Reinhören: Vickelchen wird Königin

4993008091_63a738e318Ihre Stimme wird gehütet wie ein Staatsschatz: Die beiden Schlüssel, eingeschweißt  in nummerierten Plastikumschlägen, werden nur gegen Unterschrift ausgehändigt. Dann geht es durch eine Sicherheitsschleuse in eins der vielen Untergeschosse des Science Museums, geführt von einem Security-Mitarbeiter. Der schließt erst eine 40 Zentimeter dicke Panzertür auf, dann einen Aktenschrank. John Liffen streift weiße Handschuhe über, kramt ein wenig in den Plastikbehältern, und hebt schließlich eine schwarz beschichtete Papp-Walze ins kalte Neonlicht von der Größe einer Klopapierrolle. Darauf soll sie sein, die königliche Stimme.

Ein Nachfahre von Samuel Morse habe sie in den 20er Jahren dem Museum vermacht, erklärt mir der Kurator für Tontechnik des Museums. Dass es sich wirklich um die Stimme Victorias handelt ist nicht letztgültig zu klären, aber die Wahrscheinlichkeit spricht wohl dafür, denn es gibt Aussagen von Victorias Privatsekretär über das Ereignis. Die Aufnahme entstand wohl nicht beabsichtigt, sagt John Liffen: „Sie hatte sich von Graham Alexander Bell bereits das Telefon vorführen lassen und wünschte auch eine Demonstration dieses Stimm-Rekorders. wenn man so etwas macht, dann zeigt man sowohl die Wiedergabe als auch die Aufzeichnung. Das Gerät stand wohl auf Aufnahme, und fing eher zufällig ihre Stimme ein.“

Queen_Victoria_1887Viel zu hören ist nicht, nur viel Rauschen und ein paar Wortfetzen. Wer sich versuchen möchte, kann sich die wenigen Sekunden auf der Seite des Science-Museums anhören. Das erstaunliche an der Geschichte ist eher, dass sich die Königin überhaupt für solche Dinge interessierte. Denn das allgemeine Bild, das bis heute von ihr vorherrscht, ist eher das der „Witwe von Windsor“, der griesgrämigen, verkniffenen alten Schachtel auf dem Thron, die der verklemmten Viktorianischen Gesellschaft ihren Namen gab, und auch sonst für Rückwärtsgewandheit und muffigen Konservatismus steht.

Interessanterweise war es gerade moderne Technik, die dieses Bild bei den Nachgeborenen zementiert hat, erklärt die Historikerin und Biografin Kate Williams, die ich vor Bukingham Palace treffe:

„Wenn man britische Schulkinder fragt, wie sie sich Victoria vorstellen, dann lauten die Antworten gewöhnlich: fett, hässlich, deprimiert und schwarz gekleidet. So stellen wir sie uns vor, das ist die Karikatur – und das liegt vor allem daran, dass Fotografie währen Victorias Amtszeit aufkam. Wir haben diese Fotos von ihr und Fotos sind so viel mächtiger als Gemälde. Die ersten Fotografien von ihr in ihrer späteren Amtszeit, als sie düsterer schaut, in Schwarz gekleidet und schon älter ist. Das aber war die Zeit, in der bessere Damen kein Make-Up trugen für Fotos und keinesfalls lächeln durften. Deswegen sehe sie viel strenger aus. Aber unter dieser Oberfläche, unter diesem deprimierten Blick war sie spannend, lebhaft und sehr, sehr zielstrebig.“

Victoria_in_her_Coronation

(c) Wikipedia

Um das zu verstehen hilft es, sich daran zu erinnern, dass Victoria nicht als Witwe zu ihrem königlichen Posten kam, sondern als junge Frau. Heute vor 175 bestieg sie den englischen Thron und blieb 63 Jahre lang dort sitzen (im übertragenen Sinn). Da muss die jetzige Queen noch zwei Jahre lang stempeln, damit sie an dieses Dienstalter heran kommt.

