Londoner Mythen

research-studies_000„Oje, er hat wieder recherchiert…“ seufzte einst mein Redaktionsleiter, als ich in einem verregneten Juli eine Geschichte über den Super-Sommer des vorherigen Jahres machen sollte. Der war aber gar nicht super, sondern ebenfalls ziemlich verregnet, wie sich beim schnellen Blick ins Archiv herausstellte.

Recherche ist der natürliche Feind einer jeden guten Geschichte.

Jedem Vertreter der schreibenden und sendenden Zunft schießt das Journalisten-Bonmot durch den Kopf, wenn er mal wieder pflichtschuldigst eine der saftigen Storys aus der Zeitung mit den großen Buchstaben „tot-recherchiert“ hat, wie das im Jargon heißt. Das ist dann ärgerlich. Doch werfe derjenige Kollege den ersten Stein, der nie selbst in die Versuchung geriet, Hintergründe nicht ganz so gründlich zu durchleuchten, weil die Story einfach zu schön ist. Zu viel Nachfragerei legt nur hässliche Brüche und Widersprüche offen, die wiederum ausufernde Erklärungen und Fußnoten nötig machen. Recherche schreit nach mehr Recherche, macht den Beitrag länger als mit der Redaktion vereinbart, und vor allem: versaut die Pointe.

Für Menschen, die der Versuchung des Öfteren erliegen, steht dem Engländer die schöne Fromulierung zu Gebote „He never lets the truth get in the way of a good story“.

Diese Mischung aus Nachlässigkeit und Erzähldrang hat unter anderem zur Folge, dass die unzähligen Geschichten, Mythen und Legenden, die im urbanen Soziotop herum schwirren, ohne eingehende Prüfung weitergetragen werden, ihren Weg über Druckwerke, Wikipedia, oder am Ende sogar London-Blogs in das so genannte Kollektivgedächtnis finden, und sich dort als unverrückbare Wahrheit festsetzen.

IMG_1890Dass man zum Beispiel nicht alles glauben darf, was Stadtführer erzählen – lebende wie gedruckte – müsste jedem nach kurzer Denkpause klar sein. Müsste. Doch vor allem das geschriebene Wort macht anfällig für die Annahme, dass vor Drucklegung alle darin aufgestellten Behauptungen mehrfach überprüft wurden und damit quasi amtlich sind. Sind sie nicht. Kein bißchen.

So habe ich es in diesem Blog bereits angemerkt, und erwähne es hier wieder, dass der Police-Post am Eingang zum Postman Park in der City keineswegs der letzte seiner Art ist, wie das Buch Secret London stolz behauptet, sondern sich eine ganze Reihe seiner Art über ganz London verteilen, wie ich nach knallharter Recherche herausfinden konnte, so an der Tube-Haltestelle Earl’s Court, am Grosvenor Square und an der Bahnstation Liverpool Street. Das ist natürlich ein Ding!

Aber wie sich herausstellt, bedienen die Autoren mit ihrer falschen Behauptung – gewollt oder ungewollt – einen Grundreflex bei Buchhaltertypen wie mir (die vermutlich einen großen Teil der Leserschaft ausmachen): Die anfängliche Empörung über die schlampige Recherche hat sich in eine Mischung aus Freude an Klugscheißerei und Schnitzeljagd verwandelt: Immer, wenn ich mal wieder einen der blauen Kameraden entdecke, ertönt in meinem inneren Ohr das Triumphgeheul stadtkennerischer Überlegenheit. Ist für nichts gut, fühlt sich aber gut an. Das heißt nicht, dass solche Fehler dem Schreiber dieser Zeilen noch nie unterlaufen wären, siehe unten.

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Der (fast) letzte seiner Art: Police Post in der City

Nun hat, um mal endlich zum Anlass dieses Artikels zu kommen, das hiesige Fachblatt für alles Wichtige in der Welt (also alles, was mit London zu tun hat, was hier auf’s selbe rauskommt), das Timeout Magazin, kürzlich eine Top-Ten-Liste der Londoner Mythen veröffentlicht, samt ihrer faktengetränkten Entzauberung. Und ich muss zugeben, dass ich bei einem Teil dieser schönen Geschichten zuvor geneigt war, sie als Tatsachen hinzunehmen. Nicht gerade die Nummer, dass in London Schwangere das Recht haben, ihre Notdurft in den Bobbyhelm des nächsten Polizei-Officers zu verrichten. Auch die Story, dass der Name Nylon aus der Verbindung von New York und London entstanden sein soll, schien mir nicht eben glaubhaft.

