Things to do (when in London) – Rund um den Bloomsbury Square

Senate-House1„Viele Leute meinen, es sieht totalitaristisch aus. Stimmt. Ich liebe es.“ Unser Tour-Führer grinst breit, der Lacher gehört ihm. Wir stehen vor dem Senate Building der University of London, in den Dreißiger Jahren von einem  Architekten entworfen, der auch für  eine ganze Reihe der Londoner Tube-Stationen verantwortlich zeichnet (sozusagen), wie die in Wimbeldon. George Orwells Frau hat jahrelang in diesem Turm für das Informations-Ministerium arbeiten müssen, und es so gehasst, dass Orwell ihn als Vorbild genommen hat für sein Ministry of Truth in seinem Roman 1984. Stimmiger Weise fanden die Nazis ihn wiederum so schick, dass sie sich den Bau schon als Hauptquartier für die Zeit nach der Einnahme Londons ausgeguckt hatten. Wenig überraschend, dass er auch als Kulisse für diverse Batman-Filme diente.

Man kann sagen, was man will, aber eine Geschichte hat das Gebäude. So, wie das ganze Viertel um den Bloomsbury Square, Tour-Guidegleich nördlich des British Museums, wohin sich aber der normale Wochenendtourist wohl selten verirrt. Begonnnen haben wir unsere Führung am Bedford Square, als Teil des jährlich stattfindenden Open Garden Squares Weekend, einer Art Tag der offenen Tür für die öffentlichen und weniger öffentlichen Parkanlagen Londons, und davon gibt es hier einige.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele dieser gut gepflegten Anlagen existieren, und zwar zu dem einzigen Zweck, dem vom Lärm der Straße geplagten Großstädter kleine Inseln der Zuflucht zu bieten, und sei es nur für die Zeit des Verzehrs eines labbrigen Sandwichs von M&S samt zugehöriger Minitüte Crisps. Bedford_Square1Gepriesen sei die Weitsicht der Londoner Stadtväter, die über Generationen der Versuchung widerstanden haben, diese kleinen Refugien in einer der teuersten Wohngegenden der Welt meistbietend zu versteigern zwecks Aufbesserung des klammen Gemeindesäckels. Und das in einer Stadt, in der sich alles ums Geld dreht. „It’s all about the money“, wie ein hier ansässiges Popsternchen richtigerweise singt (dessen Name mir völlig zu recht entfallen ist). Meine heimliche Vermutung lautet, dass diese äußerst weise Zurückhaltung der Kommunalverantwortlichen der Grund dafür ist, dass Ausschreitungen bei Demonstrationen hier so selten sind – anders als in anderen Teilen der Welt, wo der Protest gegen das Verscherbeln der letzten städtischen Parks sich zu einem Sturm gegen die Landesregierung auswächst.

Bedford_Square2So wandern wir an diesem Morgen von einem städtischen Park-Platz zum nächsten, alle nur wenige Meter voneinander entfernt. Die einzelnen Anlagen sind entweder selbst Teil der Londoner Geschichte, oder bieten willkommenen Anlass für Geschichten über die Geschichte der umgebenden Gebäude und deren Bewohner. Und wie könnte es anders sein: Natürlich bleiben vor allem die kleinen Anekdoten und Amouröllchen im Gedächtnis kleben, während die großen Zusammenhänge schnellstmöglich den nächstgelegenen Notausgang aus dem Gehirnwindungen suchen. Sei’s drum.

Die Führung beginnt am Bedford Square, wenige Meter von der unteren Tottenham Court Road entfernt. Dort lernen wir, wer das grüne Viereck angelegt hat und auch, warum, und was dann damit geschah, so dass heute unter Platanen Familien auf dem Rasen picknicken und Paare sich sonnen können. Alles wichtig, alles schön.

Haustür2Behalten habe ich stattdessen die Geschichte von den Hausnummern. Die gab es nämlich bis ins 20. Jahrhundert nicht, was in einer Reihe von bürgerlichen Stadthäusern, die alle nahezu identisch aussehen, Probleme aufwirft – für geladene Gäste oder den Klempner oder die überfällige Zalando-Lieferung. Die Lösung: Die halb runden Fenster über der Haustür. Jedes einzelne ist etwas anders gestaltet als das benachbarte (etwas anders, nicht völlig anders, das wäre zu einfach). Haustür1Wenn also eine Party anstand, verschickte die Dame des Hauses mit der Einladung eine Zeichnungen dieses Fensters. Abends stellte das Hauspersonal dann von innen Kerzen hinein, auf dass die Gäste, die mit der Illustration in der Hand an den Häusern entlang irrten, möglichst vor dem Dessert den richtigen Eingang finden mögen. Ob der Postbote damals mit Sammlungen von Haustür-Bogen-Illustrationen in Telefonbuchstärke unterwegs war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Auch die Frage ist mir im Gedächtnis geblieben nach dem Verantwortlichen dafür, dass alle alle alle schmiedeeisernen Tore an öffentlichen Parks und Gebäuden in England schwarz gestrichen sind. Victoria war’s! TorNachdem ihr viel geliebter Mann Albert sie und ihre neun Kinder durch frühes Ableben sitzen ließ, soll sie eine entsprechende Ordre gegeben haben, wohl damit der eiserne Zierrat zu ihrer Trauermode passt. Das erstaunliche dabei ist freilich, dass die Briten sich nicht nur dem Wunsch ihres Oberhauptes beugten, sondern diese Übung willig als Tradition übernahmen, und bis heute alles Metall schwarz anpinseln, was die Öffentlichkeit zu sehen bekommt, Dachrinnen und Fallrohre inklusive.

Gandhi1Aber zurück zu Londons Park-Plätzen. Bloomsbury Square stellt das Grün für eine besonders illustre Reihe von Anwohnern, namentlich Mahatma Gandhi, der in Bronze gegossen in der Mitte der Anlage unermüdlich meditiert, sowie die Mitglieder der sogenannten Bloomsbury Group, zu der die Literatin Virginia Wolf ebenso zählte wie der Ökonom John (Deficit Spending) Maynard Keynes.

Bloomsbury-GroupDieser lockere Zusammenschluss von Intellektuellen, Schriftstellern, Wissenschaftlern  und Künstlern traf sich hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts in wechselnder Besetzung zu abendlichen Gesprächskreisen und Partys, und diskutierte im Schatten der University of London sehr offen über dieses und jenes. Dabei übertrug sich die intellektuelle Freiheit des Diskurses durchaus auf die persönlichen Beziehungen der Gruppenmitglieder, und es kam, neben dem intellektuellen, zu einem munteren Austausch partnerschaftlicher Beziehungen zwischen zwei, drei oder auch mehr Teilnehmern. Wer da wann mit wem und wie lang – das war wohl damals auch den Beteiligten selbst nicht immer ganz klar, und variierte offenbar je nach Tageszeit und Wetterlage. Virginia_WoolfHeute noch ist diese Frage Forschungs-Gegenstand von Dissertationen und bietet reichlich Stoff für Hollywoodverfilmungen wie The Hours mit Maryl Streep und Nicole Kidman. Die wilde Kommune 1, gegründet 60 Jahre später, erscheint da wie ein gesittetes, gutbürgerliches Kaffeekränzchen. Hier dagegen hat es ordentlich gerappelt in der Beziehungskiste. Unser Tour-Guide drückt es etwas feiner aus, indem er das  Bonmot der neidischen Nachgeborenen zitiert: „They liked to live on Squares, to move in Circles – and to love in Triangles.“

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