Nachdem sie erfahren hat, dass ihr Onkel William IV. gestorben ist, und sie nun Königin von Großbritannien, notiert die 18-Jährige: „Da mich die Vorsehung in diese Situation gesetzt hat, werde ich alles mir mögliche tun, meine Pflicht (…) zu leisten; Ich bin sehr jung und vielleicht in vielen (…) Dingen unerfahren, aber ich bin sicher, dass es wenige gibt mit größerem, wirklich guten Willen als ich, und dem Wunsch zu tun, was angemessen und richtig ist.“

Mit dieser Einstellung hebt sie sich wohltuend von ihren Vorgängern ab. An ihrer bis dato regierenden deutschen Verwandtschaft aus dem Hause Hannover konnte die junge Monarchin ausgiebig studieren, wie man es sich am besten mit dem Volk verscherzt.

Nach „Mad George“, der Amerika verloren hatte und dem Wahnsinn verfallen war, nach seinem moralisch verlotterten Sohn George IV. mit all seinen Mätressen und illegitimen Kindern, und nach dem vulgären William IV., der sich für nichts interessierte – nach all dem sehnt sich England nach einem Herrscher, der für das Volk da ist.

Grant,_Portrait_of_Queen_Victoria„Eine Frau auf dem Thron einer so großen Nation – wie lächerlich!“ schnaubt zwar ihr Cousin Prinz George. Doch nur wenige haben etwas dagegen, dass nach der Riege von Säufern, Völlern und Hurenböcken eine junge Frau den Job macht, erklärt Historikerin Williams: „Als Victoria den Thron bestieg, wurde sie zum Symbol für ein neues Zeitalter. Die Menschen dachten, dass sie das alte 18. Jahrhundert hinter sich ließen, die Zeit der Zügellosigkeit, der Exzesse, des Egoismus, und sie wandten sich Victoria zu, die nach vorn schaute, europäisch dachte und fortschrittlich in ihren politischen Ansichten. Sie war unglaublich beliebt. Die meisten vergaßen, dass sie so jung war und sie dachten: Sie ist nicht unerfahren, sie ist unverdorben.“

Dafür nimmt man sogar den Namen in Kauf: Victoria. So unenglisch! Ihre Mutter ruft sie als Kind Vickelchen. Bereits Jahre vor ihrer Krönung wurde eine Umbenennung erwogen für die deutsche Prinzessin aus dem Hause Hannover. Hätte es geklappt, würden wir heute vom Charlottinischen oder zweiten Elisabethanischen Zeitalter sprechen. Doch als ihre Krönung ansteht, ist davon nicht mehr die Rede, und Victoria wird binnen kürzester Zeit zum beliebtesten Mädchennamen des Königreiches.

Die junge Königin ist so, wie sich die viktorianische Gesellschaft selbst gern sieht. Und genauso inszeniert sie sich: als tugendhaftes Staatsoberhaupt. Das beginnt schon mit Victorias Hochzeit. Sie heiratet ganz in Weiß, was bis dahin völlig unüblich ist – doch von da an der Traum aller jungen Frauen. Albert von Sachsen-Coburg, der deutsche Cousin der deutschstämmigen Königin, ist schon länger für Victoria ausersehen. Sie schwärmt von seiner Stattlichkeit und seinem schicken Backenbart, aber trotz des Liebesgesäusels: Für Victoria ist ganz klar, welche Rolle der Mann an ihrer Seite einzunehmen hat, schmunzelt Kate Williams:

Prince_Albert-1842

(c) Wikipedia

„Albert erwartete, dass er viel Macht bekommen würde, er war darauf vorbereitet, dass sie zusammen als Monarchen regieren, aber Victoria dachte nicht daran: sie war die Königin und er der Prinzgemahl, und unter keinen Umständen würde er an ihrer Macht teilhaben.“

Victoria duldet keine Deutschen am Hof, sie gibt ihm keinen Titel, er bekommt keinen Sitz im House of Lords. Harte Zeiten für den Bräutigam in einer Gesellschaft, in der jede Frau eine Meinung haben darf – die ihres Mannes. Nicht so bei Königs: „Victoria wollte, dass er nur ihre Hand tätschelt und sagt: Well done, dear. Wie die Frau eines Königs.“

So muss sich Albert mit dem Damenprogramm abfinden. Diese emanzipierte Haltung gilt natürlich nur für die Königin, nicht für die normale einfache Frau. Und so ist das offizielle Bild auch ein ganz anderes: In der National Portrait-Gallery findet sich eine Statue der beiden. Albert in Heldenpose, angeschmachtet von einer verliebten Victoria. Genau so liebt es die Viktorianische Gesellschaft, und genau das ist es, was Victoria ihr gibt.