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Nicht Coco Chanel, nur City Council.
Sofern nicht anders gekennzeichnet, alle Fotos in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

Aber dass die Laternenpfähle in Westminster das Markenlogo von Coco Chanel tragen, hätte sich durchaus mit dem nicht unverdienten exzentrischen Ruf der Engländer vertragen. Die Geschichte dahinter lautet, dass die französische Modegöttin in den 1920er Jahren eine Romanze mit dem Duke of Westminster hatte, der dafür sorgte, dass das Doppel-C gülden auf die  lokalen Masten gepinselt wurde. Doch so schön die Geschichte wäre, die platte Wahrheit lautet: Das Symbol tauchte erst in den 50er Jahren auf, und steht schnöde für City Council.

In hübscher Umkehrung der in Köln gern kolportierten Erzählung, dass die Alliierten den Dom von ihrem Bombardement bewusst ausgenommen hätten (der Kultur wegen), kursiert in London ein gleich lautender Mythos: Das Senate House, der Verwaltungssitz der University of London, sei von deutschen Bomben verschont worden, weil die Nazis den Orwell’schen Bau schon als Sitz für ihr Londoner Hauptquartier ausgemacht hatten.

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Senate House der University of London

Hier wie dort gelten die gleichen Argumente: Es gibt keinerlei Dokumente, die eine solche Absicht belegen. Zudem wurden die meisten Angriffe Nachts geflogen und in Sachen Präzision von Bombenabwürfen unterschieden sich Deutsche und Alliierte nur marginal. (Mea Maxima Culpa, Sack-und-Asche: Auch ich habe an dieser Stelle die These vom Nazi-Hauptquartier ungeprüft referiert, nicht die Aussetzung der Bombardierung zwar, aber doch den Tenor – und zwar im Vertrauen darauf, dass ein städtisch bestellter Stadtführer keinen blanken Unsinn verbreitet, und wenn er noch so schön ist. Was für eine Pleite!)

Und wie steht es mit der Aussage, jeder Londoner sei nie weiter als 6 Fuß, also etwa 2 Meter von einer Ratte entfernt? Beschränken wir uns bei dieser Überlegung der Einfachheit halber auf die vierbeinigen Exemplare: In dieser oder jener Variante existiert diese Überzeugung vermutlich in jeder Großstadt dieser Welt. Für London jedenfalls gilt das laut Timeout nur dann wenn man entweder im Kanalsystem wohnt oder seine Lieblingsratte überall mit hin schleppt. Im Schnitt, so haben offenbar einschlägige Untersuchungen ergeben, befindet sich der Londoner beruhigende 164 Fuß vom nächsten Nager entfernt.

TowerBridgeDer liebste, immer wieder gern erzählte – und noch lieber geglaubte – Londoner Stadt-Mythos, ist der vom Verkauf der London Bridge: Als die in den 60er Jahren erneuert wurde, kaufte ein durchgeknallter Amerikaner die Brücke komplett für zweieinhalb Millionen Dollar, um sie Stein für Stein nach Arizona zu verschiffen und bei sich zuhause aufzustellen. Dummerweise dachte er bei London Bridge an die Tower Bridge,  weshalb er beim Auspacken so große Augen machte wie unsereins, wenn wir den Karton der Schrankwand Oeresund öffnen und uns denken: die drei Bretter ergeben im Leben kein Regal!

Nur, der Käufer wusste offenbar doch, was er da ersteigert. Er ließ sich die London Bridge also liefern, stellte sie irgendwo in die Landschaft, in der passender Weise sogar ein See lag, den man überspannen konnte, zur Förderung von Straßenverkehr wie Tourismus.

London_Bridge,_Lake_Havasu,_Arizona,_2003

Die London Bridge in ihrer neuen Heimat Arizona (c) Wikipedia

Und es klappte: Die transplantierte London Bridge ist laut Wikipedia die zweit wichtigste Attraktion Arizonas nach dem Grand Canyon. Zu dumm! Die Geschichte vom dusseligen Ami hätte zu schön gepasst. Zumindest in unser Vorurteil. Oder wie es Timeout ausdrückt: „Oh, how we love to mock our American cousins. Give us a half-baked story that makes them look daft and we’ll swallow it whole.“

Was uns zur Gretchen-Frage bringt, warum sich so viele dieser Legenden so hartnäckig halten: Weil wir die Geschichte demjenigen zutrauen, dem sie zugeschrieben wird, sei es ein einzelner oder eine Gruppe. So erzählt jeder moderne Mythos ein großes Stück Wahrheit. Nicht über den Gegenstand der Geschichte, sondern über die Vorurteile und Ressentiment derjenigen, die solche Geschichten weiter tragen, also über uns.

Das schöne an London aber ist, dass auch nach der Entzauberung all dieser Mythen genug Geschichten übrig bleiben, die in die Kategorie fallen: reichlich schräg – aber absolut wahr. Ganz bestimmt.

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