Reinhören: Von Druiden und blauen Steinen

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Ein grau-kalter Vormittag in Süd-England. Auf dem Besucherparkplatz von Stonehenge steigen Schulklassen aus Bussen, Japanische Reisegruppen machen ihre Kameras schussbereit.

Am Rand des Geländes sitzt Arthur Pendragon auf einem Gartenstuhl – weißes Haar und weißer Bart, Lederhut. Wenn jedes Jahr tausende selbsterklärte Neuheiden zu den Sonnenwendfeiern nach Stonehenge strömen, leitet er als Ober-Druide King Arthur in weiß-rotem Gewand die Zeremonie. Jetzt erklärt er interessierten Besuchern den Druiden-Kult und sammelt Unterschriften für die Rückführung von Knochenresten, die vor einigen Jahren ausgegraben worden sind. Dafür will er in einigen Wochen bis vor den Royal Court of Justice ziehen, das höchste Gericht des Königreichs. „Das ist keine Frage der Religion, sondern des Anstands,“ sagt er in einem Tonfall, der verrät, dass er sein Anliegen schon sehr oft vorgetragen hat.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Sogar die Wissenschaftler, die die Knochen untersuchen, bestätigen, dass es sich dabei um hohe Würdenträger gehandelt haben muss,“ argumentiert er. Dabei wolle er sich der Wissenschaft nicht in den Weg stellen: „Natürlich sollen sie die Knochen untersuchen, kein Problem. Aber es handelt sich um verkohlte Knochenreste, die nie in einem Museum zu sehen sein werden. Deshalb wollen wir sie hier haben. Es sind unsere Ahnen.“

Dass die keltischen Druiden mit Stonehenge vermutlich nie etwas zu schaffen hatten, bedrückt ihn nicht weiter. Wenn nicht wahr, dann eben gut erfunden, meint er:

KingArthur„Stonehenge war eine große Sonnenuhr, die der damaligen Gesellschaft die Pflanzzeiten ankündigte, als wir uns von Jägern und Sammlern zu Ackerbauern wandelten. Die Sonnenuhr verriet nicht die Tageszeit, sondern die Jahreszeit. Und das haben die Erbauer hier gefeiert, mit Sicherheit den längsten und den kürzesten Tag des Jahres. Und wir tun nichts anderes.“

Ein Jahreszeiten-Kalender, an dem sich die frühe Ackerbau-Gesellschaft orientierte – so sieht es auch Tim Darvill von der Bournemouth University. Doch Stonehenge sei viel mehr als das. Der Archäologie-Professor steht dick eingepackt im Wind und zeigt auf die berühmten Trilithen, die mächtigen Dreierblöcke – je zwei Steine senkrecht, einer oben quer. Zusammen bilden sie die Hauptkreise in Stonehenge: „Aber das ist nur der architektonische Rahmen der Anlage, in dem die Menschen ihre Zeremonien und Rituale feierten,“ sagt Darvill. „Die viel kleineren Monolithe daneben sind die die eigentlich wichtigen Elemente, die so genannten Blausteine.“

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Timothy Darvill, Professor für Archäologie an der Bournemouth University an der englischen Südküste

Wie die Trilithen sind die Blausteine im Kreis angeordnet. Sie seien der Schlüssel zum Verständnis von Stonhenge, sagt Tim Darvill. Aber was ist ihr Zweck? Darvills Kollege Mike Parker Pearson vom University College London ist der Ansicht, dass die Blausteine ursprünglich so etwas wie Grabsteine darstellten. Nachdem die ersten kreisrunden Wälle gegraben und die ersten Steine errichtet worden seien, sei Stonehenge hauptsächlich für Beerdigungen genutzt worden. Um 3000 vor Christus war das. Stonehenge – ein Ort der Toten, glaubt der Archäologieprofessor und führt als Beleg die zahlreichen Knochenreste an, die Ausgrabungen in der direkten Umgebung der Steinkreise zu Tage gefördert haben (eben jene Knochenreste, für dessen Rückführung Druide Arthur kämpft).

Dass hier Menschen beerdigt wurden, oft hohe Würdenträger, darin ist sich die Fachwelt einig. Darvill deutet auf die kleinen Hügel am Horizont – alles Grabstätten meist hoher Würdenträger. Rund tausend dieser Hügel gibt es in der näheren Umgebung mit jeweils vier bis fünf Menschen darin.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

Uneinig ist man darüber, ob die Bestattungen der Hauptzweck waren. Schließlich hätten sie stattgefunden, bevor die zentralen Steinkreise errichtet wurden, argumentiert Tim Darvill. Stonehenge habe vor allem den Lebenden gedient, ist er überzeugt, und das hat mit der Herkunft der Blausteine zu tun. Sie stammen aus den Preseli Hills in Wales, 240 Kilometer entfernt. Von den steinzeitlichen Erbauern wurden die tonnenschweren Steinblöcke unter unglaublichen Strapazen von dort heran geschafft.

