Gehse inne Stadt… – Currywurst in London, Teil 4

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

Kurios, wie schnell manche Dinge zur Gewohnheit werden, zur Tradition, zur – genau: Institution, wie das dann heißt. Wer Currywurst und London zusammen denkt, denkt automatisch an die Institution Herman ze German, bekannt aus Film, Funk und Foodie-Blogs. Als hätte es den Teutonen-Grill an Charing Cross schon seit Menschengedenken gegeben. Dabei ist er nicht einmal der erste (Kurz&Lang am Smithfield Market gab’s früher), sondern kaum drei Jahre alt: Im Herbst 2010 eröffneten Azadeh Falakshahi und ihr Geschäftspartner Florian Frey die Würstchenbraterei am festen Standort, nachdem man ein paar Jahre lang über Festivals getingelt war.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIrgendetwas scheinen die beiden richtig zu machen, denn der Laden brummt, als ich selbigen an einem trüben Dienstag Nachmittag betrete – und während meines einstündigen Aufenthalts ändert sich daran auch nichts. Ob das nur an der günstigen Lage zwischen Trafalgar Square und Covent Garden liegt, dies herauszufinden habe ich mir für den vierten Teil meines selbstaufopfernden Currywurst-Tests vorgesetzt.

Der Hunger drückt gar sehr, also bestelle ich gleich mal eine doppelte Currywurst (2 Pfund extra), was meine geschmackliche Urteilskraft im Bereich Schärfegrad leider komprommitieren wird. OLYMPUS DIGITAL CAMERADenn bei der zweiten Wurst handelt es sich um eine würzige Sonderedition. Da das Currywurst-Angebot vier Soßen unterschiedlicher Schärfe bereit hält, fällt mir ein Urteil über die tränen- und schweißdrüsen-aktivierende Wuchtigkeit meiner Variante hot (die zweitmildeste) eher schwer. In jedem Fall rangiert sie eher unter kommod. Eine unerschrockene Gruppe junger Süddeutscher, die sich an die schärfste Variante heran gewagt hat, versichert mir denn auch, dass jene sehr würzig sei, aber immer noch gut essbar. Insofern als ihnen keine Schweißtropfen von der Stirn rinnen, nehme ich diese Aussage mal ungeprüft hin.

Wie auch immer: Alle vier Soßen kommen aus eigener Herstellung, und das ist ja schon mal was, angesichts so mancher Curry-Ketchup-Katastrophe andernorts (siehe Test Teil 2 und Teil 3). Röstzwiebeln gibt’s selbstverständlich oben drauf.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVom unbestimmbaren Schärfegrad meiner Wurst abgesehen, ist sie hervorragend. Oben ein wenig knusprig geraten, tut das dem Geschmack keinen Abbruch. Aus dem Schwarzwald importiere er sie, verrät mir Florian, vom gleichen kleinen Metzger, bei dem schon seine Eltern eingekauft hätten. Die seien zwar etwas teurer, aber dafür wisse er, wo sie herkommen. Die klassische Nachhaltigkeits-Erzählung, die alle Londoner Wurst-Outlets bereit halten, ebenso romantisch wie gut für’s Geschäft…

Herman_ze_German_WurstNatürlich gehören zur Currywurst die Pommes auch in diesem Fall unbedingt dazu. Bei Herman ze German werden sie in einer waschtrommelartigen Röhre per Heißluft gegart – was zwar der Figur zuträglich sein mag, weil diese Methode fast ohne Frittenfett auskommt. Auch schön braun sind sie. Geschmacklich kommen sie allerdings nicht ganz an das klassisch frittierte Original heran, sie geraten ein wenig trocken, und leider auch hart. Die Zinken der gereichten Plastikgabel biegen sich bedenklich beim Versuch, die Kartoffelstäbchen aufzuspießen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAuch die tiefe Pappschale bringt nur wenig Freude, in die Wurst und Pommes gebettet werden, und über dessen flügelartige Laschen beides unfallfrei herauszuangeln eine Herausforderung darstellt – eine Reminiszenz an die mittags-pausierenden Londoner, die den Inhalt ihres frisch eingejagten Lunchpaketes am Schreibtisch oder im nächst gelegenen Park einzunehmen wünschen. Das ist ja auch alles gut und schön, ich will auch gar nicht Porzellan-Unterlagen einklagen. Die originäre Currywurst fühlt sich auf einem Pappteller durchaus heimisch. Aber ein ebensolcher Pappteller dürfte es schon sein.

An der Getränkefront gibt’s Fritz-Cola sowie sämtliche Derivate der (einstigen) deutschen Avantgarde-Brause. Daneben Wasser. Mit Sprudel und ohne. Bier? Fehlanzeige. Flunsch! Aber bald werde es Bier geben, verrät Florian. Sogar vom Fass. Und Kölsch natürlich auch. Allerdings nicht hier, sondern in der neuen Filiale in Soho. Man habe sich schon länger  nach einer Zweigstelle umgesehen, gerade liefen die Vertragsverhandlungen, in Kürze werde unterzeichnet.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHerman ze German also demnächst mal zwei. Na, da sind wir gespannt, ob das Currywurst-Konzept für London auch dort so gut funktioniert  wie hier. Aber warum nicht? Franchise-Artikel gibt es ja schön länger, T-Shirts und ähnlichen Nippes. Ein regelrechtes Franchise-Unternehmen werde man aber dennoch nicht werden, versichert Florian. In diesem Geschäft werde nur der erfolgreich sein, der selbst hinter dem Tresen stehe und sich kümmere. Dafür sei die Street-Food-Konkurrenz in einer Stadt wie London zu groß.

Zumal in der Villiers Street, wo reihenweise konkurrierende Lunch-Läden, Restaurants und Kaffee-Ketten um Kunden werben. Das schlägt sich auch in der Rechnung nieder. Kampfpreis kann man es zwar nicht nennen, aber 7 Pfund 40 ist für hiesige Verhältnisse durchaus gemäßigt für das Tube Steak, Pommes, je nach Geschmack Mayo, Senf, Röstzwiebeln, sowie ein Getränk. Und die Qualität stimmt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEine Frage bleibt zum Schluss, und muss unbedingt geklärt werden: Wer ist nun eigentlich dieser  Herman? Inhaberin Azadeh beugt sich leicht über die Theke und flüstert konspirativ hinter vorgehaltener Hand: „Herman gibt es nicht.“ Herman macht es nur des Reimes wegen,  wie das Ringelnatz’sche Wiesel, das auf dem Kiesel inmitten Bachgeriesel hockt. Und ich dachte die ganze Zeit, hier habe ausnahmsweise mal die Poesie dem Leben die Hand gereicht. Ach, ist jetzt auch schon Wurst…

Herman ze German, 19 Villiers St, London WC2N 6NE, Telefon: 0 20 7839 5264, Öffnungszeiten: 09:00 bis 21:00

Die ersten Teile des ultimativen Londoner Currywurst-Checks verpasst?

Ein Gedanke zu „Gehse inne Stadt… – Currywurst in London, Teil 4

  1. Zitat:
    „Aber bald werde es Bier geben, verrät Florian. Sogar vom Fass. Und Kölsch natürlich auch.“

    Hä? Gibt es etwa noch anderes Bier???😉

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