Vor allem die aufstrebende Mittelklasse eifert dem Königspaar nach. Als die beiden mit Weihnachtsbaum abgebildet wird, muss plötzlich das gesamte Land einen Weihnachtsbaum haben: „Es war Victorias Idee, dass nicht nur der Monarch wichtig war für das Image, sondern auch die Familie um sie herum. Diese Vorstellung von der perfekten Königlichen Familie – die Firma, wie es heute heißt – das war Victorias geniale Propaganda-Erfindung, und das begeisterte die viktorianische Gesellschaft maßlos.“

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Gustave Doré: Over London by Rail
(c) Wikipedia

Victorias Beliebtheit liegt auch daran, dass sich die Königin volksnah gibt, und durch das Land reist. Was sie dabei zu sehen bekommt, ist allerdings nicht immer nur angenehm. Schon als Mädchen hatte Victoria mitbekommen, dass es nicht allen ihrer künftigen Untertanen gut ging. Mit 13 schreibt sie von ihren Eindrücken auf einer Fahrt nach Wales:

„Männer, Frauen, Kinder, Land und Häuser sind alle ganz schwarz… überall rauchende und brennende Kohlehalden, dazwischen erbärmliche Hütten und Karren und kleine zerlumpte Kinder!“

Victoria hatte auch Charles Dickens gelesen, der das Elend der Arbeiterklasse beschrieben hatte. Vor allem Oliver Twist hatte sie beeindruckt. Doch im Umgang mit der himmelschreienden Armut bleibt sie ein Kind der Zeit, deren Namensgeber sie ist: Almosen für die Armen, die sich ihr Elend vor allem selbst zuzuschreiben haben.

„Victoria dachte sehr traditionell, was die Wirtschaft betraf,“ sagt Historikerin Williams. „Sie glaubte, wenn wir das Land reicher machen, dann wird die Arbeiterklasse reicher.“ Deshalb habe sie technische Entwicklung und Expansion gefördert. Die Menschen, die sie auszeichnete, waren Geschäftsleute, Erfinder, Leute, die die britische Wirtschaft nach vorn brachten. „Sie glaubte, dass das schließlich nach unten sickern und den Armen helfen würde.“

IMG_0326Moralischer Konservatismus und ungetrübtes Fortschrittsdenken gehören zusammen in der viktorianischen Gesellschaft: Eisenbahn, Dampfschiffe, Stahlproduktion, Elektrizität, Telegrafie und Fotografie. Victoria ist die erste Monarchin der Geschichte, die öfter fotografiert als gemalt wird. Sie selbst sei ein „early adopter“ gewesen, sagt ihre Biografin, also einer jener Menschen, die alle neuesten technischen Geräte und Gimmicks sofort haben und ausprobieren müssen. „Sie liebte Technik, Erfindungen und Erfinder.“

Victoria unterstützt ebenso vorbehaltlos die Wissenschaften, auch wenn die Ergebnisse nicht immer nach ihrem religiös konservativen Geschmack sind. So, wie die Lehren von Karl Marx, Sigmund Freud, oder Charles Darwin, die alle in London leben. Vor allem Darwins Ideen verstören sie sehr. Aber sie hält wenig davon, in intellektuelle Debatten oder bei der Forschung einzugreifen. Denn bei früheren Monarchen hat sie beobachten können, dass Zensur nicht funktioniert und dass die Menschen stets rebellieren. Sie ist zu clever, um diesen Fehler zu wiederholen.

So balanciert Victoria durch die sechs Jahrzehnte ihrer Amtszeit, bietet dem Volk Halt in unruhigen Zeiten, ohne die unglaubliche Dynamik zu verkennen des stetig wachsenden Königreichs, in dem schließlich nie die Sonne untergeht. 1901, in ihrem Todesjahr, steht das British Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Das Zeitzeichen 28. Juni 1838 – Krönung Victorias zur Königin von England ist heute zu hören auf WDR 3, WDR 5, NDR-Info und SR 2, die Kurzfassung auf WDR 2.

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