Von Brücken und Bulldoggen: Take (a) Five(r)

22-23-04-2013-Conference-on-the-launch-of-the-Europa-series-of-euro-banknotes

(c) Europäische Zentralbank

Ein neuer Fünf-Euro-Schein also seit gestern (2.5.2013). Ein paar Verbesserungen an der Sicherheit, bißchen andere Farbgebung, sonst nicht viel Neues. Auch die abgebildete Brücke bleibt, Symbol der Verbundenheit zwischen den Staaten Europas, wie das in der offiziellen Behörden-Poesie heißt. Tatsächlich wohl eher Symbol für die Hasenfüßigkeit der Euro-Technokraten, sowie für die Uneinigkeit der Europäer untereinander, welche Nation denn welchen ihrer Nationalhelden für welchen Geldschein festlegen darf. Anstatt darüber den Zusammenbruch des ganzen Euro-Projektes zu riskieren, hat man sich eben lieber für neutrale Brücken entschieden, die niemand kennt, und über die sich niemand aufregt.

Hat sich auch niemand aufgeregt. Gejammert schon. Über die Emotionslosigkeit  der neuen Banknoten. Über ihre Einfallslosigkeit, und vor allem: Gesichtslosigkeit.

English: German banknote of the fourth series ...

Mathe-Genie Gauß auf dem Zehnmark-Schein, (c) wikipedia

Viele sehnten sich zurück nach der D-Mark, nicht zuletzt nach Romantikerin Bettina von Arnim auf dem Fünfer, nach Glockengießer Carl-Friedrich Gauß auf dem Zehner, Komponistin Clara Schumann auf dem Hunderter, und ganz sicher nach den Wörter-Buchmachern Grimm auf dem Tausender (auch wenn die wenigsten von uns die beiden je zu Gesicht bekamen). Gut, wer hat sie schon erkannt, die Vertreter des Guten, Wahren, Schönen der deutschen Geschichte? Aber immerhin, sie waren da.

Was hatten es die Briten gut, die ihr Pfund Sterling behalten durften, ihre eigene stahlharte Währung mit ihrer eigenen Queen auf der Rückseite jeder Banknote – Symbol für die Unvergänglichkeit des Empires. Und auf der Vorderseite historische Häupter, wie Wirtschaftstheoretiker Adam Smith auf dem 20er. oder die Reformerin Elizabeth Fry, die auf dem 5-Pfund-Schein geehrt wird.

Wurde, muss man sagen, denn der „Engel der Gefängnisse“ muss weichen. Ob jemandem bei der Bank of England nur wenige Jahrzehnte nach der Einführung des Scheines die stille Ironie aufgefallen ist? Wohl eher nicht. Vermutlich wurde schlicht der Platz auf dem Fiver gebraucht. Platz für das Bulldoggen-Gesicht von Winston Churchill vor Big Ben samt Parlament, sowie vor der Nobelpreis-Medaille für Literatur, die er 1953 erhielt. Ab 2016 soll er die Briten von ihrem Portemonnaie aus msstrauisch beäugen beim Geldausgeben.

Churchill_5PfundIn den Hörfunk- und Fernsehnachrichten wurde dazu gern die berühmte Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede des Kriegs-Premiers eingeblendet, an die sich die älteren Briten immer noch feuchten Auges erinnern (auch wenn das, was sie damals zu hören bekommen haben, die nachgesprochene Version eines Schauspielers war). Bank-of-England-Chef Mervyn King schwärmte, Winston Churchill bleibe „ein Held der freien Welt. Seine Energie, Courage und Eloquenz, sein Witz und seine Verdienste um die Gemeinschaft bleiben eine Inspiration für uns alle.“

Es sind wohl eher diese literarischen Qualitäten und seine Verdienste um das Durchhaltevermögen der Briten in Kriegszeiten, die ihm diese Verewigung auf dem Geldschein eingebracht haben als seine Expertise auf dem Gebiet der Geldpolitik.   Ausgerechnet die Times fühlt sich genötigt, darauf hinzuweisen, dass man mit der Ehrung quasi den Bock zum Gärtner macht. War Winston doch derjenige, der 1925 als Schatzkanzler seiner Majetät die desaströse Entscheidung traf, zu einem viel zu hohen Kurs zum Goldstandard zurück zu kehren.

Der Effekt davon war ein zu hoch bewertetes Pfund Sterling, der wiederum nach allgemeiner Auffassung von Wirtschaftshistorikern der Grund war für den anschließenden Kollaps der Exportwirtschaft, explodierende Arbeitslosenzahlen, sowie den Generalstreik von 1926, der das gesamte Land lahm legte. Churchill selbst habe diese Entscheidung in der Rückschau als seinen größten politischen Fehler betrachtet, schließt der Times-Artikel.

Macht nichts. Der britische Nationalheilige wird künftig so grimmig vom Fünfer grüßen, wie man es von ihm gewohnt ist, und die stille Ironie dieser Ehrung wird – wie schon zuvor – den meisten verborgen bleiben.

Vielleicht ist es doch gar nicht so schlimm, dass auf den Euro-Scheinen nur schnöde Brücken abgebildet sind…

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