Der Lacher aus Bergheim

Der Junge in der Schlange neben mir giggelt vor sich hin. Während seine Mutter den Wocheneinkauf auf’s Band hievt, blättert er in einem bunten Heftchen, das sich mit Fußball befasst, aber aufgemacht ist wie eine Mischung aus Bravo und den Batman-Comics, mit denen ich meine Jugend vertrödelt habe. Aber die Aufmachung passt: Den Nimbus von Superhelden haben unsere Flutlicht-Söldner ja schon länger.

PodolskisDayOut1Die Geschichte, die den jungen Mann so amüsiert, ist eine Fotostrecke über Arsenals nicht mehr ganz so neuen Neuzugang aus Köln und seine Tour zu den Sehenswürdigkeiten Londons. Match! heißt die Kinder-Postille, für die sich Poldi vor Londoner Taxis, dem Arsenal-Stadium und der London-Bridge ablichten ließ, das Kinn stets gereckt und die Arme uber-cool vor der Brust verschränkt.

Die Kommentare, die ihm die Redaktion in den Mund geschoben hat, lassen ahnen, dass die Engländer in ihm den intellektuellen Koloss erkannt haben, der schon in Deutschland das Sport-Feuilleton regelmäßig mit leichtfüßigen Aphorismen versorgte.

Dabei schließen Häme und Verehrung sich nicht aus, auf der Insel eh nicht. Podolski wird hier als Lichtgestalt und letzte Rettung für Arsenal gefeiert. Ist schließlich der einzige, der überhaupt noch Tore für seinen Laden schießt (wie jüngst zu besichtigen war angelegentlich der ansonsten vollständigen Demontage durch die Bayern). Und dann ist der auch noch sympathisch, der Deutsche! Neulich ist er in seinem Viertel Hampstead mit dem Bus zum nächsten Pizza-Restaurant gefahren, einfach so – was von der Sun ausführlich bejubelt wurde, die ja sonst bei Länderspielen die Deutschen gern als marodierende Hunnen-Horden beschwört. Und so bescheiden sei er, der Poldi! Stimmt, das zeigt auch sein Kommentar zur allgemeinen Euphorie: „Es ist noch zu früh, um zu sagen, dass ich ein Held bin“.

PodolskisDayOut2Held hin oder her – irgendjemand muss ihm gesteckt haben, dass es in England wichtig ist, über sich selbst lachen zu können – und das auch zu zeigen. Und so macht der Neu-Londoner alles mit, und sei es noch so dämlich. So dämlich wie das Video, das Arsenal als PR-Gag veröffentlichte vom Sprachunterricht, der Podolski vorgeblich verordnet wurde: Poldi lernt Cockney-Slang – oh weh! Dabei sind Sportler doch – wie Jürgen Malmsheimer das einmal endgültig zusammenfasste – herzzerreißend einseitig begabte Menschen. Erst mussten sie nur den Ball treffen. Dann auch darüber reden. Schlimm genug. Und jetzt sollen sie sogar lustig sein? Gehört offenbar alles zum Spielervertrag…

Manchmal tut er mir doch leid, der Jung. Aber nur kurz.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s