Im Land des Bibberns

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Kater vor winterlichem Garten und… Doppelverglasung

1. April – Vor dem Fenster fallen leise Schneflocken auf die Terrasse, drinnen bollern die Heizkörper ununterbrochen. Warm wird’s trotzdem nicht. Von unten zieht es kalt durch den Teppich die Füße hinauf. Das Haus ist zwar zum Teil unterkellert, nicht aber das Wohnzimmer. Da sitzen die Holzdielen gleich auf dem Erdboden.

Das Gebäude ist vor wenigen Jahren saniert worden. Ja, auch eine Schicht Isolation sei dem hundertjährigen Gemäuer damals spendiert worden, versichert unser Hausverwalter. Wo die nur angebracht sein mag?

Immerhin, wir haben Doppelverglasung, im Vereinigten Königreich längst nicht Standard. Ein Freund, der in einem geräumigen (und nicht eben billigen) Haus in Richmond zur Miete wohnt, berichtet, dass fließend Wasser bei ihnen nicht nur in Badezimmer und Küche vorkommt, sondern auch innen an den Scheiben, wenn sich an windigen Tagen der Regen durch den Fensterkitt drückt. Im Winter wird das Bild dadurch verschönert, dass von Innen Eisblumen erblühen. Grund zur Beschwerde? Nicht in England.

Wer hier durch die Wohnviertel spaziert, entdeckt allenthalben Erkerfenster, deren Ritze notdürftig mit Würsten aus Wolldecken verstopft sind. An Rohbauten verstecken sich zwischen tragendem Mauerwerk und Verklinkerung kaum 10 Zentimeter Isolierung. Marke Feigenblatt.

Passivhaus 1 Aus Deutschland kommt jetzt allerdings ein ganz neuer, sozusagen heißer Trend, wie der Independant an diesem schattigen Osterwochenende vermeldet: Das Passivhaus. Um 90 Prozent könne derjenige seine Heizungsrechnung reduzieren, der sein Haus ordentlich isoliere, Wärmebrücken vermeide und eine ordentliche Lüftung mit Wärmerückgewinnung einbaue. Ja, da schau her! 100 dieser Wunderhäuser gebe es bereits in England, enthüllt das Blatt, und zeigt das Wärmebild eines solchen Passivhauses im Vergleich zu den unisolierten Nachbargebäuden. Der Kommentar des Reporters: Schocking!

Nun geht das Prinzip Passivhaus auf ein Polarschiff namens Fram zurück, das sich in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts aufmachte, die kältesten Zipfel der Erde zu erkunden. Passivhaus3Das erste Passivhaus Deutschlands wurde 1991 errichtet, selbst in den USA gibt es sie seit 10 Jahren. Manchmal ist man schon erstaunt, dass sich das Prinzip Wärmedämmung hier noch nicht so richtig herum gesprochen hat.

Vielleicht liegt das auch daran, dass die Engländer grundsätzlich unerschrockener mit der Kälte umgehen. Kurzbehoste Männerbeine in Flipflops, die ihre Träger zum Gemüse-Einkauf bringen, gehören ebenso zum winterlichen Straßenbild wie junge Damen, die des Freitagsabends stundenlang in kurzen Röcken und kurzärmeligen Tops bibbernd aber unerschrocken vor Londons Clubs anstehen.

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Syon House in West-London, beliebtes Ausflugsziel und Drehort für Historien-Schinken – wenn’s mal nicht Winter ist…

Haben sie wahrscheinlich alles von ihren robusten Vorfahren geerbt, den Angeln und den Sachsen und den Normannen: Osterspaziergang zum Syon House, dem West-Londoner Wohnsitz des Earl of Northumberland, und zeitweise Wohnstätte von Prinzessin Victoria, bevor Buckingham Palace ihr zugiges Domizil wurde.

Die Freude auf warme Adelsgemächer nach dem Gang vom Parkplatz durch den schäbbig kalten Morgen löst sich auf wie winterlicher Atemhauch: Drinnen ist es nur unwesentlich wärmer als draußen. Die Mitarbeiterinnen, die in den jeweiligen Prunk-Räumen allerlei Fragen zur Geschichte des Hauses beantworten, stehen eingewickelt in Wollmantel und Schal in der Nähe der wenigen Heizlüfter, die man ihnen gewährt hat.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Jetzt geht es ja schon halbwegs,“ berichtet erstaunlich gut gelaunt eine der älteren Damen, „als das Haus Anfang März geöffnet hat, gab es hier drinnen Minustemperaturen. Ich bin seit 15 Jahren dabei, aber dass wir hier im Mantel stehen müssen, ist mir noch nicht untergekommen.“

Angesichts der Temperaturen reduziert sich unser Interesse an den edlen Wandteppichen, den zahlreichen Van-Dyk-Schinken und der wechselvollen Geschichte des Hauses auf ein Mindestmaß. Jeder der großzügigen Empfangs- und Ballsäle verfügt über einen einzelnen Kamin, inzwischen gasbefeuert. Doch selbst wenn es erlaubt wäre, sie zu entfachen, würde das nicht viel helfen: Geheizt wird vor allem für draußen, wie bei den meisten englischen Eigenheimen. Kein Wunder, dass Syon House vor allem als Sommerresidenz diente.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

Das viktorianische Gewächshaus nebenan liegt fast völlig verlassen, an den Setzlingen im angeschlossenen Gartencenter zeigt heute auch niemand gesteigertes Interesse, trotz der fröhlichen Oster-Werbeschilder, die auf Frühling insistieren.

Der einzige Garten, der in diesen unfreundlichen Tagen gut bevölkert ist, heißt Covent Garden, und da haben geschäftstüchtige Getränkestandbesitzer ihre vor nicht allzu langer Zeit eingemotteten Thermoskannen hervor gekramt und kommen mit dem Glühwein-Verkauf kaum nach. OLYMPUS DIGITAL CAMERASo wie es aussieht, werden sie noch eine Weile gute Geschäfte machen: Bis Ende April soll sich an der Großwetterlage wenig ändern, sagt das königliche MetOffice.

Da kann man nur hoffen, dass die Vorhersage so akkurat ist, wie die vom vergangenen Jahr. Damals hatte das  örtliche Ministry of Magic einen trockenen Frühling versprochen. Es wurde der nasseste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

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