Feindbild, Feindbild, Du musst wandern…

its-warWie die Zeiten sich doch ändern: Jahrzehntelang war die Warnung vor deutschem Revanchismus und wieder erstarkender Hegemonie in Europa die Domäne der britischen Konservativen, sowie der versammelten rechten Schreipresse, von Sun und Daily Mail, bis zum halbwegs seriösen Daily Telegraph. Klassischer Weise natürlich, wenn mal wieder ein Länderspiel anstand. Hierzu wurde verlässlich das über Jahrzehnte erprobte Wortarsenal von The Huns, German Panzer und Blitz aus dem Stehsatz gekramt, und dabei gern auch mal wieder der Krieg ausgerufen.

Doch es scheint sich was zu tun: Als im Mai das Champions-League-Finale in London von zwei deutschen Mannschaften bestritten wurde, verzichteten die Wadenbeißer vom Boulevard ganz ungewohnt auf die übliche Kriegs-Rhetorik und fragten ernsthaft, was die Deutschen Balltreter da wohl richtig machten, und was man von ihnen lernen könne. Etwas, womit sich auch die Wirtschaftsseiten der ernsthafteren Druckerzeugnisse seit geraumer Zeit auseinander setzen.

In der Politik waren die Linien lange Zeit klar: Margaret Thatcher hatte bekanntermaßen keinen Spaß an der Frage der Wiedervereinigung Anfang der 90er und traute Helmut Kohl nur so weit, wie sie ihn werfen konnte (was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte, wie der damalige Außenminister Douglas Hurd mir kürzlich in einem Interview schmunzelnd erzählte: „Ihre persönliche Freundschaft bestand eher in gegenseitigem Respekt – und aus Entfernung. Die beiden waren besser nicht zusammen in einem Raum, sonst musste anschließend einer von uns anderen dafür sorgen, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien nicht noch schlechter wurden.“)

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Sunday Times Artikel zur Deutschen Hegemonie vom Frühsommer 2012

Noch vergangenes Jahr überbot sich der britische Blätterwald mit ängstlichen Prognosen darüber, was die deutsche Dominanz in der Eurokrise und die voraussichtliche Hegemonie des German Powerhouse in Europe wohl  bedeuten werde.

Vergangenes Wochenende aber erschien ein Artikel im erzkonservativen, im zweifel national-chauvinistischen, Daily Telegraph, verfasst von unserem Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der von vielen immer noch als Polit-Clown Möllemann’scher Prägung unterschätzt, von anderen als Nachfolger von Premier Cameron gehandelt wird. Wie auch immer, jedenfalls ist er bislang nicht eben als Deutschlandfreund aufgefallen. Doch nun verfasste er unter der Überschrift Forget about trying to contain Germany – we should copy it eine – man kann es nicht anders sagen – überschäumende Liebeserklärung an Deutschland im Allgemeinen und Berlin im Speziellen.

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Boris Johnson (c) Wikipedia

Mit der ganzen Familie war Johnson für ein Wochenende per Billig-Bagger in die deutsche Hauptstadt gejettet, und zeigt sich nun ebenso erstaunt wie erfreut darüber, die Eingeborenen ebendort nicht samt und sonders preußische Pickelhauben* tragen, und an nichts anderes denken als an Revanche für die kurze Leine, an die sie von den Alliierten Jahrzehntelang gelegt worden waren:

I look around modern Berlin, and I don’t see Prussian revanchism. I see not the slightest sign of German militarism; I haven’t noticed anyone clicking their heels or restraining their arms from performing a Strangelovian fascist salute.

Surprise, surprise! Die Berliner seien entspannt, die Portionen in den Restaurants von germanischer Größe und „reasonably priced“,  und das Fahrrad das bevorzugte Transportmittel (das beeindruckt Johnson offenbar nachhaltig – vielleicht deshalb, weil  per Fahrrad eine Invasion Großbritanniens nur schlecht machbar ist, vor allem aber wohl, weil er seinen Londonern seit Jahren dieses motorlose Fortbewegungsmittel nahezubringen versucht).

Berlin-Fan Boris kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: Die Straßen sind bevölkert von jungen, hippen Tatooträger, die alle Startup-Unternehmen gründen, und die Badeseen von freizügigen, gut gelaunten Menschen. Nach den Recherchen des vormaligen Journalisten stellt das derzeit größte Problem der politisch korrekten Berliner die unterschiedlich hohe Bestrafung dar für Paare, die sich im Buschwerk der städtischen Parks der rhythmischen Sportgymnastik widmen: Arbeiter und Angestellte zahlen demnach 150 Euro, wenn sie inflgranti erwischt werden, während Arbeitslose mit 35 Euro davon kommen.

