein freundlicher, muss man dazu sagen. Herr Turtur gehört zum handelnden Personal in den Abenteuern von Jim Knopf und seinem Freund Lukas, dem Lokomotivführer. Als Kind fand man das einfach nur lustig, später wurde dann klar, dass es Scheinriesen nicht nur durch die Augsburger Puppenkiste ins Fernsehen schaffen, sondern in der Verkleidung als Politiker, Wirtschaftskapitäne, Seriensternchen und … (bitte an dieser Stelle das gewünschte  Medienphänomen einsetzen) auch vermittels Nachrichtensendungen und Talkshows.

Big BenDass es das Phänomen Scheinriese auch bei Gebäuden gibt, weiß jeder, der einmal direkt neben Big Ben gestanden hat. Im Fernsehen sieht er viel imposanter aus, der Name hilft natürlich auch nicht (jaja, weiß schon: Big Ben ist nur die Glocke innen drin. Aber selbst die Londoner bezeichnen den Turm so, niemand sagt „Elizabeth Tower“, wie er seit einem halben Jahr offiziell heißt). Gleiches gilt für den Tower of London – und seit kurzem für „die Scherbe“, Londons neueste Errungenschaft im Bereich Architektur der Postmoderne, benannt nach den scherbenartig oben heraus ragenden Glasspitzen. Sieht immer noch aus, als fehlte etwas. Fehlt aber nix. Ist fertig.

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The Shard (c) 2013 Martin Herzog

Mit knapp 310 Metern überragt „The Shard“ jedes andere Gebäude in London um mehr als das doppelte und ist damit das höchste in – äh – der Europäischen Union. Für Europa hat’s nicht ganz gereicht. Irgend so ein Turm im dunklen Osten ragt noch höher hinauf, man weiß nicht genau, wo, aber geografisch zählt es wohl noch zu Europa. Die Scherbe jedenfalls ist die unübersehbare neue Spitze in Londons Skyline, von überall in London, und sogar viele Meilen entfernt ist sie zu erahnen, wie mir ein Pendler aus Kent verriet. Das Gebäude selbst ist der einzige Ort, von dem man die Scherbe nicht sehen kann (…sehen muss, wie einige Londoner sarkastisch bemerken).

Beim Gang oder der Fahrt auf die Scherbe zu passiert nun exakt das, was in bei Jim Knopf mit Herrn Turtur passiert: Sie wird immer kleiner! Was aus der Ferne alles andere überragte, erscheint immer weniger eindrucksvoll, je mehr man sich nähert. Ein paar Straßen entfernt schießt dann der Gedanke durch den Kopf: Das soll das höchste Gebäude Europas sein (jaha, das zweithöchste!)? Sicher, ist immer noch ziemlich hoch und beeindruckend und so. Vor allem ist es unten viel breiter als gedacht, denn die Spitze läuft schon ziemlich spitz zu. Und so verliert sich der wuchtige Eindruck, den die meisten Wolkenkratzer hervorrufen. Ein Scheinriese halt.

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The Shard (c) 2013 Martin Herzog

So etwas gefällt den Londonern. Nun, den meisten. Bei der obligatorischen Straßenumfrage (im Fachjargon VoxPop genannt, von Vox Populi, die Stimme des Volkes – jaja, wir Journalisten hatten alle mal Latein in der Schule) erkundigt sich ein älterer Londoner Gentleman vorher vorsichtig, ob er im Fernsehen auch fluchen dürfe, wenn er sich zum Shard äußert. Von einem Schandfleck im Stadtbild war schon lange vor der Eröffnung in diversen Feuilleton-Artikeln die Rede. Die fein austarierte Londoner Skyline werde völlig aus der Balance geworfen. Interessanter Weise hat es dieses Argument auch schon bei der Tower Bridge gegeben, damals, Ende des 19. Jahrhunderts, als sie geplant und gebaut wurde (richtig, so alt ist sie noch gar nicht). So scheußlich sie für sich genommen auch ist: Aus dem Stadtbild würde sie heute niemand entfernen wollen. Im Gegenteil: London ohne Tower Bridge ist wie… wie London ohne Tower Bridge eben. Dem Shard dürfte es bald ähnlich ergehen.

