Bücher über London: Bill Bryson – Reif für die Insel

bill_bryson_notes_from_a_small_islandWie heißt diese Rubrik? Bücher über… genau: London ist nicht England und England ist nicht London, schon klar. Bill Brysons Bestseller aus dem Jahr 1993 spielt nur kurz in der Hauptstadt, um sich dann dem Streifzug durch die Grafschaften und Küstenstreifen zu widmen, durch die Industriestädte und Naturwanderwege, die architektonischen Großtaten und Scheußlichkeiten,  die diese Insel zu dem machen, was man das Vereinigte Königreich zu nennen pflegt.

Aber allein die beiden kurzen Kapitel, die Bryson der Hauptstadt widmet, stecken voll kleiner Beobachtungen und großer Wahrheiten, aus denen andere Autoren eine ganze London-Reihe machen würden. Das beginnt mit der Erkenntnis, dass, gleich, wie lange man hier lebt, immer wieder neue, nie gehörte Namen von Stadtvierteln und Straßen auftauchen; kommt zu der Einsicht, dass Londoner Taxifahrer – bei all ihren zu rühmenden Qualitäten – allesamt nicht in der Lage sind, mehr als 200 Meter geradeaus zu fahren; und gipfelt im Lobgesang auf den Londoner U-Bahnplan mit seiner eigenwilligen, von aller oberirdischen Geografie losgelösten Schönheit. Zur Illustration empfiehlt Bryson einen kleinen, boshaften Zeitvertreib, geeignet für Besucher aus, sagen wir, Neufundland oder Lincolnshire:

Man gebe ihnen den Auftrag, von der Tube-Station Bank nach Mansion House zu gelangen. Der Tube-Map folgend werden sie die Central Line bis Liverpool Street nehmen, dort in die Circle Line umsteigen, und nach fünf Stationen in Mansion House ankommen.  Wenn sie dort ans Tageslicht steigen, werden sie feststellen, dass sie sich auf der gleichen Straße befinden wie die Abfahrtsstation, nur 60 Meter weiter. Man selbst hat in der Zwischenzeit Gelegenheit gehabt, ein ausgiebiges Frühstück zu sich zu nehmen und den Wochenend-Einkauf zu erledigen.

Auch das Kapitel über seine Zeit bei der Londoner Times ist höchst unterhaltsam, als es in den Redaktionsstuben noch angemessen gemächlich zuging, Gin des Redakteurs bester Freund war, und man sich die übersichtlich bemessene Arbeitszeit mit der Frage vertrieb, was all die anderen Leute im Büro eigentlich so machen den ganzen Tag. Kein Wunder, dass es zu kaum für möglich gehaltenen Verwerfungen führte, als der ebenso kurzbeinige wie sonnen-gegerbte Australier Rupert Murdoch das Traditionsblatt übernahm.

Von London aus führt Brysons Trip durch das gesamte Königreich, kurz nur mit dem Auto, ansonsten per Bahn (ein Abenteuer für sich) und per pedes, ausgerüstet mit Rucksack (ich stolpere immer noch über dieses deutsche Wort im englischen Sprachschatz: Racksäck) und einer OS Map. OS steht dabei nicht für Operating System und auch nicht für On Screen, sondern für Ordnance Survey. Es handelt sich also um eine Landvermessungskarte, die in aller Regel im Maßstab 1:25000 geliefert werden, was bedeutet, dass sich jeder Maulwurfshügel und jeder Schrebergarten darauf verzeichnet findet.

Brysons Reisereport ist nicht ganz so kleinteilig wie sein Kartenmaterial, seinen Skizzenbleistift aber hat er gut gespitzt. Und so genügen dem Amerikaner meist wenige präzise Striche, um Engländer, Waliser und Schotten samt ihrer Behausungen, Eigenheiten und Schnurren zu porträtieren.

English: Bill Bryson in 2005. Bill Bryson Amer...

Bill Bryson
(c) Wikipedia

Dass Bill Bryson ein scharfer Beobachter ist, weiß man spätestens seit diesem Buch. Berühmt geworden durch Reisereportagen wie Streiflichter aus Amerika gibt es von ihm inzwischen Abhandlungen über Shakespeare im Besonderen ebenso wie die Englische Sprache im Allgemeinen (Mother Tongue), die Geschichte des Wohnens (At Home) oder gleich das ganze Universum (Eine kurze Geschichte von fast allem)  – sämtliche gleichermaßen lesenswert wie unterhaltsam.

Dass der Wahl-Engländer aber auch seherische Fähigkeiten hat, ist mir erst bei der Lektüre von Notes from a small Island klar geworden. So lässt er sich in Kapitel 12 über Oxford aus, das hier stellvertretend für die typisch englische Bildungs-Besessenheit steht. Nachdem er der 800-jährigen Tradition der Universität seinen tiefsten Respekt bezeugt hat, stellt er die Frage, ob diese Besessenheit nicht ein wenig deplatziert sei im modernen England mit seinen drei Millionen Arbeitslosen. Zu Illustration berichtet er von der Meldung in den Abendnachrichten, in denen ein Sprecher freudig verkündet, dass der Konzern Samsung  800 Arbeitsplätze in England schafft:

„It seems to me – and I offer this observation in a spirit of friendship – that when a nation’s industrial prowess has plunged so low that it is reliant on Korean firms for its future economic security , then perhaps it is time to readress one’s educational priorities and maybe give a little thought to what’s going to put some food on the table in about 2010.“

Eine schöne Analyse, die man in dieser oder ähnlicher Form in den hiesigen Gazetten lesen kann. Nur, das Buch ist eben von 1993!

Ehrendoktor und Universitätskanzler war er schon. Die Forderung kann deshalb nur lauten: Bill Bryson for Govenor of the Bank of England!

Bill Bryson: Notes from a small Island, Black Swan Books 1993, deutsch: Reif für die Insel

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