Gehse inne Stadt… – Currywurst in London, Teil 2

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2013

Ein Bissen reicht, schon tauchen sie auf, aus den verschütteten Tiefen meiner Erinnerung:  diese leicht gelbstichigen Bilder von den lauen Sommerabenden, wenn sich zu den Gartendüften der Geruch  von glimmender Holzkohle gesellte, wenn Vater den Grill bewachte, Mutter ihren selbst gemachten bajuwarischen Kartoffelsalat auf dem Terrassentisch anrichtete, und wenn ich dann hastig das erste Stück Bratwurst in den Mund schob, nicht aber ohne es vorher über und über  in Ketchup ertränkt zu haben. Nicht in irgendeinem Ketchup, nein in Curry-Ketchup! Diese klebrige Süße, dieser gallertartige Glibber…

Ich schlucke, und öffne die Augen. Ich stehe im kleinen Eckladen von The Bratwurst. Zwei kleine Tische und ein langer Stehtresen. Auf der anderen Seite des Schaufensters hetzt die Medien-Musik-Künstler-Szene von Soho vorbei (oder was sich dafür hält) auf der Suche nach einem Lunch-Deal.

Ich schaue auf meinen Teller und muss feststellen: Die Erinnerung an jene fernen Kindheitstage und seine Grill-Genüsse ist deutlich angenehmer, als der Geschmack, der diese Erinnerung auslöst. Oder andersherum: Dieser ganz besondere Ketchup haftet mir viel edler im Gedächtnis als das, was momentan auf meiner Zunge herum lungert. Hat das damals etwa auch schon so geschmeckt?

TheBratwurst3Doch von vorn: Nicht weit von der Oxford Street findet sich der zweit Kandidat für meinen ultimativen London-Currywurst-Test, in einer Nachbarschaft, in der der Kampf um die lunchenden Geschäftsmenschen der umliegenden Büros hart ausgefochten wird. So kommt wohl der für hiesige Verhältnisse moderate Preis zustanden von 4,95 für Wurst mit Pommes inklusive Majo, Senf oder Ketchup.

Das Menu ist übersichtlich und bebildert, was für die Klientel ganz hilfreich ist. Zwei osteuropäische Arbeiter von der Baustelle nebenan zeigen auf das Foto vom Gypsy Schnitzel (das heißt wirklich so) und bestellen „two of those“. Für mich ist die Wahl eh klar. „Double Currywurst?“ – Nein, danke, die einfache Variante wird taugen für meine Zwecke. Die beiden Damen vom Grill geben sich nicht eben überschwenglich. Unfreundlich sind sie auch nicht, aber es ist leicht ersichtlich, dass Bratwurst-Braterin wohl nicht ganz oben auf der Liste ihrer Traumberufe stand. Wer will es ihnen verdenken?

Was über den Tresen gereicht wird, macht jedenfalls zunächst mal einen überraschend erfreulichen Eindruck: Gusseiserne Teller auf Holzplatte darf man für einen Fiver (5 Pfund-Schein) in London normalerweise nicht erwarten. Auch Messer und Gabel gibt’s, und zwar nicht aus Plastik. Die Pommes sind dick geschnitten und somit eher englische Chips, sehen aber schön knusprig aus. Sind sie auch. Nur leider nicht mehr warm, ebenso wenig wie der Rest – da hilft auch der gusseinerne Teller nüscht.

TheBratwurst2The Bratwurst wirbt mit dem Slogan „Gourmet Sausages from award winning butchers“. Das mag so sein, zumindest nach dem zu urteilen, was an Geschmack noch durch die Sauce dringt. Viel ist das nicht. Der Wurst ist das nicht anzulasten, denn bei einer Currywurst geht es natürlich in erster Linie um die Currysauce. Nur ist die in diesem Fall eben keine Currysauce, sondern aufgewärmter Curry-Ketchup, und zwar von ebenjener Marke, die meine Kindheit so sehr beglückt hat. Wie habe ich sie geliebt, die großen roten Quetschflaschen und ihren zähflüssigen Inhalt! Bei keinem Grillfest, bei keinem Kindergeburtstag durften sie fehlen, wenn die Fischstäbchen und Backofen-Pommes auf den Tisch kamen.

Wer jetzt jauchzt „Jawoll, das ist genau das Ticket zurück in die süße Zeit meine Jugend, das Ticket, das ich brauche, dieser bitteren, feindlichen Welt des 21. Jahrhunderts zu entkommen“, der sollte sich auf unbedingt hierher aufmachen. Ich für meinen Teil muss das heute ganz dringend nicht mehr haben. Aus Fanta, Ahoi-Brause, Nesquick und all dem anderen Blubberlutsch bin ich ja auch irgendwann heraus gewachsen. Wie jenen möchte ich meinen Ketchup-Erinnerungen lieber erlauben, in Würde zu vergilben. Flashbacks wie dieser verleihen ihnen nur ein unerwünscht hohes Maß von Gegenwarts-Realität.

TheBratwurst5Stattdessen hätte ich jetzt gern ein ordentliches Bier, um dem den klebrigen Geschmack herunter zu spülen, der immer noch alle meine Geschmacksknospen lähmt. Aber das Früh-Kölsch in der Auslage ist nur Deko, leider.

The Bratwurst – 38 Berwick Street, Soho, London W1F 8RT (danke an Kiwi von Deutsche in London für den Hinweis)

Teil 1 des ultimativen London-Currywurst-Test gibt es hier

2 Gedanken zu „Gehse inne Stadt… – Currywurst in London, Teil 2

  1. Du wolltest doch nicht ernsthaft behaupten, dass Kölsch ein „ordentliches Bier“ ist, oder? ;o))))
    Ne, ohne Quatsch: Superschöner Blog! Ich muss unbedingt mal wieder nach London … Ist schon so lange her ….
    Dein Redakteur

  2. Pingback: Gehse inne Stadt… – Currywurst in London, Teil 4 | Mind the Gap!

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