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Bürgermeister Boris Johnson bei der Eröffnung der Besucherplattform des Shard (c) 2013 Martin Herzog

Aber schon jetzt war das Tamtam riesig zur Eröffnung der Besucherplattform. Eröffnung? Ach was, ein Event, a once in the lifetime experience! Die Weltpresse war zugegen, der Londoner Bürgermeister durchschnitt symbolisch ein rotes Band, und die Medienmeute prügelte sich um Fotos von den ersten Besuchern (Der Evening Standard berichtet stolz: In den ersten Minuten gab es bereits zwei Heiratsanträge im Himmel von London). Und alles ist ganz aufgeregt, wir auch, während der Londoner Regen leise auf die Scheiben tropft.

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View from The Shard (c) 2013 Martin Herzog

Schaut auch mal jemand nach unten? Ach ja, die Aussicht. Sehr hübsch. Toller Blick von Wembley bis Canary Wharf. Für uns heute frei, für die zahlenden ersten Gäste 25 Pfund pro Nase. Dagegen ist eine Rundfahrt mit dem London Eye noch ein Schnäppchen, und das will was heißen. Ist aber auch nur halb so hoch.

Überhaupt die Zahlenhuberei: Stockwerke; Höhe in Metern, oder noch eindrucksvoller: in Füßen; verbaute Glasfläche, Zahl der Aufzüge und deren Geschwindigkeit, Gesamtgewicht des verbauten Stahls; Anteil des Recycle-Materials, bereitgestellte Büro- und Wohnfläche… – alles, um zu betonen, dass hier ein wirklicher Riese entstanden ist, nicht nur ein Scheinriese. Und wir nicken und sagen: nein, wirklich? Sehr beeindruckend!

Dabei handelt es sich nüchtern betrachtet um einen mehr oder weniger schön organisierten Haufen aus Stahl und Glas, der mit dem 5-Sterne Hotel, das er beheimatet, seinem Wellness-Spa, den Luxus-Appartments zu 40 Millionen Pfund das Stück, und seiner überteuerten Aussichtsplattform vor allem einen Ausdruck arabischer Präpotenz darstellt, und der so gut in den sozialen Brennpunkt passt, in den er mittig hinein gpflanzt wurde (das London Bridge Quarter auf der Southbank), wie ein viktorianischer Gentleman in eine Birkesdorfer Bauernhochzeit. Er ist eine Geld-Insel Katarischer Scheichs in einem Tümpel sozialer Hinfälligkeit. Nur gering die Gefahr, dass die Insassen des Turms viel mit den Eingeborenen drum herum zu schaffen bekommen könnten. Viel eher werden steigende Mieten diesen Stadtteil südlich der Themse komplett gentrifizieren, wie das so schön euphemistisch heißt.

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The Shard (c) 2013 Martin Herzog

Davon berichtet die nationale Presse natürlich nicht. Und die internationale noch viel weniger. Dafür glitzert der Turm auch viel zu schön in der Sonne, wenn der Regen abzieht. Das mediale Leben spielt sich oben ab, auf der Aussichtsplattform im 68. Stock, wo Bürgermeister Boris  gerade seine letzten Interviews gibt, bevor er zur nächsten Eröffnung eilt, und wo wir uns auf die ersten Besucher stürzen, um an ihren Erlebnissen teilzuhaben. Wir, die Leute mit den Vergrößerungsgläsern für die Scheinriesen dieser Welt.

Der Beitrag über die Eröffnung des Shard ist heute um 16:30 Uhr (Deutsche Zeit) bei der Deutschen Welle in euromaxx zu sehen.

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