Wort der Woche: Noon-ish

Wann wir uns treffen sollen? So gegen Mittag, sagt mein Gesprächspartner. Sagt er natürlich nicht, denn er ist Engländer. „Let’s meet noon-ish,“ höre ich ihn stattdessen sagen.

8-ish_til_late-ish2Zeit ist relativ – das wissen wir nicht erst seit Einstein. Wobei relativ nicht gleichbedeutend ist mit subjektiv. Eine Minute im Wellnessbad ist relativ kurz, eine Minute auf einer heißen Herdplatte zieht sich, egal wer gerade mit nacktem Hintern draufsitzt. Die Relativität des Begriffs pünktlich hingegen ist bestimmt durch ihre Subjektivität respektive Mentalität, die ganze Landsmannschaften und mitunter Völker umfasst. Was für den Germanen am Rande der Erträglichkeit entlang scheuert (drei Uhr heißt drei Uhr), das ist, sagen wir, dem Lateinamerikaner eine allgemeine Willensbekundung ohne gesteigerten Umsetzungswillen, die im Angesicht der Ewigkeit immer noch hinreichend genau ist (drei Uhr heißt…äh, na jedenfalls nicht vor drei).

Wo findet sich auf dieser Skala der Angelsachse? Nun, im Vergleich zu anderen Teilen der nördlichen Hemisphäre scheint er eher von mediterraner Gelassenheit, welche sich auf höchst eingängige Weise in die Alltagssprache eingraviert hat, eben als Anhängsel -ish. „Should we say five-ish?“ heißt es dann.

-ish ist nicht mit ungefähr oder rumdibum zu übersetzen, zumindest nicht im deutschen Verständnis (da könnte man sich gleich ungefähr am Dienstag verabreden): ungefähr lässt höchstens 5-10 Minuten Spielraum nach vorne und hinten. Im ish-Fall werden dem Termin großzügige Pufferzeiten eingeräumt, die weit über das bekannte c.t. hinausgehen, also das Toleranz-Viertelstündchen, das Akademiker sich gern genehmigen.

Geschäftstermine hier haben oft diesen angenehmen ishigen Charakter, und zwar bereits, ohne dass dies ausdrücklich erwähnt würde. Man setzt eine Uhrzeit fest, aber wenn nicht eine der beteiligten Parteien unter ganz viel Zeitdruck steht, dann handelt es sich eher um eine grobe Übereinkunft: sich – wenn kein Telefonat dazwischen kommt, die Tube und der Straßenverkehr es zulassen, der Drucker am Empfang genug Papier hat, um den Besucherausweis zu drucken und die Empfangsdame genügend Plastikhüllen, um selbiges Dokument hinein zu stopfen, wenn schließlich der Aufzug nicht klemmt und die angegebene Etage stimmt – irgendwann um die genannte Zeit herum zu treffen. Dabei ist man sogar bereit, ein verfrühtes Erscheinen in Kauf zu nehmen.

Ist allerdings explizit eine ish-Uhrzeit angekündigt, wird’s schnell unübersichtlich: Auf dem Flyer für ein örtliches Jazz-Konzert hieß es diese Woche „8-ish until late-ish“. Im Wissen, dass wir uns bei einer solchen Ansage nicht hetzen müssen, verfügten wir uns gegen Viertel vor 9 in die angegebene Örtlichkeit und kamen gerade recht, um der Drummerin dabei zu zuzuschauen, wie sie Base, Snare und Becken herein trug, und gemächlich mit dem Aufbau ihres Schlaginstrumentes begann. Ruckzuck, eine halbe Stunde später ging es dann auch schon los mit dem Konzert.

English: Justin Bieber at the Sentul Internati...

Justin Bieber (photo credit: Wikipedia)

Vielleicht war es diese grundsätzlich entspannte Haltung der Briten gegenüber Termin-Ankündigungen, die den aduleszenten Teenie-Star Justin Bieber vergangene Woche veranlasst hat, es gemächlich angehen zu lassen, und zum eigenen Konzert in der O2-Arena zwei Stunden zu spät aufzulaufen. Statt um halb 9 stand der kanadische Zahnspangen-Rocker erst um kurz vor halb 11 auf der Bühne – gerade rechtzeitig für viele der präpubertierenden Fans, um sich nach dem ersten dargebotenen Lied unter Tränen von ihren Erziehungsberechtigten Richtung letzte Bahn zerren zu lassen.

Tags drauf erfasste den jungen Herrn Bieber  der heilige Zorn erboster Eltern in Form eines multimedialen Shitstorms. Wenn er denn schon ihren Kindern das Taschengeld aus den selbigen ziehe – so der Tenor – solle er sich doch wenigstens mit dem Beginn seines Auftritts an deren Bettzeiten orientieren.

Klein-Justin murmelte irgendeine Entschuldigung, die ihm seine Manager aufgeschrieben hatten, und wusste vermutlich gar nicht, was die Aufregung sollte, nur weil ein paar tausend Fans samt elterlicher Mitläufer zwei Stunden auf ihn warten mussten. Wer erwartet etwas anderes? Der Junge ist 19.

Aber die sonst großzügige die Zeit-Toleranz englischer Eltern ging in diesem fall deutlich gegen Null…-ish.

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