Neighbourhood Watch Ealing – oder: Nordkorea ist gleich um die Ecke

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Die Nord-Koreanische Botschaft im Londoner Vorort Ealing. Soweit nicht anders gekennzeichnet, alle Bilder (c) 2013 Martin Herzog

Wie oft ich wohl auf den Auslöser drücken kann, bevor die Typen von der Sicherheit neben mir stehen? Mein Fahrrad habe ich an einem Laternenpfahl auf der anderen Straßenseite angebunden. Auf der Gunnersbury Avenue schiebt sich der übliche Samstagnachmittag-Stau Richtung Hanger Lane, vorbei an dem wenig repräsentativen Eckhaus, vor dem ich nun stehe und die ersten Aufnahmen mache. Hat was paparazzo-mäßiges, irgendwie.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGleich kommen sie heraus gestürmt, irgendwelche Uniformierte mit wedelnden Händen und wollen mir das Fotografieren verbieten. Oder eine auffällig unauffällige Limousine hält neben mir, das Seitenfenster fährt herunter, und ein sonnenbebrillter asiatischer Anzugträger rät mir ebenso freundlich wie bestimmt, die Kamera weg zu packen. So was in der Art.

Drinnen aber rührt sich nichts. Die Gardinen sind zugezogen, nur der große, überquillende Müllcontainer an der Seite und ein schwarzer Diplomatenwagen (immerhin: Mercedes) deuten darauf, dass das Gebäude bewohnt ist. Eine Einzelne Videokamera überblickt einen Teil des kleines Hofes.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADass es sich um eine diplomatische Vertretung handelt, ist nur am Messingschild neben der Haustür zu erkennen und an einer seltsamen Kupferplakette, auf der eine Art Staudamm, ein Wasserkraftwerk und ein Strommast samt Leitungen zu sehen sind, umrahmt von Kornähren und überstrahlt vom Kommunistenstern. Der Text darunter gibt wenig Aufschluss, denn er ist vermutlich in (nord-?)  koreanischer Sprache verfasst. Von diesen dezenten Hinweisen abgesehen ein ganz normales Eckhaus. Nicht einmal die Nationalflagge ist aufgezogen an dem hohen Fahnenmast mit seiner blank polierten Kugel an der Spitze.

Hätte man sich spektakulärer vorgestellt, größer, oder finsterer zumindest, James-Bond-mäßiger: mehr und höhere Betonmauern, mit Stacheldrahtkrone, die dem neugierigen Auge den Einblick verwehren auf das, was hinter verspiegelten Fenstern vorgeht. Wie man es erwartet von dieser bizarrsten aller Operetten-Diktatur, die die Welt zur Zeit zu bieten hat, und aus dem so selten etwas nach draußen dringt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAber nichts dergleichen. Kein schwer bewaffnetes Sicherheitspersonal, keine Straßensperren an der Einfahrt, kein Wachhäuschen, Stattdessen vorn ein niedriger Metallzaun mit elektrischem Schiebetor, hinten eine Ziegelmauer von durchaus landestypischer Höhe, die einen Hinterhof samt Basketballkorb umfasst, das ganze überwacht von der zweiten Videokamera der Botschaft.

Wer als Staat etwas auf sich hält, der unterhält in London seine Botschaft am Trafalgar Square (Kanada, Süd-Afrika), in Belgravia (USA, Deutschland) oder im noblen Kensington (Frankreich, Polen, Russland, Japan, Israel). Auch kleinere Länder lassen sich da nicht lumpen, selbst wenn es für ein eigenes Gebäude nicht reicht. So belegt die Botschaft von Equador (die momentane Heimat von Wikileaks-Ikone Julien Assange) eine Etage in einem Wohnhaus in Knightsbridge, gleich neben dem Nobel-Basar Harrods.

English: The Embassy of Nepal In Kensington Pa...

Botschaft von Nepal in Kensington Palace Gardens. Quelle: Wikipedia

Wer die Immobilienpreise in diesen Lagen kennt, wundert sich bisweilen, wie sich manche Staaten das leisten können. So residiert die Botschaft der Mongolei am Kensington Court, Äthiopien neben der Royal Albert Hall am Hyde Park und Nepal in der Straße, die bei Londonern als Billionaire’s Row bekannt ist: im Kensington Palace Gardens, mit Sicht auf Willams und Kates Unterschlupf, dem Kensington Palace.

Die Botschaft des großen koreanischen Führers Kim Jong Un hingegen liegt an einer der Hauptverkehrsachsen West-Londons, die Verbindungsstraße zwischen der M4 und der M40. Vor 10 Jahren hat der Botschafter seinen Amts- und Wohnsitz hierhin verlegt, in den eher kleinbürgerlichen Stadtteil Ealing, das durch seine Fernsehstudios in den 50er und 60er Jahren einmal für seine Komödien berühmt war, und heute den Autor dieses kleinen Blogs beheimatet.

OLYMPUS DIGITAL CAMERASo sind es von unserem Haus keine fünf Fahrradminuten bis zur ständigen Vertretung dieses Disneylands á la Stalin. Dass man sich bei Bildern aus dem Nordkoreanischen Staatsfernsehen oftmals an eine schlechte Staatskomödie erinnert fühlt, dürfte aber kaum der Grund gewesen sein, hierher zu ziehen. Die Wahl der Residenz sei ein klares Statement, stellt ein Reporter klar, den die BBC hierher geschickt hat zur investigativen Hintergrund-Recherche. Welches Statement das sein soll, sagt er allerdings nicht. Vielleicht das Statement, den irren Mietpreisen im Zentrum Londons ein Zeichen der Vernunft entgegenzusetzen? Ein Zeichen, die Mietpreisspirale zu durchbrechen im Wettrüsten an der Immobilienfront, ein Fanal der Bescheidenheit (seit jeher Kennzeichen der Nordkoreanischen Herrscherfamilie Kim)? Das eingesparte Geld lässt sich auch deutlich effektiver zuhause in Pjöngjang einsetzen, für Militär-Paraden oder bei der Erprobung von Trägerraketen. Da beeindruckt es schließlich nicht nur ein paar gelangweilte Diplomaten beim Sektempfang, sondern die ganze Welt.

Vielleicht ist es aber auch nur das Statement, dass seit den Zeiten des Byzantinischen Weltreiches diplomatische Vertretungen vor Ort immens wichtig sind, dass – wie der Guardian süffisant bemerkte – vor Ort bisweilen aber auch vor der Stadt bedeuten kann…

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