Wort der Woche: Epic

Borussen2Ganz nüchtern sind sie nicht mehr, die drei Fans, die schwarz-gelb betucht und fröhlich die Borussen-Fahne  schwenkend über den Leicester Square ziehen. Das Endspiel gegen die Bayern ist verloren, sicher, aber das bedrückt die Mittzwanziger nicht weiter. „Wir hatten eine grandiose Saison,“ gibt einer der dreien zufrieden zu Protokoll, als wir ihnen per Kamera zu Leibe rücken. „Hätten wir das Spiel heute auch noch gewonnen, hätte es episch werden können, aber auch so sind wir völlig zufrieden.“

Jetzt ist es also schon in Deutschland angekommen, dieses Wort, das sich hier auf der Insel epedemieartig ausbreitet: episch, oder vielmehr epic (sprich: äppick). Was hat es bloß damit auf sich? Außerhalb von Germanistenkreisen war es bis neulich erst komplett ungebräuchlich. Wenn jemand etwas „in epischer Breite“ berichtete, dann war das nicht unbedingt als Kompliment für den Erzähler gemeint. Und bei mir löst der Begriff eher eine albtraumfördernde Assoziationslawine aus: episch = Theater = Brecht = Deutsch-Abiklausur. Auf den subtilen Tipp unseres LK-Lehrers hatte ich mich intensiv mit dieser verkopften Sonderform dramatischer Inszenierung beschäftigt, mit dem V-Effekt in der Dreigroschenoper, mit marxistische Ideologie und Ideologiekritik. In der Klausur kam dann Goethe, Gedichtinterpretation.

MoneySupermarket-Helmet-bumpInzwischen ist das Wort überall zu lesen und zu hören: Mein Cutter schwärmt dieser Tage vom neuen Daft-Punk-Album als epic, Schulkinder beschreiben mit diesem Wort ihren Bank-Holiday-Ausflug nach Legoland. Wie war das letzte The National-Konzert? Epic! Ein Internet-Portal schaltet schon seit geraumer Zeit Fernsehspots mit dem Slogan „Dave got his car insurance with Money Supermarket – and now he feels epic!“ – und zeigt dazu einen Familienvater, der sich zu Fanfarenklängen und in Zeitlupe unter Astronauten auf dem Weg zum Space Shuttle mischt, und erst in der Raumstation merkt, dass er die Autoschlüssel mitgenommen hat, während Frau und Kinder unten warten.  Sogar zum Titel eines Kinofilms hat es dieses Adjektiv/Adverb/Attribut mittlerweile geschafft: Epic heißt ein Animationsfilm aus dem Hause Pixar, der dieser Tage im Kino zu sehen ist. Auch im deutschen Titel kommt das Wort vor: Epic -Verborgenes Königreich.

Epic-MovieEpik ist ursprünglich ja nicht mehr als ein Sammelbegriff für erzählende Literatur, und heißt ausschmückend beschreibend, vielleicht mit einer gewissen Ausführlichkeit und einem Hang zur Heroisierung. Was also, frage ich mich, hat die Karriere dieses Fachausdrucks in der Popkultur so dramatisch beschleunigt wie der Raketenmotor den kurzentschlossenen Astronauten-Vater? Reicht die übliche Sprachpalette nicht mehr aus von großartig, fantastisch bis fabelhaft respektive great, fantastic, marvellous? Oder – um mich mal in sozio-linguistischem Geschwurbel zu versuchen – ist es ein Ausdruck des postmodernen Narrativs, das einen jeden dazu anhält, allesallesalles festzuhalten, zu beschreiben, zu beschreien, sei er nun Astronaut, oder in der Finanzbuchhaltung der Typ, der die Ablage macht?

Handelt es sich also um jenen aktuellen Imperativ, nach dem jedes noch so belanglose Ereignis in die persönliche Timeline eingewoben werden muss, per Foto, Video und in Echtzeit, versteht sich? Die sprachliche Vertwitterung unseres Lebens, sozusagen? In Zeiten, in denen biographische Wasserstandsmeldungen á la „der erste Kaffee aus meinem neuen Nespresso-Automaten“ nicht nur in sozialen Netzen öffentlich angeschlagen, sondern auch noch gefeiert werden (deutsch: geliked), muss für die im Vergleich großen Geschichten (wie ein Fußball-Endspiel) offenbar ein neuer, frischer, kräftiger Ausdruck her: Episch/epic kommt da wie gerufen. Oder war nur mal wieder ein neues Wort fällig, und epic stand gerade so ungenutzt im Weg rum?

epic-stufOb der Begriff nun mal wieder aus angelsächsischen/amerikanischen Gefilden nach Deutschland geschwappt ist, oder es sich um eine Parallel-Entwicklung handelt, überlasse ich als heißes Forschungs-Desiderat den Etymologen. Angesichts der allgemeiner Vernetztheit könnte sich das zu einer langwierigen – ich möchte sagen: epischen – Henne-Ei-Suche verlieren. Lange jedenfalls wird es nicht dauern, bis auch die Bedeutung dieses Begriffs durch ausufernden Gebrauch abgeschmirgelt und profanisiert ist, so, wie es in den 50ern dem Jugend-Begriff stark (bzw. halbstark) erging, in 70ern cool, den 80ern geil, und um die Jahrtausendwende fett.

Betrachtet man die Adoption des Begriffes durch Werbung und Medien, dann ist das sogar schon längst passiert. Geht nur alles viel schneller als früher, siehe Internet und so. Aber macht nichts, morgen schon gibt einen neuen Begriff. Mein Vorschlag: Tofte, das schöne alte Lehnwort aus dem Jiddischen, das bis in die 80er im Ruhrpott gängig war. Das abzustauben, dürfte auch den Borussen-Jungs gefallen. Muss ich gleich mal auf Facebook posten…

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