Things to do (when in London): Bei den Freimaurern

Nicht schön, aber beeindruckend: Die Londoner Freemason's Hallalle Fotos in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

Nicht schön, aber beeindruckend: Die Londoner Freemason’s Hall
alle Fotos in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

„Das größte Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt.“ – Der schwere Mann mit dem ebenso schweren schottischen Akzent lehnt sich zufrieden zurück. Seine umfangreiche Frau neben ihm nickt. Sie seien beide Freimaurer, sagt er noch, allerdings in verschiedenen Gilden: er in einer traditionellen für Männer, sie in einer jüngeren Datums nur für Frauen.

Die beiden sind aus Aberdeen nach London gekommen und wollen sich die Freemason’s Hall nicht entgehen lassen, das historische Zentrum ihres – ja was? – Glaubens? „Wir sind keine Glaubensgemeinschaft,“ bemerkt dazu unser Führer, ein beanzugter Herr mittleren Alters mit gestutztem Bart und grau meliertem Haar. „Weder sind wir eine Religion, noch ist ein bestimmter Glaube Zugangsvoraussetzung zu den Freimaurern. Aber wir ermutigen jeden, gleich welcher Religion, sich hier dazu zu bekennen, zu demjenigen, der uns geschaffen hat.“ – Mir schießt der Gedanke an Bölls „höheres Wesen, an das wir alle glauben“ durch den Kopf, jener politisch korrekte Ausdruck, den Doktor Murke wieder und wieder in einen Radiovortrag einschneiden muss, um bloß keiner Religionsgemeinschaft auf die Füße zu treten.

Wir sitzen im großen Hauptsaal, dem Zentrum der Londoner Freimaurer-Loge. Eine Gruppe von acht Neugierigen verteilt sich über die vordersten von dutzenden, im Rechteck angeordneten Sitzreihen. 1400 Menschen können hier Platz nehmen. Abgesehen von der ungewöhnlichen Sitzordnung hat der die zentrale Halle alles, was in einen ordentlichen Kirchenraum gehört: beeindruckend hohe, mosaikgeschmückte Decken mit allerlei antiker Symbolik, vorn eine Art Altar, eine Orgel und eine ordentliche Akustik.

IMG_1014Man solle sich die rituellen Sitzungen der Freimaurer aber nicht wie Messen vorstellen, sondern eher wie Theateraufführungen. „Wir sind einfach ein Zusammenschluss von großen Jungs, die sich gern treffen, einer Art theatralische Inszenierung beiwohnen und viel Geld sammeln, um sie gemeinnützigen Projekten zu spenden.“

Wirklich? Für ihre Inszenierungen haben sich die Jungs ein recht üppiges Theater gebaut: Die Londoner Freemason’s Hall zwischen Holborn und Covent Garden sieht nicht unbedingt aus wie das Hauptquartier der Heilsarmee – wobei, das ist an der Themse gelegen, gleich an der Milleniumsbridge zwischen St. Paul’s Cathedral und Tate-Gallery auf der anderen Seite. Und ist ein ziemlicher Glaspalast. Ok, schlechter Vergleich.

Jedenfalls macht die Freemason’s Hall ordentlich was her, und es überrascht nicht, dass die weitläufigen Hallen gern von Filmproduktions-Firmen für Premierenfeiern gebucht werden, vorzugsweise für Batman-, Spiderman- und James-Bond-Filme – mit dem vielen Marmor, Edelholz und Bronze fühlt man sich gleich wie im Rathaus von Gotham City.

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Freimaurer-Regalien-Laden gegenüber der Freemasons’s Hall

Ich zögere, dieses Gesamtkunstwerk als schön zu bezeichnen, dafür ist der Bau schon von außen zu seltsam proportioniert, und innen stilistisch arg zusammen gewürfelt – Eklektizismus ist wohl der wohlwollende Begriff dafür. Beeindruckend ist es allemal. Und alles von Spenden der Logen-Mitglieder, wird unser Führer nicht müde zu betonen. Zu denen gehören seit Generationen auch Mitglieder der königlichen Familie, nie allerdings die Könige und Königinnen selbst. Das würde sich wohl nicht mit dem Amt des Oberhauptes der anglikanischen Kirche vertragen.