Der früheste Bericht über Stonehenge stammt vom Gelehrten Geoffrey of Monmouth. Im 12. Jahrhundert schreibt er von der heilenden Wirkung der Steine:

The stones are great;
And magic power they have;
Men that are sick;
Fare to that stone;
And they wash that stone;
And with that water bathe away their sickness.

Nun gilt Geoffry nicht als vertrauenswürdigster unter den Chronisten, er schreibt Stonehenge dem Zauberer Merlin zu, der die Steine hierher gebracht habe. Das müsse aber nicht heißen, dass alles wilde Fantasie sein müsse. Vielleicht habe Geoffry einfach die Gerüchte und Geschichten zusammengeschrieben, von denen er gehört habe.

Als Darvill und sein Kollegen Jeff Wainwright eins und eins zusammenzählten, sei die Konsequenz klar gewesen: Stonehenge müsse man sich als eine Art Steinzeit-Kurort vorstellen, erklärt Tim Darvill, als wir im beginnenden Regen die Steinkreise umrunden. Mit den Blausteinen sei die heilende Energie nach Stonehenge übertragen worden: “Machen Anthropologen sprechen von einem regelrechten Franchisesystem – ein bißchen wie eine McDonald’s-Filiale,” schmunzelt Darvill.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir haben die Steinkreise umrundet und stehen nun auf der Hauptsichtachse des Monuments, der so genannten Avenue, einem flachen, langgezogenen, grabenartigen Weg, der auf den Eingang von Stonhenge zugeht. Genau hinter uns geht am Morgen des 21. Juni zur Sommersonnenwende die Sonne auf, exakt gegenüber geht die Sonne unter am Tag der Wintersonnenwende, ein halbes Jahr später. Und dann erzählt Archäologe Darvill wie ein solcher Tag, eine solche Nacht ausgesehen haben mag, als tausende und abertausende Menschen der steinzeitlichen Gesellschaft aus allen Ecken der Britischen Inseln hierher strömten, und welchen Eindruck es auf sie gemacht hat:

„Wenn wir uns zurückdenken, vielleicht in das Jahr 2200 vor Christus zur Zeit der Wintersonnenwende, dann wären wir wir nicht allein, sondern würden mit vielen Menschen zusammen hierher strömen. Es ist kalt, langsam wird es dunkel. Die Sonne steht bereits tief über dem Horizont, und in der nächsten halben Stunde wird sie unter gehen, genau hinter dem größten Trilithen der Steinkreise. Im inneren Kreis haben einige Leute bereits Feuer entfacht und das Licht dringt wie leuchtende Strahlen durch die Spalten zwischen den Steinen. Das sieht sehr magisch aus – wir haben das mal mit großen Taschenlampen nachempfunden. Es hätte uns damals sicher hinein gezogen.

„Die Steine sind heute grau-grün, damals aber waren sie strahlend weiß und funkelten kristallin. Die Menschen im inneren hätten bereits angefangen zu feiern, wir würden Trommeln hören, Musik, viele Geräusche. So würden wir hinein gehen, zusammen vielleicht mit einem Großvater, der krank oder verkrüppelt ist, oder einer Mutter oder einem kranken Kinder, und hoffen, dass uns, wenn wir hierher pilgern, die Göttern gnädig sind, und unsere Verwandten heilen – genau so, wie Gläubige heute nach Santiago de Compostella pilgern oder nach Lourdes.“

Stonehenge at sunset on a cloudy day.

Stonehenge at sunset on a cloudy day. (Photo credit: Wikipedia)

Wenn er sich einen Tag in der Geschichte der Menschheit aussuchen dürfte, den er leibhaftig miterleben könne, dann sei es sicher dieser Tag, sagt Tim Darvill noch. Stonehenge sei das kulturelle und spirituelle Zentrum Nordwesteuropas gewesen, bis zu 10 Prozent der Gesamtbevölkerung sei zu den wichtigen Sonnenwendfeiern hierher geströmt und habe den Wechsel der Natur gefeiert – vielleicht sei es gar nicht so viel anders gewesen als Druide King Arthur und seine modernen Heiden.

Dass er und seine Anhänger heute diese Feiern immer noch – oder wieder – zelebrieren, findet der Wissenschaftler großartig: „Wie die Menschen damals gefeiert haben, woran sie genau geglaubt haben, wissen wir nicht. Aber warum soll es nicht so gewesen sein? Die heutigen Druiden sind Teil eines wiederentdeckten Druiden-Kults aus dem 18. Jahrhundert – sie sind alse selbst bereits Teil der Geschichte von Stonehenge. Es ist doch fantastisch dass dieses alte Monument immer noch einem Zweck dient, dass die Menschen zur Sonnenwende hierher kommen, um zu feiern.“

Der Beitrag Steine, sagt doch was! bei Deutschlandradio Wissen ist hier zu hören

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