Nach diesem persönlich wie politisch lehrreichen Wochenende kommt Johnson zu dem Schluss, dass das konservative Misstrauen gegenüber den Deutschen, das ihm sein Großvater eingebläut hatte („they did it twice and will do it again“) und auch das Denken seines Vaters bestimmte:

You look at Berliners today, and you ask yourself what the fuss was about, 24 years ago. There were people like my grandfather, and Margaret Thatcher, who were instinctively hostile to German unification — because they remembered what Berlin had done in two world wars. Then there were the euro-federalists, who argued that Germany needed to be “locked in” to Europe. We needed a single currency to “contain” Germany, they claimed, to “tie them in” — as though the Germans were loose cannon rolling about the European quarterdeck, about to crush innocent little Slavic nations. What a load of bunk that turned out to be.

Anstatt die Deutschen einzudämmen, so Johnsons Fazit, sollten die Briten lieber zusehen, was sie von Deutschland kopieren könnten.

Nun ist es leicht, über die rührende Naivität zu spotten, mit der Bürgermeister Boris von seinem offenbar ersten ausführlichen Deutschlandtrip berichtet. Man darf aber ebenso annehmen, dass das Londoner Stadtoberhaupt damit nicht allzuweit von der Weltwahrnehmung seiner konservativen Klientel entfernt liegt – reist der Engländer tendenziell doch eher ungern zu den Menschen auf diesem fremden europäischen Kontinent, mit denen er ja von Schicksal auch nur irgendwie zufällig in die gleiche Gegend der Erdkugel geworfen wurde. Die Beliebtheit von Deutschland als Urlaubsland liegt etwa gleichauf mit einem Trip nach Nordkorea. Und die Berichterstattung der hiesigen Medien über Deutschland abseits von EU-Krise und eben Fußball liegt unwesentlich oberhalb Null. Insofern ist der Sympathieausbruch eines Boris Johnson bemerkenswert.

Teufel_MerkelDas bewährte Feindbild Deutschland hat sich aber deshalb nicht in Luft aufgelöst. Es ist lediglich gewandert, aus der konservativen in die liberale Ecke. Nebenstehendes Plakat entdeckte ich vor Wochenfrist in der Tube. Weiß auf Schwarz stand da zu lesen, dass Deutschland ganz Europa versenke, illustriert mit Mutti Merkel – offenbar direkt dem Schlund der Hölle entstiegen – als spöttisch lächelndem Racheengel, zu ihren Füßen die geschundenen Kreaturen Europas, vermutlich die Regierungschefs der Süd-Länder. Wer die deutsche Politik verfolgt, weiß, dass Frau Merkel in etwa so diabolisch ist wie ein Wurf Hundewelpen. Aber was nicht passt, wird passend gemacht.

merkel-terminatorSo musste man sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnen, dass die deutsche Regierungschefin mal mit Hitler-Bärtchen (u.a. im polnischen Magazin Czas!) und Hakenkreuz-Armbinde dargestellt wurde (in diversen griechischen Publikationen), als Germanische Wallküre (Sunday Times) oder auch als Terminator (New Statesman). Über den jeweiligen Grad der Geschmacklosigkeit lässt sich sicherlich streiten. In dieser speziellen Form des antideutschen Ressentiments trafen sich jedenfalls bis dato in seltener Einmütigkeit die besonders Rechten mit den besonders Linken. Nachdem diese Kritik am rechten Rand zu bröckeln scheint, reiht sich nun der libertäre Economist in diese paneuropäische Phalanx der Feindbild-Pflege.

Alas! möchte man da seufzen, You never win.  Aber nicht aufregen! Was gab uns der große Ethiker und Nationalphilosoph Karl Valentin mit auf den Weg: am besten gar nicht beachten, nicht mal ignorieren. Nun denn…

*Pickelhauben: Interessanterweise sind die einzigen Soldaten auf dieser Welt, die noch Pickelhauben tragen, britische Ehrenbataillone, so zum Beispiel die Kavallerie-Offiziere, die vor der königlichen Horse Guard Parade in Whitehall Wache schieben und sich mitsamt Pferd von täglich tausenden Touristen fotografieren lassen müssen.

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