Auch sonst sind die Freimaurer offenbar gut vernetzt und finanziell gut ausgestattet. Also, wie schaut’s aus: Ist die Geheimgesellschaft nun ein verschwiegener Haufen von Verschwörern, die sich gegenseitig an geheimen Zeichen erkennen und Politik und Wirtschaft unterwandern, die im Dunkeln die Fäden ziehen, um dereinst die Weltherrschaft zu erlangen? Oder – haben sie es gar schon?

Freimaurer-Zeichen

Auslage eines Reglien-Ladens mit handelsüblicher Freimaurer-Ausstattung

Eine verschworene Gemeinschaft seien sie, lächelt milde unser Führer, aber keine Verschwörer-Gemeinschaft. Wer hier beitrete, um durch Netzwerkerei aufzusteigen, der sei falsch. Beziehungen und Vernetzung spielten bei den Freimaurern keine größere Rolle als in jedem anderen Verein. Vielmehr gehe es um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, geistig, philosophisch, religiös. Alle Verschwörungstheorien á la Dan Brown seien sehr unterhaltsam, aber haltlos.

Die Millionenauflagen der Brown’schen Verschwörungs-Romane  sind offenbar auch ein Grund dafür, weshalb uns überhaupt Einblick gewährt wird in die heiligen Hallen der Freimaurerei. Bis vor wenigen Jahren machte die Geheimgesellschaft ihrem Titel noch alle Ehren und nur derjenige erhielt Zutritt, der den Freimaurern beitrat und sich zur Verschwiegenheit verpflichtete.

Inzwischen führen geschulte Mitglieder  mehrmals täglich durch das kleine Museum, die Eingangshalle und die große Tempelhalle, erzählen von der Geschichte der Freimaurerei, beantworten geduldig Fragen, und versuchen dabei, alle Bedenken zu zerstreuen, die zum schlechten Image der Freimaurer beigetragen haben: Nein, mit den berüchtigten Tempelrittern habe man nichts zu tun, außer dass einige Freimaurer auch Tempelritter gewesen seien. Ja, geheime Erkennungszeichen gebe es tatsächlich, aber die erklärten sich aus der Tradition und hätten eine rein symbolische Bedeutung. „Ich könnte es Ihnen verraten,“ sagt er, „aber dann müsste ich Sie erschießen,“ denke ich. „Aber damit könnten Sie nichts anfangen,“ fährt er freundlich fort, „es hätte keinerlei Bedeutung für Sie.“

The Square and Compasses. The symbols employed...

Winkel und Zirkel, die Symbole der Freimaurer (Photo credit: Wikipedia)

Aber natürlich, das ist ja der Trick! schießt es mir in der Logik der Verschwörungstheorien durch den Kopf. Nur Freimaurer können die Freimaurer-Symbolik deuten, das ist ihr Wissen, ihr Geheimwissen, ihre Macht… Genauso würde ich es auch machen, wenn wir etwas zu verbergen hätten: Oberflächliche Offenheit, um das wahre Gesicht nicht zeigen zu müssen.

So viele Fragen bleiben ungeklärt: Wozu brauchen sie so ein prächtiges Zentrum, wenn es sich doch nur um einen Club freundlicher Gesellen handelt, die gern in Gesellschaft sind und für gute Zwecke spenden? Was genau passiert während der Zeremonien, bei diesen angeblichen Theater-Inszenierungen, auf die sich die Freimaurer vorbereiten? Und warum finden sich im angeschlossenen Buchladen so viele Bücher über die Geschichte der Tempelritter, mit denen die Freimaurer doch angeblich nichts zu tun haben? Ich stelle nur Fragen.
Ich glaube, ich muss mal  dringend an Dan Brown schreiben…

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