Saubere Sache: Das Klo-Café

OLYMPUS DIGITAL CAMERA Wer im Restaurant im Allgemeinen den Tisch an der Toilettentür meidet, der sollte hier vielleicht nicht hinunter steigen – andererseits verpasst man dann eine nette kleine Überraschung: Das Café Attendant in Fitzrovia (oder Noho) ist in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt untergebracht.

Wo einst Viktorianische Gentlemen ihre Notdurft verrichteten, schlürfen heute Londoner Hippster ihren Macchiato für 2 Pfund 40 das Tässchen, und den obligatorischen Smoothie für nicht viel weniger.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANatürlich wurde vor der Eröffnung Mitte Februar alles mal ordentlich durchgekärchert, aufdringliche Gerüche sind also nicht zu befürchten, wenn man einen Besuch plant. Ansonsten ist so weit alles Original: die Kacheln, die Keramik, sogar die Wasserkästen hängen zum Teil noch. Die hübsch verschnörkelten Pissoirs darunter wurden per Hochdruckreiniger von allen Rückständen befreit und dienen nunmehr als separierende Tresen für den solitären Kunden. Wo sich früher die Klohäuschen reihten, schmieren die Mitarbeiter jetzt Bagels, und das ehemalige Séparée für den diensthabenden Klo-Chef (englisch: Attendant) wurde zur Küche umgewidmet.

Über 100.000 Pfund hat sich der neue Besitzer den Umbau der ollen Toiletten kosten lassen – Gegenwert der Abfindung, die er von seinem früheren Arbeitgeber bekommen hat, als seine Marketing-Manager-Stelle  gestrichen wurde („made redundant“ heißt das hier schön schönfärberisch).

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGegen Mittag füllt sich der kleine Raum schnell mit jungem Publikum aus den umliegenden Kreativbuden. Zum Lunchbreak gibt’s Bio-Burger mit 8-stündig geschmortem Schweinefleisch, Rucola-Schinken-Baguettes und zum Nachtisch Schokoladen-Brownies – das übliche Programm für die ernährungsbewusste Laufkundschaft. Ein Erfolgsmodell?

Der Besitzer des Attendant-Cafés schaut sich jedenfalls bereits nach weiteren Filialen um. Von den knapp 500 öffentlichen Toiletten in London, sind in den vergangenen 10 Jahren über 80 geschlossen worden, und rotten im Untergrund vor sich hin. Da ist also noch einiges möglich.

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Alle Fotos in diesem Artikel (C) Martin Herzog 2013

Aber es muss ja nicht unbedingt ein Café sein. In Sheperd’s Bush hat vor einiger Zeit ein Comedy-Club in einer umgebauten öffentlichen Toilette eröffnet, in Aldwych eine Bar im Stil der 30er Jahre, und in Süd-London hat eine junge Architektin ihr Ein-Zimmer-Appartment in eine öffentliche Toilette verlegt: Tageslicht durch gitterartige Oberlichter. Der Begriff Wohnklo mit Kochnische bekommt da eine ganz neue Facette. Bei den hiesigen Immobilien- und Mitpreisen ist die Idee vom behaglich umgestalteten Pissoir jedenfalls längst nicht so absurd, wie sie sich anhört.

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