lingua britannica, lingua europaeensis?

Taxi, London

Taxifahrer in London: Quell unendlicher Weisheit
(Photo credit: dtrimarchi)

Kaum hat uns das Taxi am Buckingham Palace aufgelesen, schon redet sich unser Fahrer in Fahrt. Sicher, die Royals und die Paläste seien gut für den Tourismus und für sein Geschäft, aber einer modernen Demokratie stehe das doch schlecht zu Gesicht. – Oh weh, von allen Londoner Cabbies haben wir den einzigen überzeugten Republikaner erwischt.

Als wir eingestiegen sind, hat er mitbekommen, dass seine Kunden zwei Deutsche und ein Franzose sind, und fühlt sich damit politisch auf heimatlichem Boden. Ja, das französische System sei doch viel besser, mit einem gewählten Präsidenten. Und dann die Deutschen mit ihrem Oberhaupt! So etwas bräuchten die Briten, jawohl, eine Präsidentin wie Angela Merkel.

Wir schauen uns gegenseitig an. Niemand will den anti-royalen Furor unseres Chauffeurs bremsen, mit seiner Überzeugung hat er es im Monarchie-trunkenen England schwer genug. Aber nach einem Moment betretener Stille kann ich doch nicht aus meiner deutschen Haut. Also höre ich mir dabei zu, wie ich unseren republikanischen Freund darauf hinweise, dass our glorious leader, also The Iron Lady II, also Mutti, formal gesehen nicht die Nummer 1 im Staate ist, nicht einmal Nummer 2 der Rangliste, sondern nach dem Bundestagspräsidenten sogar an dritter Stelle kommt.

Deutsch: Joachim Gauck im Hasso-Plattner-Institut

Die Nummer 1 (zumindest nominell): Joachim Gauck
(Quelle: Wikipedia)

„Oh“, meint dazu unser Fahrer knapp . „Und wer ist dann euer Präsident?“ Er wirft die Stirn in falten und schaut fragend in den Rückspiegel. „Joachim Gauck“, erwidere ich, und lasse den Namen wirken.

Wirkt aber nicht. Kein bißchen. Als er wieder in den Rückspiegel schaut, hat sich zu den Runzeln auf der Stirn unseres Fahrers lediglich eine weitere Falte hinzu gesellt.

Aber wer will es ihm vorwerfen? Kaum ein Deutscher weiß, wer Bundespräsident ist, was er den ganzen Tag macht, oder gar wie er gewählt wird. Vom handelnden politischen Personal in Deutschland hat der politisch interessierte Brite vielleicht schon mal von Wolfgang Schäuble gehört (weil der auf dem Geld sitzt, um die Griechen rauszukaufen), und von Guido Westerwelle (weil der bei der UN schon mal durch’s Bild turnt).

Die einzige Politikerin, die hier auch jeder Daily-Mirror-Leser kennt, ist… – genau.

Joachim Gauck aber könnte tagelang ohne Personenschutz durch London prominieren, ohne dass ihn irgend jemand behelligen würde – abgesehen vielleicht von der immer gleichen Rentner-Reisegruppe aus Thüringen, die täglich am Parliament-Square herum lungert.

Den englischen Medien jedenfalls ist der deutsche Präsident kaum je eine Zeile wert. Was muss da passieren, dass es dieses unbekannte Staatsoberhaupt bis auf die Kommentar-Seite der Times schafft? Hat sich da etwas im Verhältnis zu Deutschlands erstem Bürger verschoben? Hört man am Ende gar auf das, was da aus dem Hause Bellevue über den Ärmelkanal schallt?

Herr Gauck hat lange und viel über Europa gesprochen, und davon, dass wir nicht Zauderer brauchen, sondern Zupacker, wenn’s mit Europa was werden soll. Im Zweifel ging es um mehr und nicht weniger Europa, und zwar lieber mit den Briten als ohne. Als Beweis und Lockmittel dient der Vorschlag zur Gründung eines europäischen Fernsehkanals, der in der künftigen lingua franca Europas senden solle, die de facto längst die Europäische Amtssprache ist, vulgo Englisch.

Gauck-Rede_Times23-2-2013Und was kommt davon auf der Insel an? Die Europäer sollen bitte alle britisch werden. Die Sprache sei nur ein erster Schritt. Nein, es sei notwendig, dass Deutsche, Franzosen, Belgier und Spanier sich auch mit den Englischen Gewohnheiten und Eigenarten vertraut machten, wenn sie wirklich und wahrhaft britisch sein wollten:

Sie müssten lernen, Gespräche über das Wetter für eine unerschöpfliche Quelle der Faszination zu halten. Sie müssten fest daran glauben, dass es möglich sei, für 1 Pfund 27 ein Dutzend Würstchen aus reinem Rindfleisch zu kaufen. Sie müssten bei jeder unpassenden Gelegenheit eine Unterhaltung über den Verkaufswert ihres Eigenheims vom Zaun brechen lernen, Und schließlich ihren Taxifahren beibringen, das Wissen zur Lösung sämtlicher Weltprobleme bereit zu halten (ob der Times-Kommentator damit allerdings unseren Taxifahrer meint, bleibt mir verschlossen).

Nein, es besteht wohl keine Gefahr, dass hierzulande die Äußerungen eines deutschen Präsidenten allzu ernst genommen werden könnten.

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